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Über die Ice Road nach Tuk : Das Eis schmilzt

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Auf nach Tuktuuyaqtuumukkabsi: Mehr als 60 Tonnen trägt die Eisschicht nicht. Lastwagen, die zu schwer sind, brechen ein und verschwinden im Fluss. Bild: Andreas Lindlahr

Abenteuerliche Reise bei Minus 40 Grad in den Nordwesten der kanadischen Arktis. Einzige Verbindung zur Zivilisation ist eine Straße, die langsam stirbt.

          4 Min.

          Eine malerische Winterlandschaft ist das nicht. Wenngleich es Eis und Schnee gibt, so weit das Auge reicht, so fehlt doch das, was die Zivilisation eine Landschaft nennt. Wir fahren über einen Fluss dem Polarmeer entgegen. Nicht auf einem Schiff, sondern in einem Jeep Cherokee.

          Wir messen minus 40 Grad Celsius, die Fahrt geht über Eis. Kanadische Arktis, nördlich des Polarkreises. Dort, wo auf Fremde keine Hotels mehr warten, weil niemand freiwillig hierher reist. Wer dennoch kommt, braucht Arbeit und wohnt in einer lausigen Behausung. Das Schmerzensgeld lockt. Entbehrungen werden hier fürstlich entlohnt, denn süße Annehmlichkeiten des Südens verfallen hier in Froststarre. Nur das allgegenwärtige Internet verkürzt lange Nächte im Winter und lange Tage im Sommer. Es gibt nur wenige Siedlungen hier, die nördlichste heißt Tuktuuyaqtuumukkabsi.

          Einbahnstraße der Zivilisation

          Wir spuren durch die Eiswüste jenseits der Baumgrenze, wo die Taiga in die Tundra mündet. „Ihr fahrt in eine Einbahnstraße der Zivilisation“, wurden wir gewarnt. An ihrem Ende liegt Inuvik, ein 3000-Seelen-Nest, angeblich die größte Stadt Kanadas nördlich des Polarkreises. Wir erreichen sie über den North Klondike Highway, biegen in Dawson City auf den Dempster Highway ab und fahren 736 Kilometer Staubstraße nordwärts, bis nichts mehr geht. Für uns geht es hier erst los. „Wir wollen nach Tuktoyaktuk“, erklären wir an der letzten Tankstelle Inuviks und blicken in unverständige Gesichter. Dort gebe es doch nichts zu sehen, nur die Ice Road führe dorthin. Der Tankwart schüttelt den Kopf.

          Eis-Straßen sind keine Erfindung des kanadischen Nordens. Zahlreiche Länder legen sie an, um über zugefrorene Seen und Flüsse Distanzen zu verkürzen. Doch anders im Mündungsdelta des MacKenzie-Flusses am kanadischen Polarmeer, das hier Beaufortsee heißt. Hier ist die Ice Road einzige Verbindung nach Tuktoyaktuk, das in der Sprache der Inuit Tuktuuyaqtuumukkabsi heißt. Doch weil der Ortsname mehr Buchstaben zählt, als hier Einwohner leben, sagt jeder nur „Tuk“.

          Glatte Fahrbahn – Richtung Norden und immer geradeaus. Bilderstrecke
          Glatte Fahrbahn – Richtung Norden und immer geradeaus. :

          Taut das Eis, ist Tuk von der Außenwelt abgeschnitten, umgeben von unpassierbarem Moor. Folglich wird im Winter rangefahren, was geht. Alles, was mehrere hundert Inuit und neuerdings auch rund hundert Straßenarbeiter das ganze Jahr über benötigen. Auf Lastwagen mit maximal 60 Tonnen Gesamtgewicht. Mehr trägt die etwa 80 Zentimeter dicke Eisschicht des MacKenzie nicht. Wer die Tragfähigkeit überschätzt, wird im Sommer aus dem Flussbett gezogen. Oder nie.

          Elektronische Helfer zwingen den Cherokee auf Kurs

          Ist Inuvik aus dem Rückspiegel verschwunden, bleibt wenig, woran sich der Blick klammern kann. Findet er doch etwas, stockt dem Betrachter der Atem. Hat jemals ein Auto über Wasser ein Schiff überholt? Der Frachter liegt festgefroren im Eis und wartet auf den Sommer. Die Besatzung überwintert vermutlich in Florida.

          Flussabwärts zieht die Einsamkeit der Eiswüste unter die Haut. Eine etwa zehn Meter breite Fahrrinne wird von Schneepflügen offen gehalten. Für die Versorgungsfahrzeuge nach Tuk. Kilometerweise geht es nur geradeaus, und unsere Blicke verlieren sich links und rechts der Fahrspur für Minuten in der unwirtlichen Natur. Dann wächst die Langeweile zum Koller heran. Wir entdecken den Reiz des Slalom-Fahrens, bei dem wir den Cherokee über die Haftungsgrenze der Reifen treiben. Durch entschlossenes Einlenken und gleichzeitiges Anbremsen verführen wir unseren „Häuptling“, den stabilen Geradeauslauf zu verlassen. Für Sekunden gelingt es. Doch dann ziehen die elektronische Helfer die Zügel an und zwingen uns wieder auf Kurs.

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