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Sinkende Einnahmen erwartet : Stiftungen wegen Niedrigzinsen unter Druck

  • -Aktualisiert am

Hohe Rendite bei der Hertie-Stiftung: Vorstandschef Frank-Jürgen Weise Bild: dpa

Jede zehnte deutsche Stiftung sitzt in Hessen. Die Niedrigzinsen machen den Wohltätern zu schaffen. Viele gehen stärker ins Risiko und legen Geld in Aktien an.

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          Unter den niedrigen Zinsen ächzen nicht nur Banken und Sparer. Auch die Stiftungen leiden darunter, dass zum Beispiel Staatsanleihen kaum mehr Erträge erbringen. Das trifft Hessen und Frankfurt besonders hart. Denn die Mainmetropole nennt sich selbst gerne Stiftungs-Hauptstadt, und Hessen bezeichnet sich als Stifter-Land. Von den rund 21.000 Stiftungen in Deutschland gibt es etwa 2000 in Hessen. Gewinne aus der Anlage ihres Vermögens sind für viele der Stiftungen unverzichtbar, denn sie finanzieren damit ihre Projekte. Deshalb gehen mittlerweile viele von ihnen stärker ins Risiko und stecken ein Teil ihres Vermögens zum Beispiel in Aktien.

          Der „Deutschsommer“ der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft, das Start-Stipendium für Migranten- und Flüchtlingskinder der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern an der Frankfurter Goethe-Universität durch die Alfons und Gertrud Kassel-Stifung und viele andere gemeinnützige Aktivitäten wird es weiterhin nur geben, wenn die Stiftungen einen Weg finden, auch in Zeiten der Niedrig-, Null- oder bald auch der Strafzinsen auskömmliche Erträge zu erwirtschaften.

          Rendite von 9,5 Prozent

          Wie man das schafft, macht die in Frankfurt ansässige Hertie-Stiftung vor, die mit einem Vermögen von etwa einer Milliarde Euro zu den reichsten Stiftungen im Land zählt. Ihr Vorstandsvorsitzender Frank-Jürgen Weise konnte im Frühjahr stolz verkünden, dass die Stiftung 2015 aus ihrem Vermögen eine Rendite von 9,5 Prozent erwirtschaftet hat.

          Im Durchschnitt erzielte Hertie in den vergangenen fünf Jahren aus ihren Anlagen einen Gewinn von 7 Prozent. Sie konnte damit nicht nur ihr Vermögen substantiell erhalten, sondern auch beträchtliche Mittel für ihre vielen Projekte ausschütten, in diesem Jahr rund 36 Millionen Euro. Fünf Prozent Rendite pro Jahr lautet das strategische Ziel, das sich Hertie für die Zukunft gesteckt hat.

          Sinkende Einnahmen erwartet

          Eine solche Gewinnhöhe erzielte laut einer Umfrage der Frankfurter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC in den zurückliegenden drei Jahren nur noch jede fünfte Stiftung. 95 Prozent der befragten Stiftungen gehen davon aus, dass ihre Einnahmen in den nächsten vier bis fünf Jahre sinken werden. 82 Prozent rechnen damit, dass sie ihre Fördertätigkeit einschränken müssen.

          Dass es nicht zwangsläufig abwärtsgehen muss, zeigen die Beispiele Hertie oder Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Aktien sind neben Private Equity, also der außerbörslichen Beteiligung an Unternehmen, für Hertie der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Die Stiftung hat etwa ein Drittel ihres Vermögens in Anteilscheine an Unternehmen investiert. Ein Blick auf die Höhenflüge des Dax oder des Nasdaq während der vergangenen Monate zeigt, dass diese Form der Geldanlage sich derzeit lohnt. Es kann auch einmal in die andere Richtung gehen. 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, verlor das Hertie-Vermögen neun Prozent seines Wertes.

          Aktien sind auch für die Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft das Mittel der Wahl, um auf die für die Projektarbeit nötigen Erträge zu kommen. Weil Staatsanleihen zumindest finanziell stabiler Länder wie Deutschland nichts mehr einbringen und die noch ertragreichen älteren Anleihen im Depot der Stiftung langsam auslaufen, hat Finanzchef Johann-Peter Krommer zusehends auf Aktien gesetzt. Deren Anteil liege jetzt bei 25 Prozent und dürfte noch wachsen, sagt Krommer. Er konzentriert sich dabei ganz auf Unternehmen, die eine Dividende ausschütten.

          Mit den von ihrem Mann hinterlassenen Aktien hat Gertrud Kassel jenes Stiftungsvermögen von mehr als 30 Millionen Euro aufgebaut, das sie nach ihrem Tod 2007 der Universität Frankfurt hinterließ. Ihr Vertrauter, Ekkehardt Sättele, der für die Kassel-Stiftung verantwortlich ist, hat anfangs einen Teil der Aktien erfolgreich verkauft, jetzt liegt der Aktienanteil bei 55 Prozent.

          Der Anteil ist ungewöhnlich hoch für eine Stiftung. Aktien galten bis vor geraumer Zeit vielen Stiftern und Stiftungsverwaltern als Teufelszeug, weil sie in ihrem Wert stark schwanken können. Laut PWC-Umfrage ist der Anteil von Aktien und sonstigen unternehmerischen Beteiligungen an den Stiftungsvermögen nach wie vor gering. Die weiterhin eher konservativ ausgerichteten Stiftungsverantwortlichen wollten traditionell das Risiko von Verlusten ausschließen und setzten deshalb vor allem auf Staatsanleihen, die stetig Zinsen erbrachten und ihren Wert nicht verloren. Doch jetzt gibt es für sichere Anleihen keine oder nur noch geringste Zinsen. Deshalb haben Stiftungen nach Meinung Sätteles keine Alternative, als einen Teil ihres Vermögens in Aktien anzulegen.

          „Mündelsicher“ anlegen

          Das Problem für manche Stiftung ist, dass sie per Satzung kein Geld in Anlagen mit Risiko stecken dürfen. „Mündelsicher“ ist der oft verwendete Begriff. Stiftungen, in deren Satzung dieses Wort auftaucht, bedauert Sättele. Sie hätten keine Chance mehr auf Erträge.

          Einen Weg aus dem Dilemma der gesunkenen Erträge hat die kleine Frankfurt Maecenia-Stiftung gefunden, die Frauen in Wissenschaft und Kunst fördert. Sie hat sich in eine Verbrauchsstiftung umgewandelt. So kann sie jetzt ihr Stiftungsvermögen innerhalb von zehn Jahren verbrauchen. Danach gibt es zwar voraussichtlich keine Maecenia-Stiftung mehr. Dafür können aber jetzt zehn Jahre lang Projekte solide finanziert werden.

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