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Flüchtling wird Priester : Mit Gottvertrauen von Guba bis nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Gottvertrauen wurde ihm in die Wiege gelegt: Medhanie Uqbamichael Yohannes Bild: Frank Röth

Medhanie Uqbamichael Yohannes ist aus Eritrea nach Deutschland geflohen. Nun wird er in der eritreisch-katholischen Kirche in Frankfurt zum Diakon geweiht.

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          Der Glaube an Gott wurde Medhanie Uqbamichael Yohannes in die Wiege gelegt. Seine Familie gehöre schon seit Generationen der katholischen Kirche an, sagt er und streicht gedankenverloren über einen goldenen Ring mit Kreuz-Gravur an seinem Finger. Eine der ersten Erinnerungen seines Lebens sei ein Gottesdienst in seinem Heimatdorf Guba, das im Landesinneren Eritreas liegt. „Ich habe den Priester predigen hören und war tief beeindruckt. Mir war sofort klar, dass ich das später auch einmal machen will“, sagt Yohannes und lächelt schüchtern.

          Doch das ist schon lange her. Mittlerweile lebt der 35 Jahre alte Mann nicht mehr in Afrika, sondern in einem Zimmer des Priesterseminars Sankt Georgen in Frankfurt. Sein jetziges Leben unterscheide sich sehr von dem in Eritrea. Auch dort habe er über ein Jahrzehnt in einem Priesterseminar gelebt und an einer katholischen Hochschule Philosophie und Theologie studiert. „In ganz Eritrea gibt es aber nur ein Priesterseminar. Da kommen dann Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammen“, sagt er. Diese Vielfalt fehle ihm manchmal in Sankt Georgen. Auch an die Schnelllebigkeit in Deutschland müsse er sich erst einmal gewöhnen.

          In Eritrea zum Wehrdienst eingezogen

          Eigentlich wollte Yohannes Eritrea gar nicht verlassen. Doch nach Abschluss seines Studiums im Jahr 2013 findet er nicht sofort einen Arbeitsplatz. Die Staatspolizei wird auf ihn aufmerksam und will ihn zum unbefristeten Militärdienst verpflichten. „Wer in Eritrea zum Wehrdienst eingezogen wird, kommt jahrzehntelang, vielleicht auch nie wieder frei“, sagt Yohannes und senkt seinen Blick. Der große, sehr schlanke Mann wirkt plötzlich klein und in sich zusammengesunken. Er hält seinen Blick lange Zeit starr auf den Boden gerichtet und sucht nach Worten. Irgendwann findet er sie und sagt: „Am liebsten würde ich diese Geschichte vergessen. Aber so einfach ist das nicht.“

          Yohannes kann sich vor der Polizei verstecken. Doch ihm sei sofort klar gewesen, dass es wegen dieser Verweigerung in Eritrea keine Zukunftsperspektive mehr für ihn gebe. Noch bevor er zum Priester geweiht werden kann, entschließt er sich 2014 zur Flucht.

          Mit dieser Entscheidung tut er es vielen anderen jungen Eritreern gleich. Obwohl in dem ostafrikanischen Land keine akute Hungersnot oder Krieg herrscht, ist die Zahl der Flüchtlinge sehr hoch. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge listet Eritrea seit 2013 bei den Hauptherkunftsländern von Asylsuchenden in Deutschland auf.

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          Yohannes ist einer von ihnen. Seine Flucht führt ihn zunächst in den Sudan. Von dort aus kommt er über Libyen auf einem Boot nach Europa. „Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. In meiner Heimat gibt es kein Internet, über das man sich informieren kann“, sagt er und lacht unsicher. Doch aus irgendeinem Grund habe er gewusst, dass Deutschland sein neues Zuhause werden sollte. So kam er im Mai 2015 von Italien direkt in die hessische Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.

          Die Eingewöhnung in Deutschland sei ihm jedoch nicht leichtgefallen. Besonders der niedrige Stellenwert der Religion in der Gesellschaft habe ihn verunsichert. In Eritrea drehe sich das Leben in erster Linie um die Religion. Die Menschen würden ihren Glauben aktiv leben und sich jederzeit dazu bekennen. Auch in Deutschland treffe er ab und zu Menschen mit dieser Einstellung. Allerdings sei das eine Seltenheit, sagt Yohannes. Dieses Phänomen habe er erst einmal verstehen müssen.

          Trotz aller Umstände hat er seinen großen Traum auch in Deutschland nicht vergessen. Yohannes ist fest entschlossen, Priester zu werden. Nach kurzer Zeit findet er in Niederrad eine Wohnung und besucht gleich am ersten Sonntag die Messe der eritreisch-katholischen Gemeinde in Sankt Hedwig. Dort kommt es zu einem freudigen Wiedersehen: Gemeindepfarrer Abba Dawit Zeramariam kennt Yohannes noch aus Eritrea, aus der Zeit vor seiner Flucht.

          Erst Diakon, dann Priester

          Yohannes erzählt ihm von seinem Wunsch, Priester zu werden. Und tatsächlich kann ihm Zeramariam helfen. Ende August ist es so weit: Medhanie Uqbamichael Yohannes wird in der eritreisch-katholischen Kirche zum Diakon geweiht. Zwei Monate später folgt die Weihung zum Priester. Die Zeremonie findet in eritreischer Sprache statt und ist etwas Besonderes, Yohannes ist der erste eritreische Flüchtling, der in Deutschland zum Priester geweiht wird.

          In den kommenden zwei Jahren wird er gemeinsam mit Zeramariam arbeiten, bevor die Ausbildung beendet ist und er allein eine Messe halten darf. Vorher wolle er aber noch sein Deutsch weiter verbessern. „Vielleicht kann ich dann schon bald anfangen, meine Doktorarbeit zu schreiben“, sagt Yohannes. Er habe sich schon für einen Sprachkurs angemeldet, aber auch die Gespräche mit den anderen Bewohnern des Priesterseminars würden ihm dabei helfen.

          Obwohl es ihm in Deutschland sehr gutgehe, hofft der neu geweihte Priester, irgendwann einmal in sein Heimatland zurückkehren zu können. Im Moment seien die Dörfer in Eritrea fast leer, viele Menschen seien auf der Flucht. „Trotzdem gibt es noch einige, die einen Priester brauchen“, sagt er. Auch drei seiner sechs Geschwister sind in Eritrea zurückgeblieben. Sie haben dort Familien gegründet und konnten die Flucht nicht organisieren. Es falle ihm schwer, an sie zu denken, sagt Yohannes. Besonders, da noch ungewiss sei, wann er wieder nach Eritrea reisen dürfe. Seine Flucht hat ein Einreiseverbot nach sich gezogen, das auf unbestimmte Zeit gilt. Da könne er nichts tun als abzuwarten.

          „Doch noch etwas ganz Wichtiges kann ich tun“, fügt er hinzu: „Immer auf Gott vertrauen.“

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