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Auf Wahlkampftour : Keine Angst vor Hunden und dem falschen Parteibuch

In viele Briefkästen kommt nur eine Karte mit der Aufschrift „Leider habe ich Sie nicht angetroffen. Viele Grüße, Ihr Karl Heinz Krug“ Bild: Wolfgang Eilmes

Karl Heinz Krug betreibt viel Aufwand: Er geht von Haus zu Haus, klingelt, wirft Flyer in Postkästen und redet mit den Bürgern. Denn der Sozialdemokrat will Bad Homburgs Oberbürgermeister werden.

          Das waren Zeiten, als der Ort noch nicht zu Bad Homburg gehörte. „Ober-Eschbach war früher rot“, sagt Friedrich Pleines, den alle nur Friedel nennen. Ein gutes Pflaster also für Karl Heinz Krug, Sozialdemokrat wie der Ortsvorsteher, um auf Hausbesuch zu gehen. Von Tür zu Tür will sich Krug, der am 14. Juni zum Oberbürgermeister gewählt werden will, vorarbeiten, so wie er es bisher in Ober-Erlenbach, im Gartenfeld und der Berliner Siedlung gemacht hat.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          1200 Mal hat er schon geklingelt, an diesem Nachmittag sollen einige hundert Besuche hinzukommen. 3500 will der Bürgermeister insgesamt schaffen. Pleines begleitet ihn. Drei Jahrzehnte lang war er seit der Eingemeindung Ortsvorsteher, unterbrochen von einem Dutzend Jahren, in denen er das Amt Holger Fritzel überlassen musste, damals CDU. Es hat sich eben manches geändert, seit Ober-Eschbach ein Stadtteil von Bad Homburg ist.

          „Ich habe Sie schon gewählt“

          Krug hat einen dicken Packen postkartengroßer Wahlkarten in der Hand. Im alten Ortskern geht es los, der Friseursalon an der Ecke ist das erste Ziel. Die Chefin nimmt freundlich eine Karte entgegen, als sich plötzlich eine Kundin zu Krug umdreht. „Ich habe Sie schon gewählt“, sagt die junge Frau mit hochgeklammerten Haaren. Ein guter Start, und auch in der Änderungsschneiderei nebenan findet der Wahlkämpfer Abnehmer für seine Karten. Entlang der Ober-Eschbacher Straße an vielen Stellen das gleiche Bild: Am Gehweg stehen die alten Bauernhäuser, an der Rückseite des Hofs sind die Ställe Mietshäusern gewichen. Eine Adresse, sechs oder acht Klingeln.

          „Guten Tag, mein Name ist Karl Heinz Krug, ich bin Bürgermeister und Oberbürgermeisterkandidat“: Fast alle, die Zuhause sind, nehmen das Angebot an, sich persönlich eine Karte geben zu lassen. „Dort finden Sie meine Kontaktdaten. Oder haben Sie gleich ein Anliegen?“ Den meisten fällt spontan nichts ein. Zu einer Diskussion über Politik und das Wahlprogramm werden die Hausbesuche nicht.

          Von Hoftor zu Hoftor

          Vor dem Eissalon jedoch sitzt Regina Ruppert, und sie wird konkret: „Wenn Sie was für die Kitas tun, wähle ich Sie.“ Dass sie mit ihrer sechsjährigen Tochter und deren Kindergartenfreund unterwegs ist, hat mit dem Streik zu tun. „Wir Eltern wechseln uns ab“, sagt sie und erzählt von Omas, die aus Portugal oder sogar Japan eingeflogen kämen. Krug widerspricht ihrer Kritik nicht. „Ich hätte früher gehandelt“, sagt der Bürgermeister, „aber meine Kollegen im Magistrat meinten, man brauchte erst mal nichts machen.“

          Dann geht es weiter, von Hoftor zu Hoftor. An einem hängt ein Schild, das in Text und Bild vor der möglicherweise schlechten Laune eines ziemlich massigen Hundes warnt. Ohne zu zögern drückt Krug die Klinke herunter und geht hindurch. „Ich bin mit Hunden aufgewachsen.“ Ein Satz wie aus der Serie „berühmte letzte Worte“. Aber er bleibt folgenlos, kein Bellen und Knurren, niemand zu Hause.

          Hier kommt der Kandidat: Karl Heinz Krug ist mit Ortsvorsteher Friedrich Pleines in Bad Homburgs Straßen auf Wahlkampftour. Pleines weiß genau, wo sich das Klingeln lohnt. Bilderstrecke

          Die Sonne brennt, es sind 25 Grad, aber der Bürgermeister bleibt seinem Ruf treu: Der Krawattenknoten ist ganz nach oben geschoben, nicht einmal das Jackett knöpft er auf. Drücken, warten. Es summt. Auf die anfängliche Skepsis, wer denn da unangekündigt klingelt, folgen nach der Aufklärung oft freundliche Worte: „Das ist aber nett.“ Und fast ein Dutzend Mal hört Krug, dass er vergeblich kommt, ohne dass er enttäuscht ist: „Ich habe schon gewählt“, sagen einige jüngere und ältere Frauen, die er am Nachmittag antrifft. „Und zwar Sie.“

          Es bleibt die Ausnahme, dass ein junger Mann vom Balkon aus ruft: „Keine Zeit“, werfen Sie’s ein.“ In einem gepflasterten Hof erklärt ein schnurrbärtiger Rentner den Wahlkampf zur vergeblichen Liebesmüh: „Ich wähle nicht.“ Krug wünscht einen schönen Tag und sagt aber noch: „Das ist aber Ihr gutes Recht, das Sie sich nicht nehmen lassen sollten.“

          Pleines als ortskundiger Führer kann die Reaktion meist vorhersagen: „Da brauchste es erst gar net versuche“, sagt der Ortsvorsteher vor einem Haus. An einem anderen: „Wirf’s lieber ein, die Frau ist bettlägerig.“ Dass Krug dort unterwegs ist, wo die SPD gute Ergebnisse erzielt hat, ist Absicht. Denn an der Haustür politische Meinungen zu ändern ist unrealistisch. Mobilisieren statt missionieren heißt die Devise: „Wir müssen die eigenen Wähler an die Urne bekommen“, sagt Krug.

          Weshalb er auch nach zwei Stunden, inzwischen in den Hessengärten angekommen, keine Pause macht. Wo niemand öffnet, kommt ein gelber Merkzettel auf die Karte: „Leider habe ich Sie nicht angetroffen“, ist darauf gestempelt. „Viele Grüße, Ihr Karl Heinz Krug.“

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