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Flüchtlingsheim Gießen : 905 Einsätze im Jahr

  • -Aktualisiert am

Die Polizei in Gießen fühlt sich von der Politik und der eigenen Führung alleingelassen. Bild: dpa

Das zentrale Flüchtlingslager in Gießen entwickelt sich zu einem Schwerpunkt von Kriminalität. Die Polizei fühlt sich alleingelassen.

          4 Min.

          Es gärt in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen. Körperverletzung, Drogen, Diebstahl – mehrmals am Tag rücken Einsatzkräfte der zuständigen Polizeistation Gießen-Nord in die Unterkunft aus. Polizisten fühlen sich von der Politik und der eigenen Führung im Stich gelassen, berichten, untermauert mit Fällen aus dem Tagesgeschäft, von einer besorgniserregenden Situation. Das für die Erstaufnahmeeinrichtung zuständige Regierungspräsidium Gießen lässt verlauten, der überwiegende Teil der aktuell gut 1800 Bewohner des Asylbewerberheims an der Rödgener Straße, das eine Kapazität von rund 2000 Personen hat, verhalte sich unauffällig und regelkonform. Die von den Polizisten geschilderten Vorfälle stimmten allerdings „mit dem Geschehenen weitgehend überein“.

          Die nackten Zahlen spiegeln eine zunehmende Eskalation wider. 905 Mal wurde die Besatzung der Station Gießen-Nord im vergangenen Jahr in die Erstaufnahmeeinrichtung gerufen, bestätigte das Polizeipräsidium auf Anfrage. 2019 waren es 451 Einsätze, im Jahr davor 330. Diese Auflistung beinhaltet lediglich die sogenannten Ad-hoc-Alarmierungen. Hinzu kommen planbare Einsätze wie Abschiebungen oder Ermittlungsgesuche. Auf dem Papier ist die Polizeistation Gießen-Nord für die Orte Biebertal, Wettenberg, Lollar, Buseck und Staufenberg zuständig. Doch manchmal kämen er und seine Kollegen wochenlang nicht dazu, dort Präsenz zu zeigen, weil alle Kräfte an der Rödgener Straße gebunden seien, beklagt ein Polizist. Sowohl mündlich als auch schriftlich habe man sich wegen der katastrophalen Situation an vorgesetzte Stellen gewandt, aber die Bemühungen seien im Sand verlaufen.

          Syrer und Afghanen kaum auffälliger als Deutsche

          Seit einigen Jahren stammen immer mehr Bewohner des Flüchtlingsheims aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten, meist sind es junge Männer. Diese bereiteten wesentlich mehr Pro­bleme und seien viel gewaltbereiter als die Syrer und Afghanen, die in den Jahren nach 2015 verstärkt gekommen waren und die, was Straftaten angehe, kaum auffälliger seien als ihre deutschen Altersgenossen, berichten Gießener Polizeibeamte. Neuankömmlinge würden regelmäßig überfallen und ausgeraubt, Frauen drohten sexuelle Übergriffe. Der Sicherheitsdienst der Einrichtung sei hoffnungslos überfordert. Viele Straftaten geschähen unter dem Einfluss von Drogen, oft gehe es bei Streitigkeiten auch um deren Besitz.

          Interne Polizeidokumente, aus denen der „Gießener Anzeiger“ zitiert, zeichnen ein erschreckendes Bild. In einem Einsatzbericht vom 13. Januar heißt es beispielsweise: „Ein 19-jähriger algerischer Asylbewerber wurde zunächst mit dem Verdacht auf Handgelenkfraktur in das Evangelische Krankenhaus eingeliefert. Hier wehrte er sich gegen die Behandlung, so dass von dem behandelnden Arzt die hiesige Dienststelle verständigt wurde. Vor Ort konnte die Person beruhigt werden, so dass man ihn, auch aufgrund nicht angemessener Winterkleidung, in die HEAE (Hessische Erstaufnahmeeinrichtung, Anm. der Redaktion) zurückbrachte. Die Streife hatte das Gebäude noch nicht richtig verlassen, da hatte der 19-Jährige mittels eines im Krankenhaus entwendeten Skalpells einen anderen Bewohner im Streit verletzt. Diesmal ließ sich der Beschuldigte nicht mehr beruhigen, so dass er im weiteren Verlauf zur Verhinderung weiterer Straftaten in den Gewahrsam eingeliefert werden musste.“

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