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Frankfurt und Oskar Schindler : Ehrung für den Judenretter lässt auf sich warten

  • -Aktualisiert am

Vorbild: Gedenktafel an Schindlers einstigem Wohnhaus Bild: Lucas Bäuml

Eigentlich soll der Platz vor dem Frankfurter Hauptbahnhof nach Oskar Schindler benannt werden. Warum dauert es dann so lange, den Judenretter entsprechend zu würdigen?

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          Wie heißt der Platz vor dem Frankfurter Hauptbahnhof? Die richtige Antwort lautet: Er hat keinen offiziellen Namen. Wie soll der Platz in Zukunft heißen? Geht es nach den Teilnehmern einer Podiumsdiskussion im Chagall-Saal der Oper, kommt nur eine Bezeichnung in Frage: Oskar-und-Emilie-Schindler-Platz.

          Frankfurt ist die richtige Stadt für eine derart prominente Ehrung der beiden Judenretter, denn Oskar Schindler hat nach dem Krieg von 1957 bis zu seinem Tod 1974 in der Mainmetropole gelebt, und zwar gegenüber dem Hauptbahnhof. Darüber waren sich Sybille Steinbacher, die Leiterin des Fritz-Bauer-Instituts und an diesem Abend die Diskussionsleiterin, sowie ihre beiden Gäste, der Publizist Michel Friedman und David Dilma­ghani, der Leiter des Büros von Kulturdezernentin Ina Hartwig, völlig einig.

          Schindlers Liste

          Mehr als 1200 in seiner Deutschen Emailwarenfabrik im polnischen Krakau beschäftigte jüdische Zwangsarbeiter hat Oskar Schindler während des Kriegs vor der Ermordung in den NS-Vernichtungslagern bewahrt, darunter die Großmutter und die Eltern von Friedman. „Ohne Schindler gäbe es mich nicht“, sagte der Publizist denn auch auf die Frage, was ihm Schindler bedeute.

          In Deutschland ist die Rettungstat der Schindlers lange nur Eingeweihten bekannt gewesen. Erst als der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg 1993 mit „Schindlers Liste“ dem Unternehmer ein filmisches Denkmal setzte, wurde man in Deutschland auf die Großtat Schindlers aufmerksam. Die deutsche Premiere des Films fand in Frankfurt statt, Spielberg reiste persönlich an, und auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker gab sich die Ehre.

          Friedman: Deutschland braucht solche Vorbilder

          Mittlerweile ist das Interesse an Schindler wieder erlahmt. Der „Glücksritter“, der in Polen dank seiner guten Verbindungen zu den Nazis und wegen der billigen jüdischen Arbeitskräfte als Unternehmer anfangs viel Geld scheffelte und sich dann nach und nach zu einem mutigen Lebensretter wandelte, ist nach Meinung Steinbachers fast schon wieder vergessen.

          Dabei benötigt Deutschland nach Meinung Friedmans dringend Vorbilder wie Schindler, der in seinen Augen für die Idee steht, dass jeder auch in schwierigen oder scheinbar ausweglosen Situationen etwas tun kann, um die Welt zu verbessern. Schindler, so glaubt der Publizist, sei deswegen so lange in Deutschland ignoriert worden, weil er der lebende Beweis für die Falschheit der Behauptung „Man konnte nichts tun“ gewesen sei.

          Für Friedman ist es völlig unverständlich, dass zwei Jahre nach einer Initiative im Ortsbeirat 1, den Bahnhofsvorplatz nach den Schindlers zu benennen, die Sache immer noch in der Schwebe ist. „Tun wir es doch endlich“, rief er und forderte den Magistrat und die Stadtverordneten auf, sich dezidiert für einen „Schindler-Platz“ auszusprechen. Die Benennung sei keine lokale, sondern eine nationale Angelegenheit, denn Schindler sei ein Symbol dafür, was Deutschland damals auch gewesen sei und wie die Deutschen hätten sein können.

          Pandemie verhindert schnelleres Vorgehen

          Dilmaghani wies darauf hin, dass das Kulturdezernat sich für einen „Emilie-und-Oskar-Schindler-Platz“ vor dem Bahnhof ausspreche und dass die Benennung nicht erst nach der Platzverschönerung in einigen Jahren, sondern jetzt stattfinden solle. Allerdings müsse zuerst der Ortsbeirat, der in Frankfurt das hoheitliche Recht der Straßen- und Platzbenennungen habe, dem Plan zustimmen. Und man müsse in der Bevölkerung vor allem im Bahnhofsviertel die Taten des Ehepaars Schindler bekannter machen.

          Was möchte der Ortsbeirat? Nach den Worten des Ortsvorstehers Michael Weber (CDU) wollte das Gremium die Sache keinesfalls verschleppen. „Wir alle haben das Anliegen, Oskar Schindler zu ehren“, stellte Weber klar. Man habe sich aber nach der Kommunalwahl erst politisch sortieren müssen, zudem habe die Pandemie ein schnelleres Vorgehen verhindert. Weber schlug ein Treffen mit dem Kulturdezernat vor, bei dem die offenen Fragen geklärt werden könnten.

          Am Ende hängt die Namensgebung aber maßgeblich von der Deutschen Bahn ab. Dort, so hieß es, stehe man der Sache positiv gegenüber. Die Bahn, der Ortsbeirat, der Magistrat, die Stadtverordneten, sie alle können offenbar einem „Schindler-Platz“ viel abgewinnen. „Wo“, so fragte Friedman entgeistert, „ist das Pro­blem?“

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