Abraham-Pokal : „Manche Orte sollen einen nicht loslassen“

Schüler kämpfen gegen das Vergessen: Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zeichnet drei Frankfurter Schulklassen mit Abraham-Pokalen aus.
Die Zehntklässler der Frankfurter Musterschule, einem Gymnasium im Stadtteil Nordend, haben Erinnerungsbücher angefertigt. Über den Besuch des Campus Westend der Goethe-Universität hat einer von ihnen geschrieben: „Wir standen auf einem heutigen Universitätscampus, auf dem junge Menschen frei lernen und über ihre Zukunft nachdenken – und wurden gleichzeitig mit einer Vergangenheit konfrontiert, in der Menschen entrechtet, verfolgt und zur Arbeit gezwungen wurden.“
Denn in der NS-Zeit hatte der IG-Farben-Konzern, der das Gas Zyklon B für die Vernichtungslager lieferte, dort seinen Sitz. Durch persönliche Erzählungen sei ihm bewusst geworden, dass hinter Begriffen wie Nationalsozialismus, Verfolgung oder Zwangsarbeit die Schicksale einzelner Menschen stünden, schreibt der Schüler.

„Als ich den Bunker verließ, schien draußen die Sonne. Die Friedberger Anlage lag ruhig da. Den Betonblock habe ich hinter mir gelassen. Aber er ist nicht verschwunden. Er sitzt noch tief in mir“, heißt es in den Aufzeichnungen eines seiner Klassenkameraden. Und das sei auch gut so: „Manche Orte sollen einen nicht loslassen.“ Der Bunker, über den er berichtet, wurde dort erbaut, wo früher eine der wichtigsten Frankfurter Synagogen stand: Bei den Novemberpogromen 1938 wurde sie geplündert und in Brand gesteckt.
Für ihr Erinnerungsbuch-Projekt wurde die Deutsch- und Geschichtsklasse der zehnten Jahrgangsstufe der Musterschule zusammen mit zwei weiteren Schulklassen am Mittwoch im Jüdischen Museum mit einem Abraham-Pokal ausgezeichnet. Gestiftet und verliehen wurde der Pokal von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) nun zum zweiten Mal, „um Frankfurter Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, gegen Rassismus und Intoleranz in der Gesellschaft aktiv zu werden“. Für das Projekt seien sie auf bestimmte Schulen zugegangen, sagt Rudolf Sirsch, Vorstandsmitglied der GCJZ. Nächstes Jahr sollen dann andere Schulen zur Teilnahme motiviert werden. Eine offene Ausschreibung sei aus Zeitgründen nicht möglich gewesen.
Vier Koffer voller Erinnerungen
In dem Raum, in dem die Verleihung der Abraham-Pokale stattfindet, stehen vier offene Koffer. Einer ist bis auf einen siebenarmigen Leuchter fast leer. Die jüdische Familie, mit der sie gesprochen hätten, habe bei ihrer Flucht fast nichts mitnehmen können, berichtet ein Schüler des Ethikkurses der achten Jahrgangsstufe der Friedrich-Ebert-Schule, einer Integrierten Gesamtschule im Stadtteil Seckbach. Ihr Koffer zeige, dass Menschen auf der Flucht manchmal alles hätten zurücklassen müssen. In einem anderen Koffer sitzen eine Puppe und ein Teddybär. Ihre Interviewpartnerin hätte ihnen erzählt, dass sie Dinge einpacken würde, die Geborgenheit vermittelten, erklärt eine Schülerin. Erinnerungen eben. Denn Erinnern sei wichtig.

Auch der Religionskurs der elften Jahrgangsstufe der Musterschule stellt sein Projekt vor. Mit einem „sprechenden Archiv“ haben sie unter dem Titel „Die Bitte um Gehör“ Bittbriefe jüdischer Verfolgter an Papst Pius XII. vertont und so wieder lebendig werden lassen. „Durch die Briefe konnte man die Angst und Verzweiflung der Menschen spüren“, sagt eine Schülerin. Das Projekt und der Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald hätten aus Zahlen Geschichten gemacht. „So schmerzlich es ist, müssen wir uns doch vorhalten, was in unserer Geschichte vor nicht einmal 100 Jahren passiert ist“, sagt sie.
Die Musterschule und Friedrich-Ebert-Schule werden die Abraham-Pokale nun ein Jahr lang behalten, bis sie 2027 an neue Schulklassen verliehen werden sollen. Die Schüler erhalten für ihre Arbeit Urkunden und dürfen an einer Studienfahrt nach Buchenwald oder zur Gedenkstätte Walldorf teilnehmen.





