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SV Darmstadt 98 : Ein Rennrad für den Aufsteiger

  • -Aktualisiert am

Die Bagger können kommen: Das Land Hessen hat für den Umbau des Darmstädter Böllenfalltorstadions 10,5 Millionen Euro bewilligt. Bild: Fricke, Helmut

Vor dem Trainingsstart erhält Darmstadt 98 für den Stadionumbau 10,5 Millionen Euro vom Land. Coach Schuster spricht von harter Vorbereitung und will noch bis zu sieben Qualitätsspieler holen.

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          „Badehosen ausziehen und Taucherflossen ablegen!“ So lautet der launige Tagesbefehl des Darmstädter Fußballtrainers Dirk Schuster für diesen Donnerstag. Fleißig, fleißig: Der Aufsteiger in die zweite Liga fängt als erster Verein mit der Saisonvorbereitung an – und das, obwohl die „Lilien“ Mitte Mai durch die beiden Relegationsspiele gegen Bielefeld in die Verlängerung gegangen waren und nur etwas mehr als drei Wochen Urlaub hatten. Zumindest vor dem ersten Arbeitstag von 15 Uhr an auf dem Sportgelände des SV Traisa müssen sich die Profis nicht fürchten. „Ganz locker und easy“ werde der Aufgalopp, sagt Schuster und kündigt eine Art „Trainingsspiel“ zur Begrüßung an. In der abgelaufenen Runde zählten die Hessen zu den Drittligateams mit der besten Fitness.

          Trotzdem: „Diese Vorbereitung wird härter.“ Und weiter: „Man muss auch mal an die Kotzgrenze gehen. Wir müssen in jeglicher Hinsicht ein bisschen zulegen.“ Schuster kann seine Spieler aber beruhigen. „Gesundheitliche Schäden wird in den kommenden Wochen keiner davontragen“, sagt er. Und eine Verschnaufpause gibt es ebenfalls – von Ende Juni an ruht der Trainingsbetrieb für eine Woche. Anschließend beziehen die Darmstädter vom 6. Juli an für sieben Tage ein Trainingslager im Schwarzwald. Das erste Pflichtspiel für den SV 98 ist das nachzuholende Hessenpokalfinale am 19. Juli bei den Offenbacher Kickers.

          Neues Stadion ist ein „Quantensprung“

          Mehr als eineinhalb Monate vor dem Saisonstart Anfang August sprüht Schuster vor Tatendrang. Er weiß um die Schwere der Aufgabe, die er dann als erledigt betrachtet, wenn die „Lilien“ den Klassenverbleib geschafft haben. In einer Liga, die „für viele Spieler Neuland“ sei. Das ist der eine Grund, warum der Sechsundvierzigjährige aufs Tempo drückt. Außerdem will er den einen oder anderen Testkandidaten vorspielen lassen. Der Trainer sucht noch sechs bis sieben „richtige Qualitätsspieler“, die der Mannschaft „kurz- und mittelfristig weiterhelfen“ werden. Unerfahrene Drittligaakteure scheiden damit aus, brauchten sie doch Zeit, sich in der zweiten Liga einzugewöhnen. Gestandene Zweitliga- oder sogar Erstligaprofis sind vielmehr die anspruchsvollen Wunschobjekte des Liganeulings. Nur eine Ablösesumme dürfen sie nicht kosten. Schon für tauglich befunden wurden die ersten beiden Neuzugänge, die ehemaligen Mainzer Torhüter Christian Wetklo und Christian Mathenia. Am Ende sollen 21 oder 22 Feldspieler sowie drei Torhüter den Kader bilden. Eine geschlossene Gesellschaft werden die Darmstädter, deren Personaletat rund fünf Millionen Euro beträgt, zum Saisonauftakt aber wohl noch nicht sein. Bis zu zwei Plätze möchte Schuster noch frei halten, er drückt das so aus: „Ein oder zwei Patronen halten wir trocken, um nicht alles zu verballern. Wir bauen uns den Kader nicht zu.“

          Apropos bauen: Für den Umbau des maroden Stadions am Böllenfalltor stellt das Land Hessen der Stadt Darmstadt Finanzmittel in Höhe von 10,5 Millionen Euro aus dem Landesausgleichsstock zur Verfügung. Das wurde am Mittwoch bekanntgegeben. „Wir haben entschieden, diese Mittel für den Umbau des städtischen Stadions zur Verfügung zu stellen“, sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne). Für den SV 98 sei das „definitiv ein Quantensprung. Wir dürfen von einem verrosteten Fahrrad auf ein wettbewerbsfähiges Rennrad umsteigen“, sagte Vereinspräsident Rüdiger Fritsch. „Es ist eine existentielle Entscheidung für die nachhaltige Weiterentwicklung des Vereins.“

          Nach Bomben und Minen gesucht

          Ein zusätzlicher Antrag der Stadt auf Sportfördermittel des Landes soll für weitere Stadionmaßnahmen eingesetzt werden. So könnten wohl bis zu 14 Millionen Euro zusammenkommen. Kosten soll die Arena rund 28 Millionen Euro. Was den fehlenden Teil angeht, werde man ein „innovatives Betreibermodell aufstellen müssen“, sagte Fritsch. „Wenn alles gut läuft, könnten in einem Jahr die Bagger rollen.“ Die Umbauarbeiten für die bevorstehende Zweitligasaison haben schon begonnen. So suchte der Kampfmittelräumdienst den Boden unter der Spielfläche nach Bomben und Munition ab. Die „Lilien“ erhalten unter anderem eine Rasenheizung, um die Auflagen der Deutschen Fußball-Liga zu erfüllen.

          Am Zuspruch des Publikums mangelt es den Darmstädtern schon jetzt nicht. Die augenblickliche Nachfrage deutet darauf hin, dass sie diesmal bis zu 5.000 Dauerkarten verkaufen werden. Im Vergleich zur Vorsaison hätte sich die Zahl dann verfünffacht. Mit 8.000 bis 10.000 Zuschauern pro Spiel rechnet der Verein in Zukunft, das ist eine vorsichtige Kalkulation. „Wir werden immer mal wieder ein Ausrufezeichen setzen“, sagt Fritsch. Er erwartet bei Spielen wie gegen Kaiserslautern und Nürnberg ein volles Haus. Die Anhänger sollen dann die gewohnten Darmstädter Tugenden wie Leidenschaft zu sehen bekommen. Der „fußballerische Innovationspreis“ stehe bei den „Lilien“ nicht an erster Stelle, sagt der Präsident. Und weiter: „Wir werden uns auch wieder ans Verlieren gewöhnen müssen.“

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