https://www.faz.net/-gzg-7mi3w

Annettes Dasch-Salon : Frankreichs Katze maunzt Miaou

Wenn sie ruft, kommen immer interessante Gäste: Sopranistin Annette Dasch in ihrem Dasch-Salon Bild: Andreas Pein

Im Dasch-Salon darf jeder mit der Star-Sopranistin singen. Und wenn Annette Dasch ruft, kommen immer interessante Gäste, auch wenn das Programm stets länger dauert als geplant.

          Im Salon der Rahel Varnhagen in Berlin haben weiland die Talentiertesten der damaligen Kultur ihre Funken versprüht: Jean Paul, Friedrich Schlegel, Alexander und Wilhelm von Humboldt, später Heinrich Heine, Ludwig Börne und Mitglieder der Familie Mendelssohn. Auch im Salon der Annette Dasch in der Alten Oper perlen Geist und Töne fröhlich wie im Champagnerglas. Eines unterscheidet indes den Dasch-Salon vom Salon der Varnhagen oder anderer berühmter Gastgeberinnen wie Bettina von Arnim oder Sophie von La Roche: Das gemeine Volk darf bei der aus Berlin stammenden und jetzt in Frankfurt lebenden Sopranistin Mäuschen spielen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mehr noch: Es darf sich beteiligen. In jedem Dasch-Salon kommt der Augenblick, in dem die Gastgeberin ihr Publikum im Saal zur Aufführung eines Kanons in zwei oder drei Sänger-Gruppen einteilt. Am Sonntag sangen die Damen und Herren rechter Hand „Miau“ und die linker Hand „Miaou“. Das zusätzliche „o“ bezeichnet den Unterschied zwischen deutschen und französischen Ohren. Die Menschen diesseits der Landesgrenze hören nämlich die Katzen anders maunzen als jene auf der westliche Seite. Wobei der Katzen-Kanon in Frankreich erfunden wurde und erst später zum deutschen „Miau, miau, hörst du mich schreien?“ mutierte. Er war im Übrigen der einzige Katzengesang, der an diesem Abend im Mozart-Saal zu vernehmen war. Die anderen musikalischen Darbietungen spielten sich auf allerhöchstem Niveau ab, was kein Wunder ist, wenn eine so erstklassige Sängerin wie Gastgeberin Dasch einen Gutteil des Lied-Programms bestreitet. Und dies, obwohl sie in anderen Umständen ist. Mit dem Bariton Sébastian Soulès hatte sie zudem einen ebenbürtigen männlichen Widerpart eingeladen.

          Deutscher Charakter auf Französisch

          Es gibt tatsächlich Leute, die sich Fragen der Gegenwart wie das prekär gewordene deutsch-französische Verhältnis nicht in marktschreierischer Zuspitzung in einer der Fernseh-Talkshows erklären lassen wollen, sondern gern selbst differenzierte Antworten finden möchten. Für solche kultivierten Zeitgenossen war der Dasch-Salon mit dem Titel „Rendez-vous français“ eine Gelegenheit, winzigen Differenzen zwischen der nationalen Kunst und Ästhetik hüben wie drüben nachzuspüren. Was macht ein Debussy-Lied französisch, und was gibt einem von Wagner ins Französische übersetzten und vertonten Heine-Gedicht einen typisch deutschen Charakter? Der Unterschied ward unüberhörbar, allein, ihn in Worte zu fassen, ist nicht einfach.

          Dafür gibt es im Dasch-Salon die Gespräche. Beim fröhlichen Waschgang mit dem Franzosen Soulès wie auch beim ironischen Auswringen der Trikolore mit dem Kabarettisten Sebastian Schnoy wurde munter über den kleinen Unterschied zwischen France und Allemagne spekuliert. Glaubt man dem französischen Bariton, so ist Deutsch keineswegs eine Ansammlung uneleganter Laute: Im Gegenteil, sagte Soulès: „Deutsch ist eine wunderbare, sehr musikalische Sprache.“ Er muss es wissen, denn er singt sehr viel deutsche Musik.

          Wenn Dasch ruft, kommen immer interessante Gäste in ihren Salon, auch wenn das Programm stets länger dauert als geplant. Es finden sich keine Heroen wie Heine und kein Börne ein, gewiss, aber immer originelle Künstler, wie am Sonntag das Saxophonquartett Clair-Obscur, das alles kann von Bach bis Eisler, nur keinen Jazz. Fragt sich nur, warum Dasch die einzige Salondame hierzulande ist. Warum nur gibt es keine Rahel Varnhagen oder Bettina von Arnim mehr?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.