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Dragqueen aus Leidenschaft : Die Königin hat falsche Brüste

  • -Aktualisiert am

Noch Norbert Baumgartl oder schon Trude Trash? In der Maske geht der Künstler noch einmal den Ablauf der bevorstehenden Show durch. Bild: Jana Mai

Norbert Baumgartl ist ein Mann und manchmal eine Frau. Für ihn ist das eine Kunst. Sie zu leben ist ein Kampf.

          Es ist ein Rätsel, an welchem Punkt Norbert Baumgartl aufhört, Norbert Baumgartl zu sein. Der Prozess dauert Stunden. Schicht um Schicht trägt sein Visagist das Make-up auf. Er zieht den Eyeliner, er malt die Lippen füllig. Mit jedem Strich, den der Visagist macht, blinzelt ein wenig mehr Trude Trash unter den langen Wimpern hervor. Und Norbert Baumgartl verschwindet.

          Auf der Bühne ist Baumgartl eine Königin – die Dragqueen Trude Trash, 30 Jahre alt. Sonst ist er 56, angestellt bei einer Fluggesellschaft. Eine Dragqueen ist für Baumgartl mehr als ein Mann, der sich in Frauenkleidern auf die Bühne stellt. Es ist jemand, der das Publikum zum Lachen bringt „und durch den Kakao zieht“. Dragqueens sind schillernde Figuren. Nicht jeder ist von ihnen begeistert.

          Schmierentheater oder Fummelkeller?

          Vor einem Jahr trat Baumgartl in einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz auf. Manche Menschen im Dorf hatten Vorurteile. „Vorher haben sie sich erzählt, da wird auf der Bühne gefickt“, erinnert sich Baumgartl. „Da kannst du nicht hingehen, nachher wirst du genauso“, habe es geheißen. Ähnlich die Reaktionen bei einem Geburtstag, bei dem Baumgartl auftritt. Die Mutter des Gastgebers ist entsetzt. Sie will ihn rauswerfen. Baumgartl empfiehlt ihr, sich auf ihren Besen zu setzen und nach Hause zu fliegen. In dem Moment spricht Trude Trash aus ihm. Er sagt, Norbert wäre diplomatischer gewesen. Trude ist frecher.

          Jetzt sitzt Baumgartl in der Maske. Um ihn herum ist es hektisch. Die anderen Männer probieren Kleider an, schminken sich, laufen hin und her. Noch vier Stunden bis zur Show. Er geht im Kopf den Ablauf durch. Besonders diese eine Szene mit den Engelsflügeln und Whitney Houston bereitet ihm Sorgen. Immer wenn Baumgartl in einem Ort zum ersten Mal auftritt, fühlt er sich unsicher. „Wie kommt es an?“ Heute ist es wieder ein erstes Mal: in Rodenbach, einer Gemeinde 30 Minuten von Frankfurt entfernt. Wieder startet Baumgartl eine Show ins Ungewisse.

          Am Tag zuvor packt er sein Auto. Er stapelt Kleider, Schuhe und Perücken. Den ganzen, wie er sagt, „Fummel“ braucht Trude Trash. Baumgartl hat keinen Kleiderschrank, er hat einen Kleiderschuppen. Früher hatte er nur ein kleines Lager unter seiner Wohnung, seinen „Fummelkeller“. Doch das reicht längst nicht mehr. Vor etwa 20 Jahren hat er den Schuppen neben seinem Haus umgebaut, in dem jetzt übergroße Hüte, Engelsflügel und Stilettos lagern. Baumgartl trägt ein Hemd und eine Jeans, seine blonden Haare sind kurz. Es sieht aus, als würde er zwischen den Kleiderständern einer fremden Frau umherlaufen.

          Not macht erfinderisch

          Er zieht ein Paar goldene Lackstiefel aus einem Stapel Schuhkartons. Die sind für die blonde Sängerin von Abba. Kosten: 80 Euro – vergleichsweise noch günstig. „Für mich war es immer ein teures Hobby.“ Er überlegt. Es müssten mehr als 100 Kostüme sein. Als professionellen Travestie-Künstler bezeichnet er sich trotzdem nicht. Er könnte damit wohl kaum genug verdienen. „Ich bewundere jeden, der davon lebt“, sagt er, „es ist harte, harte Arbeit.“ Trotzdem steht er immer wieder als Frau auf der Bühne. Und das, obwohl er sich das in jungen Jahren überhaupt nicht hätte vorstellen können.

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