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Frauenrechte : Carry Brachvogel, die Pionierin

Ungleiches Gehalt: Bereits 1913 hat sich Carry Brachvogel gegen den Gender Pay Gap engagiert. Bild: Getty Images/iStockphoto

Gleiches Geld für gleiche Texte: Eine Erinnerung an die Münchner Autorin Carry Brachvogel, die sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Frauenrechtlerin engagierte.

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          „Es gibt gar nichts Schöneres, als den ganzen Tag zu arbeiten; wir haben das früher nur nie gewusst!“, schreibt Carry Brachvogel. Da ist sie mit 28 Jahren Witwe geworden, mit zwei kleinen Kindern und auf sich allein gestellt. Sie musste einen Broterwerb suchen und hat einen gefunden, der ihr großen Spaß macht: Sie schreibt.

          Nicht als Hobby. Karoline „Carry“ Hellmann, 1864 in ein großbürgerliches jüdisches Münchner Elternhaus geboren und durch ihren Mann, den Münchner Journalisten Wolfgang Brachvogel, durchaus damit vertraut, dass Schreiben Arbeit ist, hat Erfolg. 1892 starb ihr Mann, zwei Jahre später wurde ihr Drama „Vergangenheit“ in Frankfurt uraufgeführt, es folgte bei S. Fischer der erste Roman „Alltagsmenschen“ – 24 weitere sind bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts erschienen, dazu Essays und Feuilletons.

          Ein gähnender Abgrund

          Viele Autorinnen bekamen damals keinen Pfennig für das, was sie schrieben. Der „gender pay gap“, den es auch heute noch gibt, war um die Wende zum 20. Jahrhundert ein gähnender Abgrund: Umsonst zu schreiben war für Frauen der Normalfall. Auch wenn die „schreibende Hausfrau“ aus gutem Hause heute kaum mehr existiert: Autorinnen, Regisseurinnen, Filmschaffende können immer noch ein Lied davon singen, dass ihnen Honorare angeboten werden, die unter denen gleich qualifizierter Männer liegen. Brachvogel, die sich als Frauenrechtlerin engagierte, hat schon 1913 zusammen mit ihrer Kollegin Emma Haushofer-Merk den „Verein Münchner Schriftstellerinnen“ gegründet, die sich verpflichteten, „Arbeiten nicht zu Schleuderpreisen oder umsonst abzugeben, damit mit dem bei vielen Redaktionen herrschenden Vorurteil gebrochen werden kann, dass Frauenarbeit billiger entlohnt werden dürfe als Männerarbeit“.

          Heute sind ihre Werke, mit denen Brachvogel wie Franziska zu Reventlow oder Annette Kolb zu den prägenden Münchner Autorinnen gehörte, so gut wie vergessen. Immerhin sind ein paar Romane seit ein paar Jahren wieder erhältlich – und einen kann man derzeit als Hörbuch in den „Radiotexten“ des Bayerischen Rundfunks und dort als Podcast entdecken. „Der Kampf um den Mann“ (1910) handelt von höheren Töchtern, dem Geheiratetwerden und dem zarten Pflänzchen der Emanzipation: große Unterhaltung mit Patina und Humor. Eine Erinnerung an eine beeindruckende Frau, die vor 80 Jahren, hochbetagt, ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde, wo sie wenig später starb.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

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