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Foto-Ausstellung in Frankfurt : „Warum bist du nicht vergast worden?“

  • -Aktualisiert am

Dieses Bild zeigt die Großeltern des Fotografen Rafael Herlich. Beide sind ermordet worden. Gezeigt wurde das Bild in der Ausstellung „Weiterleben- Weitergeben“ von 2010. Bild: Foto Rafael Herlich

Der Frankfurter Fotograf Rafael Herlich hat in Polen jüdische Familien besucht, entstanden sind Bilder der Trauer und der Hoffnung. Sie werfen aber auch die Frage auf, wie sicher Juden in Deutschland sind.

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          Ein junger Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf Bahnschwellen. In seiner Hand hält er eine Fahnenstange, an der die israelische Flagge mit dem blauen Davidstern weht. Der Frankfurter Fotograf Rafael Herlich hat den Mann auf den Schwellen, die in das Vernichtungslager Treblinka führen, bei einer Reise nach Polen entdeckt. Das Foto und weitere Aufnahmen Herlichs werden unter der Überschrift „Sehnsucht“ derzeit in der Heusenstamm-Galerie an der Braubachstraße gezeigt.

          Er komme aus Deutschland, hat der junge Mann Herlich bei ihrem Zusammentreffen berichtet, seine Kippa trage er dort aber nie in der Öffentlichkeit. Zu groß sei die Gefahr, angepöbelt zu werden. Jude zu sein, das sei in Deutschland nicht so einfach. Als seine Mitschüler von seiner Religionszugehörigkeit erfahren hätten, sei er immer wieder Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Ein Mitschüler habe ihn sogar gefragt: „Warum bist du nicht vergast worden?“ Selbst der Schuldirektor habe ihn nicht schützen können und ihm geraten, die Schule zu wechseln - was er dann auch getan habe.

          Die Juden sind nicht besiegt worden

          Die Geschichte des jungen Mannes ist der Fotografie natürlich nicht anzusehen. Der Betrachter kann sie nicht einmal ahnen, er sieht nur den Rücken und den gesenkten Kopf des Mannes, die auf Nachdenklichkeit und Trauer hinweisen. Trauer über eine Million Juden, die in dem Vernichtungslager nordöstlich von Warschau ermordet wurden. Dass sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust ein junger Jude nicht als Häftling, sondern als freier Mann auf den Bahnschwellen vor dem Lager Treblinka sitzt, zeugt allerdings auch von der Niederlage der Nationalsozialisten: Sie haben das Judentum nicht vernichten können.

          Von diesem Aspekt der Geschichte erzählen auch andere Bilder Herlichs: Auf einem seiner Fotos betet ein jüdischer Mann vor dem Zaun des Vernichtungslagers Majdanek das „Schma Jisrael - Höre Israel“, das zentrale Gebet der Juden. Auf einem anderen blicken acht jüdische Religionsschüler vor dem Lager Auschwitz auf das Schild „Arbeit macht frei“. So wie diese beiden zeigen viele Aufnahmen Herlichs: Die Juden sind nicht besiegt worden.

          Militante Islamisten - eine neue Gefahr?

          Das Foto des jungen Mannes mit der Israel-Flagge vor dem Todeslager Treblinka verkündet eine weitere zentrale Botschaft. Sie lautet: Israel ist die Lebensversicherung des Judentums. Wird der Antisemitismus irgendwo in der Welt unerträglich, bietet das gelobte Land einen sicheren Hafen. So fragen sich beispielsweise gerade viele französische Juden, ob sie in ihrer Heimat vogelfrei sind. Und manch einer spielt mit dem Gedanken, angesichts der Bedrohung durch Islamisten seine Zelte abzubrechen und nach Israel auszuwandern.

          Die deutschen Juden kennen solche Überlegungen, seit sich nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg hierzulande wieder Jüdische Gemeinden gebildet haben. Viele Juden saßen in den ersten Jahren sprichwörtlich auf „gepackten Koffern“, um im Falle von Attacken oder Pogromen jederzeit nach Israel flüchten zu können. Das hat sich in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten geändert, die deutschen Juden fühlten sich hierzulande verhältnismäßig sicher.

          Erst das Aufkommen eines relativ breiten Antisemitismus in der muslimischen Bevölkerung, bestärkt durch antiisraelische Propaganda in den aus dem Nahen Osten und der Türkei empfangenen Kabelprogrammen, hat die jüdische Bevölkerung wieder vorsichtig werden lassen. Ein Tiefpunkt waren für sie die antiisraelischen Demonstrationen im Sommer während des Gaza-Krieges, auf denen offen antisemitische Parolen zu hören waren. Und nach der Terrortat in Paris, bei der nicht ohne Grund auch ein koscherer Supermarkt das Ziel war, fragen sich auch in Deutschland manche Juden, ob sie wirklich sicher sind. Denn auch hierzulande gibt es militante Islamisten und Syrien-Kämpfer, für die Juden zu vernichten sind. Nicht ohne Grund stehen jüdische Einrichtungen - wie in Frankfurt das Gemeindezentrum oder die Westend-Synagoge - unter Polizeischutz.

          „Je suis Jude“

          Auch bei der Eröffnung von Rafael Herlichs Fotoausstellung warf ein Sicherheitsmann einen wachsamen Blick auf die Besucher. Die Gefahr geht freilich nicht mehr wie im Nationalsozialismus von der Politik aus, sondern von fanatisierten Minderheiten. Dagegen stellen sich Politiker wie in diesem Fall der Frankfurter Kämmerer Uwe Becker (CDU) demonstrativ auf die Seite der jüdischen Bevölkerung. „Je suis Jude“, sagte Becker bei der Ausstellungseröffnung in Anspielung an den Slogan „Je suis Charlie“.

          Im Übrigen gibt es nicht nur eine jüdische Auswanderung nach Israel. Es gibt auch Juden, die den umgekehrten Weg gehen. So wie Rafael Herlich, der 1975 nach Deutschland kam und in Frankfurt sein Glück gefunden hat. Seit nunmehr 35 Jahren beobachtet er mit seiner Kamera das jüdische Leben in Deutschland, er ist der jüdische Fotograf hierzulande. Auf seiner Reise nach Polen hat er nach den Wurzeln seiner Familie gesucht und dabei auch die jüdische Gemeinde in Warschau und die Überreste der Vernichtungslager besucht. Die Fotos dieser Reise zeigt seine Ausstellung in der Heusenstamm-Galerie.

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