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Museum Wiesbaden : Wenn die Wirklichkeit unscharf wird

Wirkt auch reichlich abstrakt: Gerhard Richter, „Mondlandschaft II“, 1968, Kunstmuseum Bonn Bild: Kunstmuseum Bonn © Gerhard Richter 2018

Selbst die Bomben sind nichts anderes als Pinselstriche: Das Museum Wiesbaden zeigt die Ausstellung „Gerhard Richter. Frühe Bilder“. Statt ersten Versuchen eines Künstlers wird dabei das Zentrum seines Schaffens deutlich.

          Realistisch, fotorealistisch gar muten die Bilder an. Auch jenes Schwarzweißgemälde, das Kampfflugzeuge zeigt, die Bomben abwerfen. Aus einem gewissen Abstand betrachtet, scheint es nichts anderes darzustellen als die lautere Wirklichkeit, eine Momentaufnahme aus einem Krieg, wobei nicht klar wird, um welchen es sich konkret handelt. Womöglich eine Anklage. Ein Anti-Kriegs-Bild. Ein moralisches Aufbegehren. Doch der Schein trügt. Im Kern geht es hier wie in allen anderen Arbeiten von Gerhard Richter um etwas ganz anderes. Was da aus den Luken der Bomber fällt, sind nur Striche. Pinselstriche. Hingeworfen auf die Leinwand. Perfekt gesetzt, in akkuraten Reihen, ein wenig farblose Farbe, die wir als tödliche Waffen wahrnehmen, was sich bei näherer Betrachtung freilich in Nichts auflöst. Plötzlich wirkt alles ganz harmlos. Unschuldige Formen. Abstrakte Muster.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Fotografie, die dem Bild zugrunde liegt, verweist noch auf die Tatsachen, die militärischen wie die physikalischen. Und könnte eine ethische Intention gehabt haben. Auf dem Weg zum Gemälde sind Wirklichkeit und Moral allerdings auf der Strecke geblieben, was bleibt, sind Grauabstufungen, Flecken und Flächen, die Spuren des Pinsels.

          Fotografie kalkuliert in Malerei verwandelt

          Gewiss beziehen sich Richters Arbeiten, vermittelt über die fotografische Vorlage, auf Geschehnisse, Ereignisse, vorhandene Objekte, Personen, den Zusammenhang der Dinge, die Welt. Aber das ist nur insofern von Bedeutung, als all das in Kunst umgesetzt wird. Wie Richter das einst bewerkstelligte, lässt sich an dem 1963 entstandenen Werk mit dem Titel „Bomber“ besonders gut ablesen: Vorlagen aus Zeitungen und Zeitschriften, Fotos merkwürdiger Vorfälle oder auch Ansichten des Mondes, von Landschaften oder aber Porträtaufnahmen, teilte er mittels eines Rasters in gleich große Kästchen auf, die er auf die Leinwand übertrug. Er benutzte dazu Projektoren. Auf der Luftkriegsdarstellung sind die minutiös gezogenen Linien zu erkennen, die das im Vergleich zum fotografischen Original vergrößerte karierte Muster bilden. Richter hat Kästchen für Kästchen Fotografie in Malerei verwandelt.

          „Gerhard Richter. Frühe Bilder“ heißt lapidar eine Schau, die jetzt im Museum Wiesbaden eröffnet wurde. Das Ausstellungshaus in der hessischen Landeshauptstadt ist die dritte Station der Präsentation, die schon in Bonn und in Gent zu sehen war. In Wiesbaden fand im Sommer 1966 eine der ersten Richter-Ausstellungen überhaupt statt, das Museum hat sechs frühe Arbeiten des Künstlers in der Sammlung, dessen Werke die teuersten auf dem internationalen Kunstmarkt sind. Der konservative Avantgardist hat die Frage nach dem Wesen der Malerei mit malerischen Mitteln gestellt, jedes seiner Bilder ist eine Antwort darauf oder vielmehr: ein Versuch, sie zu beantworten. Dass er dabei den Tugenden alter Meister folgt, erklärt seine Beliebtheit und in gewisser Weise auch den Preis, den Sammler zu zahlen bereit sind.

          So durchdacht wie sein Konzept, so kalkuliert und technisch makellos ist die Ausführung seiner Arbeiten. Dem Zufall bleibt nichts überlassen. Eine exakte künstlerische Phantasie ist da am Werk. Dafür bietet diese Schau vielerlei Belege, die auch von der Vielseitigkeit der Ansätze Richters zeugen, von der monochrom grauen Leinwand bis zu dem Farbmustertafeln abgeschauten Großgemälde „256 Farben“. Beide datieren aus dem Jahr 1974 und gehen auf den Grund der Möglichkeit von Malerei zurück: Alles ist möglich mit dieser Masse an Farben, das ungeformte Grau aber bezeichnet den Zustand, bevor irgendetwas Gestalt annehmen kann.

          Im Zentrum der abstrakte schöne Schein

          Der untertreibende Ausstellungstitel „Frühe Bilder“ führt in die Irre. Man könnte annehmen, mit einem Frühwerk konfrontiert zu werden, in dem der Maler mit allerlei Fingerübungen ausprobiert, wohin die ästhetische Reise geht. In Wahrheit jedoch führt diese konzentrierte Schau geradewegs ins Zentrum von Richters Kunst. Mit Werken, die exemplarisch für das OEuvre des 1932 in Dresden geborenen früheren Professors an der Düsseldorfer Kunstakademie stehen. Nicht etwa die spärlichen Reste dessen, was aus seiner DDR-Zeit übriggeblieben ist, sind in den wunderbaren Räumen des Museums Wiesbaden zu sehen, sondern Arbeiten, in denen sich seine Ästhetik voll entfaltet hat. Während das spätere gegenstandlose Werk Richters durchaus kontrovers diskutiert werden kann, lassen die nunmehr ausgestellten Arbeiten keinerlei Zweifel an der einzigartigen Qualität seiner Kunst. Was den Besuch dieser Schau, die nicht mit steilen Thesen aufwartet, sondern einfach nur starke Werke versammelt, unbedingt lohnenswert macht. Richter setzt Maßstäbe. Sich dieser zu vergewissern kann in Zeiten einer unkontrollierten Bilderschwemme nur von Vorteil sein.

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          Das Entree gestalten ein Vorhang-Bild und ein Spiegel, zwei traditionsreiche kunsthistorische Motive. Verbergen und Enthüllen, Widerspiegeln und Verzerren, Bild und Wirklichkeit: Die Kunst selbst ist es, um die es in diesen Symbolen geht. Das Mitte der sechziger Jahre bei ihm auftauchende Motiv des Vorhangs ist das erste, bei dem sich Richter keiner Vorlage bediente. Er adelt das Beiwerk, den textilen Zierrat, den faltenwerfenden Stoff zum Bildgegenstand. Und verleiht ihm einen abstrakten Charakter. Immer auch geht es um den schönen Schein, das Bild als Täuschung, die Illusion des Raums.

          Verwackelte, verwischte, unscharfe Bilder sind Richters Markenzeichen, und weil früher die Schwarzweißfotografie gang und gäbe war, sind auch die meisten seiner Arbeiten aus den sechziger Jahren in diesen (Nicht-)Farben gehalten. Aber es gibt Ausnahmen wie das Porträt der Königin Elisabeth von 1967, ein Prunkstück aus der Kollektion des Museums Wiesbaden. Ein Bild von einer Frau. Aber eben auch nur dies: ein Bild.

          Bis 17. Juni im Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2. Geöffnet Dienstag und Donnerstag von 10 bis 20, Mittwoch und Freitag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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