Deutsche Börse Photography Prize : Zeitgenossinnen im Bild

Deutsche Börse Photography Prize: Drei Finalistinnen und eine erstaunliche Gewinner-Serie sind in der Stiftung der Börse in Eschborn zu sehen.
Es gibt eine merkwürdige Beziehung zwischen den zugewandten Porträts aus New York im Erdgeschoss, die meisten davon in Farbe, und den Schwarzweißfotografien, die beinahe um dieselbe Zeit entstanden sind. Jamel Shabazz, der Meister der Straßenfotografie, der nun in einer großen Retrospektive im Cube der Börse in Eschborn gezeigt wird, hat Jahrzehnte als Beamter im amerikanischen Strafvollzug verbracht. Eine der Serien, die in der Deutsche Börse Photography Foundation nun zu sehen sind, hat er an seinem Arbeitsplatz über Jahre hinweg fortgeführt.
Ein Stockwerk weiter oben hat es seine Landsmännin Jane Evelyn Atwood, mit Jahrgang 1947 die mit Abstand älteste Fotografin, in die Endrunde des Deutsche Börse Photography Prize geschafft, den die Stiftung seit 1996 alljährlich mit der Photographers’ Gallery in London vergibt. Ausgezeichnet werden mit dem Preis ausdrücklich bedeutende Positionen der fotografischen Gegenwart, die in den der Jurywahl vorangegangenen zwölf Monaten gezeigt worden sind. Das ist auch in diesem Jahr der Fall. Zwar ist das packende Projekt Atwoods, die sich immer wieder Opfern sozialer Missstände, Krisen und Gewalt gewidmet hat, selbst schon mehr als 30 Jahre alt: 1989 hatte Atwood das fotografische Forschungsprojekt „Too Much Time / Trop de Peines: Femmes en Prison“ aufgenommen, eine Reise durch die Frauengefängnisse ihrer Wahlheimat Frankreich und in Amerika. In zwei Bänden war die Langzeitrecherche im Jahr 2000 erschienen. Nun verdankt sich ihre Nominierung unter die Preis-Finalistinnen der Tatsache, dass die Bände 2024 neu herausgegeben worden sind.

Gleichwohl sind Atwoods Fotografien regelrecht zeitlos – ein Umstand, den sie mit zwei weitere Finalistinnen teilt. Die „One Hundred And Twenty Minutes“ von Amak Mahmoodian, 1980 geboren in Shiraz und seit Langem in Bristol ansässig, zeigen die Spuren des Exils in den Leben derer, die sie auf umfassende Weise porträtiert: Fotografien, Gedichte, Geschichte, zarte Zeichnungen und Träume, auf deren durchschnittliche Länge sich die titelgebenden 120 Minuten beziehen, sind nun in der Ausstellung zu einem collagierten Raum geworden, ihre Fotografien arbeiten mit Unschärfe und ungewöhnlichen Formaten und kommen so, als Miniatur-Inszenierungen, den Geschichten ihrer Protagonisten nahe. Gegenüber zeigt die 1984 geborene polnische Fotografin Weronika Gęsicka ebenfalls ein räumliches Arrangement: „Encyclopaedia“ ist aber neben den Fotografien ein Buchprojekt, das sich mit Fälschungen beschäftigt, Einträgen in Lexika wie Loriots Steinlaus etwa, erfundene Wirklichkeiten, die ein Eigenleben gewinnen. Gęsicka überformt vorgefundenes Material und erzeugt so irritierende Bilder.

Irritation könnten auch die lose hinter- und nebeneinander gelehnten groß aufgezogenen Aufnahmen der Gewinnerin Rene Matić erzeugen, die im Mai in London den mit 30.000 Pfund dotierten Preis für eine Serie erhalten hat, die im CCA Berlin zu sehen gewesen ist: „As opposed to the truth“ versammelt Fotografien aus Matićs Alltag, ihrer Umgebung, ihren Freunden, den Demonstrationen, die sie besucht, den Festen, denen sie beigewohnt hat. Da sich Matić, 1997 im britischen Peterborough geboren und 2025 für den Turner Prize nominiert, als Teil einer queeren, nichtweißen Community versteht, wird ihre subkulturell anmutende Szenerie, die ein Soundtrack begleitet, als gesellschaftspolitische Haltung interpretiert: Fürsorge als Widerstand in einer kalten Außenwelt. Im Kontrast mit den elaborierten Œuvres der drei Finalistinnen wirkt das allerdings eher wie eine sehr private kreative Bewältigungsstrategie.

Alle vier Positionen aber eint, dass sie weit über ein rein fotografisches Arbeiten hinausweisen. Die Fragen von Zugehörigkeit, Stigmatisierung und Zurechtkommen in einer brüchigen Wirklichkeit scheinen allenthalben auf, die räumliche Präsentation der Fotografien, die Ausstellung wurde kuratiert von Julia Bunnemann von der Photographers’ Gallery, ist hier ein bedeutender Bestandteil dessen, was erzählt wird – und was in den Lücken liegt. Das macht den großen Reiz der Ausstellung aus, zu der ein aufwendiges Buch erschienen ist.
Deutsche Börse Photography Prize, bis 17. Januar 2027 in The Cube, Mergenthalerallee 61, Eschborn. Besuche nur bei Führungen und an den „Open Saturdays“ am 31. Oktober und 16. Januar 2027 von 11 bis 16 Uhr. Sondertermine für Gruppen bis 25 Personen können unter foundation@deutsche-boerse.com gebucht werden.




