https://www.faz.net/-gzg-9ig7m

Wissenschaftlicher Nachwuchs : Laptop statt Bunsenbrenner

  • -Aktualisiert am

Neue Form der Forschung: Der Laptop gewinnt in der Wissenschaft an Bedeutung. (Symbolbild) Bild: ZB

Vera Krewald beschreitet einen neuen Karriereweg in der Wissenschaft. Die Chemikerin ist eine der ersten Tenure-Track-Professoren der TU Darmstadt. Ihre Anstellung ist zeitlich begrenzt.

          3 Min.

          Viel Zeit, ihr neues Büro an der TU Darmstadt einzurichten, hatte Vera Krewald noch nicht. Ein paar Ordner stehen in einem ansonsten leeren Regal, auf dem Schreibtisch findet sich nur ein Laptop. Im Zimmer nebenan sollen bald die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihres Teams einziehen; noch lagern dort die Umzugskartons. Das Namensschild hängt allerdings schon, und auch Krewald selbst ist angekommen: „Die neuen Kollegen haben mich mit offenen Armen empfangen, ich habe mich direkt wohl gefühlt auf dem Campus.“ Die Chemikerin ist die erste von zwölf sogenannten Tenure-Track-Professoren an der TU, die zum Jahreswechsel ihre Stellen in Darmstadt antreten.

          Krewald besetzt die erste Professur an der TU, die aus dem Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bezahlt wird. Das Bundesforschungsministerium finanziert bis 2032 rund 1000 neue Tenure-Track-Professuren in Deutschland, bis zu einer Milliarde Euro stehen dafür bereit.

          Sechs Jahre in der „Bewährungsphase“

          „Tenure Track hört sich erst mal ungewöhnlich an, der größte Unterschied zur klassischen Professur ist vor allem, dass sie zunächst zeitlich begrenzt ist und man durch die Zwischenevaluation und einen Mentor wichtiges Feedback zu seiner Entwicklung erhält“, erklärt Krewald. Anstelle eines Fachkollegen aus der Chemie wird Krewald in den nächsten Jahren ein externer Betreuer zur Seite stehen.

          Und anstatt der acht Jahre, die eine Habilitation in der Regel dauere, durchläuft sie einen Zeitraum von sechs Jahren, den das Ministerium „Bewährungsphase“ nennt. Sie dient der Chemikerin nach eigenen Worten dazu, ihre Fähigkeiten zu erproben, „denn man hat ausreichend Zeit, ein eigenständiges Forschungsprofil und ein überzeugendes Lehrportfolio zu entwickeln“.

          Forscht häufiger am Laptop als im Labor: Chemikerin Vera Krewald.
          Forscht häufiger am Laptop als im Labor: Chemikerin Vera Krewald. : Bild: Marcus Kaufhold

          Modelle sind in Großbritannien üblich

          Krewald ist 31 Jahre alt, 2005 begann sie das Chemiestudium in Bonn. Dort war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig, 2014 wurde sie am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr promoviert. Mit einem Marie-Curie-Stipendium wechselte sie 2016 nach Wien, bevor sie Anfang 2017 eine Stelle an der Universität Bath in Südengland, antrat. „In Großbritannien und den USA ist das Tenure-Track-Modell schon viel üblicher“, sagt Krewald, während sie durch das Chemie-Gebäude der Uni führt. Erst vor kurzem ist sie aus England zurückgekehrt, die britische Sim-Karte steckt noch im Handy.

          Die junge Wissenschaftlerin trägt eine Anzughose und ein dunkelblaues Jackett, weißer Laborkittel und Sicherheitsbrille gehören nur in Ausnahmefällen zur Arbeitsgarderobe. „Den typischen Chemiker stellt man sich ja meist im Labor vor, wie er mit streng riechenden Stoffen hantiert und Experimente durchführt.“ Krewalds Arbeitsplatz ist jedoch vor allem der Laptop. Verbrennungen und Rauch gebe es nur in den Labors der TU, große Teile der chemischen Forschung fänden an den Rechnern statt. „Die Quantenchemie verwendet aus der Physik bekannte Formeln, die mit Computerprogrammen auf Hochleistungsrechnern ausgewertet werden. So können wir die Eigenschaften von Molekülen genau berechnen.“ Wenn Experimente im Labor abliefen, so Krewald, reagierten Trillionen von Molekülen miteinander. „In der theoretischen Chemie teilen wir diese Prozesse auf und können so Reaktionsschritte einzeln betrachten. Die Reaktionen werden sozusagen entschleunigt.“

          Professur auf Lebenszeit winkt

          Als Tenure-Track-Professorin möchte sich Krewald unter anderem mit Energieforschung befassen. „Ein drängendes Zukunftsproblem“, sagt sie. So untersucht sie beispielsweise die Details der Umwandlung von Sonnenenergie in chemische Energie bei der Photosynthese. Auch das geschieht hauptsächlich am Laptop und nicht etwa mit Erlenmeyerkolben und Bunsenbrenner. An neuen Konzepten zur Energiegewinnung arbeiten in Darmstadt nicht nur Chemiker, sondern auch Gesellschaftswissenschaftler, Architekten, Informatiker und Ingenieure. „Der interdisziplinäre Ansatz macht das Ganze so spannend“, findet Krewald.

          Mit dem Tenure-Track-Programm möchte das Bundesministerium einerseits das deutsche Wissenschaftssystem international attraktiver und wettbewerbsfähiger machen, andererseits aber auch die Karrierewege planbarer und transparenter gestalten. Für Krewald heißt das: Nach den sechs Jahren im Tenure Track ist ihr – sofern sie sich bewährt – eine Professur auf Lebenszeit sicher. Auch liegt das Gehalt deutlich über dem einer Juniorprofessur.

          „Planbar ist aber nicht nur der Karriereweg, sondern vor allem die eigene Forschung“, sagt Krewald. Nun habe sie mehr Möglichkeiten und vor allem mehr Zeit als auf einer vergleichbaren Stelle als Postdoktorandin. „Daher kann ich mich intensiver meinen Forschungsprojekten widmen. Besonders freue ich mich darauf, die Ergebnisse bei internationalen Kongressen vorzustellen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.