https://www.faz.net/-gzg-7bby9

Frankfurter Friedensforschung : In bester Gesellschaft mit Europas führenden Instituten

Friedensforscher neben Friedenskämpfer: Harald Müller von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung neben einer Büste von Mahatma Gandhi. Bild: Fricke, Helmut

Sollten die Rebellen in Syrien mit Waffen beliefert werden und was tun gegen Irans Nuklearprogramm? Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt erforscht diese und ähnliche Fragen. In einer turnusgemäßen Evaluierung bescheinigte die Leibniz-Gesellschaft eine mitunter exzellente Arbeit.

          Die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung bleibt weiterhin Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Der in Frankfurt ansässigen Stiftung wurde in einer routinemäßigen Evaluierung eine hervorragende Arbeit bescheinigt. Damit ist ihre Zukunft für die nächsten sieben Jahre gesichert. Die Prüfer gaben einem der vier wissenschaftlichen Programmbereiche die Note „exzellent“, zweien „sehr gut bis exzellent“ und dem vierten „gut bis sehr gut“. Harald Müller, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung, sieht in dem guten Abschneiden seiner Einrichtung eine Bestätigung für den Kurs der vergangenen Jahre.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 1970 auf Bestreben der Landesregierung gegründete Stiftung ist 2009 in die Leibniz-Gemeinschaft, der 86 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen angehören, aufgenommen worden. Leibniz zählt neben der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft zu den vier großen außeruniversitären Forschungsverbänden in Deutschland.

          Jährlicher Etat zuletzt fünf Millionen Euro

          Mit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft sei die Friedensstiftung damals als Flaggschiff der deutschen Friedensforschung anerkannt worden, sagt Müller. Sein Haus habe daraufhin dem Pakt für Forschung und Innovation beitreten können. In diesem Pakt haben Bund und Länder den teilnehmenden Instituten eine Erhöhung der Mittel um jährlich drei Prozent in den ersten fünf Jahren und um fünf Prozent in den folgenden fünf Jahren von 2011 bis 2015 zugesichert. „Seither schlafe ich gut“, erinnerte sich Müller am Mittwoch an den damaligen Erfolg. Der Wissenschaftsrat hat vor kurzem vorgeschlagen, den Pakt über 2015 hinaus um zehn Jahre zu verlängern, die Hochschulen einzubeziehen und pro Jahr die Zuschüsse um mindestens ein Prozent anzuheben.

          Finanziert wird die Stiftung mit ihren rund 80 Mitarbeitern vom Bund und vom Land Hessen mit derzeit jeweils 1,6 Millionen Euro im Jahr. Die Stadt Frankfurt fördert die Forschungseinrichtung mit einem jährlichen Mietkostenzuschuss von 68.000 Euro für deren Domizil an der Baseler Straße. Der Gesamthaushalt der Stiftung lag 2012 bei fünf Millionen Euro, 1,8 Millionen Euro rühren aus Drittmitteln für Projekte sowie aus Einnahmen aus Gutachten und der Politikberatung.

          Stiftung berät Diplomaten und Regierungen

          Zu den herausragenden Aktivitäten der Stiftung in jüngster Vergangenheit zählt die Teilnahme am „Europäischen Konsortium für die Nichtverbreitung und Abrüstung“ von Waffensystemen aller Art. Auf Beschluss des Europäischen Rats, des Gremiums der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, wurden in diese Kommission, die den Europäischen Auswärtigen Dienst und die europäischen Staaten beraten soll, auch das „International Institute for Strategic Studies“ in London, das Stockholmer „International Peace Research Institute“ und die „Fondation pour la recherche stratégique“ in Paris berufen. Die Friedensstiftung befinde sich damit in Gesellschaft der führenden Institute der Friedensforschung auf dem Kontinent, sagt Müller. Unter anderem gab die Kommission den europäischen Diplomaten und Regierungen Empfehlungen zu den Verhandlungen mit Iran über dessen Atomprogramm sowie zur Frage, ob die Aufständischen in Syrien mit Waffen beliefert werden sollen.

          Gretchenfrage: Syrische Rebellen bewaffnen oder nicht? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich die Frankfurter Friedensforscher.

          In einer schon viele Jahre währenden Tradition berät die Hessische Friedensstiftung das Auswärtige Amt und seit geraumer Zeit auch das Bundesverteidigungsministerium. Ferner gehört sie dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Frankfurter Goethe-Universität an. In diesem sozialwissenschaftlichen Cluster sieht Müller einen außerordentlich gelungenen Versuch, Hochschulforschung und außeruniversitäre Forschung zu bündeln.

          In den nächsten sieben Jahren soll bei der Stiftung die „Gerechtigkeitsfrage“ im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Bisher war man in der Friedensforschung weitgehend der Meinung, dass in Konflikten die Interessen der jeweiligen Streitparteien ihr Handeln bestimmten. Müller, der Professor für Internationale Beziehungen an der Frankfurter Universität ist, hegt mittlerweile den starken Verdacht, dass es in vielen Konflikten um Gerechtigkeitsfragen geht. Beide Parteien glauben in solchen Auseinandersetzungen, moralisch absolut im Recht zu sein. Das macht Müller zufolge einen Interessenausgleich oft äußerst schwierig.

          Zu den Aufgaben der Stiftung gehört es, die Ursachen gewaltsamer internationaler und innerer Konflikte zu analysieren und die Bedingungen des Friedens zu erforschen. Die Stiftung ist maßgeblich beteiligt an dem mit 25.000 Euro dotierten Hessischen Friedenspreis der Albert-Osswald-Stiftung, der jährlich für herausragende Verdienste um den Frieden verliehen wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anschläge auf Sri Lanka : „Er war doch noch so jung“

          Einen Tag nach den Anschlägen auf Sri Lanka werden die Trümmer weggeräumt, und die Angehörigen der Opfer trauern um die Toten. Fragen nach dem Sinn werden mit betretenem Schweigen beantwortet. Ein Besuch in einem Land, das gespalten ist.

          FAZ Plus Artikel: Verursacht Glyphosat Krebs? : Die Schlacht der Gutachter

          Amerikanische Gerichte sollen klären, ob Glyphosat Krebs verursacht. Bayer streitet das ab und beruft sich auf die Wissenschaft. Doch sind die amerikanischen Jurys nur emotional – oder ist auch die Wissenschaft gar nicht so eindeutig?
          Mikroskopische Aufnahme von kristallinen Nanobändern aus schwarzem Phosphor. Die Dicke der Bänder variiert zwischen  einer (links) und fünf Atomlagen (rechts).

          2D-Materialien : Konkurrenz für das Wundermaterial?

          Graphen gilt als das perfekte 2D-Material. Seine Eigenschaften sind unschlagbar. Doch filigrane Nanobänder aus Phosphor könnten den dünnen Kohlenstoff-Schichten bald den Rang ablaufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.