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Wasserknappheit in Königstein : „200 Liter am Tag sind zu viel“

Sparsam: Aus Wassermangel ist der Brunnen vor dem Königsteiner Rathaus abgeschaltet. Bild: Marcus Kaufhold

Der hohe Verbrauch im Sommer überfordert die Wasserversorgung in Königstein. Für den Zukauf von außen gibt es Grenzen.

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          Auf die Frage, ob es in Königstein genug Wasser gibt, hat Stadtwerke-Chef Peter Günster zwei Antworten. Grundsätzlich würde er sagen: Ja, die Stadt ist ausreichend versorgt. Derzeit allerdings müsste er die Frage verneinen. In der Stadt im Taunus herrscht seit Wochen Trinkwasserknappheit. Deshalb dürfen nach der voriges Jahr erlassenen Gefahrenabwehrverordnung keine Rasenflächen von mehr als 200 Quadratmetern gewässert oder Schwimmbäder mit mehr als 25 Kubikmeter Wasser befüllt werden. Noch ist kein Notstand ausgerufen, bei dem Gartenbesitzer auf jegliches Gießen verzichten müssten. Aber auch bei Verstößen gegen die jetzt geltenden Regeln könnte die Stadt eine Geldbuße von bis zu 5000 Euro verhängen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Mit diesem Zustand ist Königstein nicht allein. Wie seine Kollegen in anderen Kommunen berichtet Günster von einem täglichen Verbrauch, der seit April weit über den üblichen Werten liege. Normalerweise geben die Stadtwerke in dem Frühjahrsmonat 2500 Kubikmeter Wasser am Tag ab. Diesmal waren es mehr als 4000 Kubikmeter. Der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch der Königsteiner stieg von 143 auf fast 230 Liter. Dazu trug das warme und trockene Wetter bei, aber vermutlich auch das Corona-bedingte Homeoffice.

          Sparappelle der Stadt blieben ohne Wirkung. „Erst als die Feuerwehr Anfang August mit Lautsprecherwagen durch die Straßen gefahren ist, ging der Verbrauch sofort um 1500 auf 3000 Kubikmeter nach unten“, sagt der ehrenamtliche Erste Stadtrat Jörg Pöschl (CDU). Damit blieben immer noch 170 Liter für jeden Königsteiner. „Da kann niemand von Einschränkungen für den persönlichen Bedarf sprechen.“ Der eine oder andere Regenschauer hat ebenfalls den Verbrauch kurzzeitig gesenkt, doch inzwischen liefern die Stadtwerke wieder täglich 3500 Kubikmeter, Tendenz steigend.

          Keine Schwachstelle in der Infrastruktur

          Pöschl macht dafür vor allem automatische Beregnungsanlagen und Pools verantwortlich. Im Vergleich zu früher seien auf den neuen Satellitenaufnahmen eines Online-Kartendienstes mehr blaue Punkte zu sehen. Jedenfalls sei auffällig, dass der Unterschied zwischen dem Wasserverbrauch im Winter und im Sommer in den Villengegenden am größten sei.

          Dabei sei die Lage in Königstein eigentlich besser als früher, sagt der Stadtwerke-Betriebsleiter. Wie in ganz Deutschland sank auch in Königstein der Wasserverbrauch je Einwohner, von durchschnittlich 174 Liter täglich im Jahr 1987 auf 154 Liter im Jahr 2019. Auch die Infrastruktur ist keine Schwachstelle. „Von den sieben Hochbehältern sind fünf grundsaniert, einer kommt nächstes Jahr dran, und der siebte ist so weit in Ordnung“, sagt Günster. Die Anlagen könnten durch eine neue Fernwirkanlage effektiver gesteuert werden.

          Das Leitungsnetz sei in den vergangenen Jahren ebenfalls erneuert worden, wodurch sich Verluste durch Leckagen von 20 Prozent in den neunziger Jahren auf jetzt fünf Prozent verringert hätten. Seinen Eigenanteil an der Versorgung hat Königstein durch die bessere Nutzung eines Stollens erhöht, der von der Frankfurter Stiftung Hospital zum Heiligen Geist gepachtet ist. „Den Fremdbezug über den Wasserbeschaffungsverband und damit Hessenwasser haben wir von früher 20 auf zehn Prozent halbiert“, sagt Günster. Etwa eine Million Kubikmeter Wasser geben die Stadtwerke im Jahr an die Haushalte ab.

          Anhaltende Trockenheit und Wachstum

          Ein häufig genannter Grund für steigenden Wasserverbrauch fällt in Königstein weg. Die Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen 30 Jahren kaum verändert. 2019 lag sie mit 17.500 sogar knapp unter dem Wert von 1990. Trotzdem spürt die Stadt das Wachstum der Region. Denn der Absicht, im Sommer mehr Fremdwasser zu beziehen, sind Grenzen gesetzt. Der Erste Stadtrat gehört dem Vorstand des Wasserbeschaffungsverbands Taunus an, der über den Vorlieferanten Hessenwasser das Trinkwasser aus dem Ried bezieht. „Alle Kommunen hatten einen Mehrbedarf von mehr als 40 Prozent“, sagt Pöschl. „Da reicht es nicht.“ Hessenwasser hat mit dem Beschaffungsverband im Juni einen neuen Vertrag geschlossen, der höhere Preise für die Spitzenmengen vorsieht. Vor allem aber pocht der Versorger inzwischen auf die schon immer enthaltene Vertragsklausel, nur „nach Können und Vermögen“ zu liefern. Das habe man früher weniger kritisch gesehen, als der Einzelbedarf rückläufig gewesen sei, sagt ein Sprecher von Hessenwasser. Inzwischen jedoch werde das Wasser lokal knapp, und immer mehr Kommunen müssten nicht nur die Spitzen-, sondern auch die Grundlast durch Zukauf abdecken.

          Anders als in den beiden Trockenjahren 2018 und 2019 ist in diesem Jahr die Zuleitung aus dem Ried nicht an ihre technischen Grenzen gestoßen. „Es gab auch keinen neuen absoluten Spitzenverbrauchstag wie 2019“, so der Sprecher. Trotzdem habe man Ende August über der Abgabemenge des Vorjahres gelegen. Die hohe Grundlast durch das Wachstum der Region verbinde sich mit der anhaltenden Trockenheit. Investitionen in die Infrastruktur seien deshalb ebenso wichtig wie die gemeinsame Bewirtschaftung, um das Wasser für alle verfügbar zu halten. „Dafür haben wir mit dem Hinweis auf die Klausel Bewusstsein schaffen wollen.“

          So wie dem Fremdbezug Grenzen gesetzt sind, kann Königstein auch die eigene Gewinnung nicht mehr steigern. „Im Schiefergebirge, wo das Wasser aus Kluftgrundwasserleitern strömt, können wir keine neuen Quellen erschließen“, sagt Stadtwerke-Chef Günster. In den vorhandenen reiche das Wasser wegen der Trockenjahre noch für den normalen Gebrauch, aber nicht für eine großflächige Gartenbewässerung. „Verbrauchswerte von 200 Litern je Einwohner wie jetzt sind auf Dauer zu hoch.“ Die 2700 Kubikmeter Eigengewinnung am Tag lasse sich nicht steigern. „Uns fehlt die Schneeschmelze für die Neubildung von Grundwasser“, ergänzt der Erste Stadtrat. Die gerade verabschiedete Zisternensatzung sei ein Schritt, um den Spitzenverbrauch zu senken. „Wie im Wald müssen wir auch bei den Gärten umdenken und hitzeresistente Pflanzen suchen.“

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