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Der Wandertipp : Exoten an der Bergstraße

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„Zwei-Burgenstadt“ nennt sich Weinheim stolz. Neben der künstlichen Wachenburg auf dem gleichnamigen Berg ist stets die restaurierte Ruine der Windeck im Blick. Hier aus Sicht der intakten Altstadt. Bild: Thomas Klein

Vor 150 Jahren wurde mit Gewächsen aus aller Welt der Exotenwald in Weinheim geschaffen. Der Gang lässt sich bis zu Wachenburg und Ruine Windeck fortsetzen.

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          Mag es der Name auch nahelegen, in Weinheim wird anders als sonst an der Bergstraße kaum Wein ausgebaut. Die klimatischen Vorzüge lässt man hier Gewächsen angedeihen, deren Nutzwert eher ästhetischer Natur ist: Dank des botanischen Enthusiasmus derer von Berckheim wurde Weinheim zum Hort seltener Baum- und Pflanzenarten. Mit dem Staudengarten Hermannshof summiert sich die „Grüne Meile“ auf mehr als 100 Hektar.

          Christian Freiherr von Berckheim ließ seit 1872 im eigens angekauften Waldgebiet oberhalb des familiären Besitzes fremdländische Setzlinge ausbringen, die er zum Teil auf Reisen erstanden hatte. Einzige Auflage: Sie sollten dem bestehenden Forst angepasst werden. Rund 130 Baumarten wurden nach genauen Vorgaben neben damals noch alleenartigen Wegen gepflanzt.

          Den Schwerpunkt bildeten anfangs südländische Zedern und nordamerikanische Arten. Weitere erwarb der Graf zu immensen Kosten von Spezialbaumschulen in London, Gent oder Orleans. Vieles ging allerdings durch falsche Standortwahl und Frostschäden verloren. Und der Rest wäre wahrscheinlich vergessen, hätte nicht in den zwanziger Jahren ein tatkräftiger Forstamtsleiter die Anlage gerettet und für die Öffentlichkeit erschlossen.

          Die prächtigste Libanonzeder Deutschlands

          Als kulturelles Erbe pflegt heute das Land Baden-Württemberg den „Exotenwald“. Sämtliche der weiterhin ergänzten, in mehr als 140 Arten vertretenen Bäume sind erfasst und nach ihren Herkunftsregionen geordnet. Den beeindruckendsten Exemplaren, 57 Meter hohen Mammutbäumen, steht die prächtigste Libanonzeder Deutschlands kaum nach. Sie wächst hinter dem neugotisch veränderten Schlösschen derer von Berckheim (heute Rathaus), wo sie allerdings nicht, wie lange vermutet, vor oder bei der Umgestaltung des damals kurpfälzischen Anwesens in einen „englischen“ Landschaftsgarten gesetzt wurde. Jetzt gilt 1835 als Geburtsjahr.

          Genau 150 Jahre sind die Mammutbäume im Weinheimer Exotenwald alt. Unterdessen bis zu 57 Meter hoch, wurden sie im Rahmen der Pflanzungen durch Christian Freiherr von Berckheim im eigens angekauften Waldgebiet oberhalb des familiären Besitzes ausgebracht. Viele der rund 130 fremdländischen Baumarten gingen allerdings ein, bevor sie geschützt und erneuert wurden. Heute säumen gut 140 Sorten die verschlungenen Wege.
          Genau 150 Jahre sind die Mammutbäume im Weinheimer Exotenwald alt. Unterdessen bis zu 57 Meter hoch, wurden sie im Rahmen der Pflanzungen durch Christian Freiherr von Berckheim im eigens angekauften Waldgebiet oberhalb des familiären Besitzes ausgebracht. Viele der rund 130 fremdländischen Baumarten gingen allerdings ein, bevor sie geschützt und erneuert wurden. Heute säumen gut 140 Sorten die verschlungenen Wege. : Bild: Thomas Klein

          Die Berckheims zeitigten für Weinheim indirekt noch ganz andere Folgen. Graf Siegmund rettete durch Ankauf um 1900 die ruinöse Burg Windeck, verweigerte sich aber dem Ansinnen des Weinheimer Senioren-Convents, in dem Gemäuer eine Gedenkstätte für ihre gefallenen Kommilitonen einzurichten. . Wie zum Trotz schufen darauf die Alten Herren mit Spendengeldern bis 1913 eine Etage höher am Wachenberg eine Burg im idealisierenden staufischen Stil. Stolz nennt sich Weinheim seither „Zwei-Burgenstadt“.

          Wegbeschreibung

          Bei Wanderbeginn am Bahnhof Weinheims läuft man an der Bahnhof- zur Hauptstraße, mit der man rechts in die verkehrsberuhigte Altstadt gelangt. Abweichend lohnt der Gang links durch das kleinteilige Gerberviertel, bevor rechts über den Marktplatz mit dem früheren Rathaus und der neuromanischen Laurentiuskirche das Schloss erreicht wird. Hier wie auch sonst sind sonntags die Parkplätze gebührenfrei.

          Der eigentliche Schlosspark liegt jenseits davon, direkt in den Exotenwald übergehend. Die dort angezeigten Rundwege zu den Baumpatriarchen können für sich abgegangen werden, die Markierung roter Strich führt aber an fast allen vorbei. In immer neuen Serpentinen schraubt sich der Weg zwischen Zypressen, Serbischen Fichten oder Asiatischen und Kalifornischen Mammutbäumen in die Höhe.

          Buntes Arboretum

          Erst oben, hinter dem Linksknick an der Kreuzung, enden die fremden Gehölze, nicht jedoch der Wald. Mit seiner Artenvielfalt erscheint er wie deren Fortsetzung unter hiesigen Vorzeichen: Buchen, Kiefern, Eichen, auch mal Lärchen und Kastanien bilden das bunte Arboretum beim längeren, gleichwohl mäßigen Anstieg zum Geiersberg und weiter über die Höhe gen Goldkopf.

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