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Leben in Zukunft : Das merkwürdige Glück der Bewegungslosigkeit

  • -Aktualisiert am

Smart Home ist der Anfang - in Zukunft wird noch viel mehr vernetzt sein. Bild: obs/Coqon

Das Auto fährt selbst, der Kühlschrank bestellt allein, und der Pizzadienst kennt meinen Geschmack besser als ich. Die Zukunft wird bequem. Und langweilig. Bestenfalls. Eine Utopie.

          7 Min.

          Um 6.55 Uhr sendet das Armband die Schlafstatistik an den Wecker und an die Kaffeemaschine. Die Tiefschlafphase endet in sieben Minuten, der Wecker klingelt um 7.03 Uhr. Der Kaffee ist heute eine mittelstarke Röstung aus dem Hochland Ecuadors. Der Kühlschrank schiebt die Brombeermarmelade raus, diese Kombination hatte sich in den vergangenen Jahren signifikant als leistungsförderlich und aktivitätsstimulierend erwiesen an vergleichbaren Spätsommertagen mit mittlerer Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit und einer gewissen Regenwahrscheinlichkeit.

          Von den Regressionen, Progressionen und Zeitreihenanalysen bekomme ich nichts mit. Ich lese sogar noch eine Zeitung auf Papier, das bekomme den Augen besser, sagt die Brille. Meine ironische, romantische Viertelstunde. Outlook wertet derweil die Termine aus. Es erkennt anhand des Schriftverkehrs zwei Gesprächstermine von gewisser formeller Bedeutung. Der Kleiderschrank rumpelt. Eine vorgebundene Krawatte – ein Enten-Motiv, gemäß dem im Outlook festgeschriebenen Zielort „Hotel Jagdhaus Wiese“, Sauerland – und blau-beige Kleidung aus leichter Baumwolle liegen nun bereit. Die Transpirationsstatistik war nicht gut zuletzt, das System setzt bei den Stoffen an.

          Weil die Wetterdaten 70 Prozent Regenwahrscheinlichkeit für den Sauerlandkreis am Nachmittag vorhersagen, und weil ein Großteil der Besucher des Jagdhauses Wiese zuletzt dort auch Spaziergänge unternommen hatten, liegt auch schon ein Schirm da. Ich lasse ihn liegen, gehe raus und höre noch, wie sich das Fenster schließt, denn der Wind nimmt jetzt zu, und das bekommt den Zitronen im Wintergarten nicht gut, die endlich reif werden sollen, und ich hatte dem Klimasystem gesagt: Es ist wichtig, dass es den Zitronen gutgeht.

          „me Convention 2017“ : Technik alleine unterwegs

          Nikotingehalt auf Basis meiner Herzwerte

          Das Auto hat Bus und Bahn längst abgelöst. Die Deutsche Bahn wurde in den Maghreb verkauft, wo man an so etwas noch glaubt; nun fahren die Züge durch die Wüste. Der datenoptimierte Individualverkehr, mit einer Menge „Sharing“, war hierzulande ökologisch überlegen. Ich habe sogar noch ein eigenes Auto, wegen der Arbeit. Es fährt mit den anderen über die Straßen wie Gondeln über die Kanäle. Ferngesteuert und wegoptimiert, sie sind rund wie Autoscooter, innen Büros, Schlafzimmer oder Heimkinos, oder Sammeltaxis; die halten per Klick.

          Das Auto bietet schönen Komfort, wie in der Businessclass. Mein Auto ist groß, denn ich brauche eine Liege und einen Schreibtisch. Ich bin Funktionär auf einflussreichem Posten. Das Auto fährt jetzt von allein los. Heute zwei Stunden, ich lese vorbereitende Texte, und schaue aus dem Fenster auf große Windräder und sehr große Windräder und Wald. Das Auto hält einmal zum Stromtanken an, dort, wo die Wartezeit kurz ist und der Preis günstig, es bezahlt mit meiner Kreditkarte. Ich gehe kurz an die Sonne raus und rauche meine Zigarette, die einen optimierten Nikotingehalt auf Basis meiner Herzwerte und eine Geschmacksrichtung von Apfel und Menthol auf Basis der Geschmackspräferenzen enthält, wie sie Menschen und insbesondere Männer meines Alters und meines Bildungsgrades in vergleichbaren Situationen eben haben, beruflich und montags und vormittags. Das alles ist zugegebenermaßen etwas albern, aber auch zeitgemäß und praktisch, und man gewöhnt sich schnell daran. Das Auto fährt dann weiter auf dem schnellsten Weg auf der Basis von Stau- und Wetterdaten, historischer und gegenwärtiger Datenabgleiche. Alle Sorgen von Autofreiheitsmobilisten waren unbegründet: Seitdem wir das Lenkrad nicht mehr in den Händen halten, sondern gefahren werden, fühlt es sich gar nicht an wie „fremdgesteuert“, sondern wie „noch freier“, auch wenn wir das anders befürchtet hätten.

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