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Der Kleinbauer als Politikum : Von Rechten gefürchtet, von Linken romantisiert

  • -Aktualisiert am

Bild: Frank Röth

Wie stehen wir zum afrikanischen Kleinbauern? Fürchten wir ihn unter dem Aspekt der Bevölkerungsexplosion, oder ist er ein Vorbild für naturnahe Landwirtschaft? Ein Gastbeitrag.

          In der öffentlichen Diskussion mangelt es nicht an Empfehlungen, wie man den Hunger in Afrika bekämpfen kann, der zuletzt wieder stieg. Es lassen sich Ansichten zusammenfassen, die ein jeweils ähnliches Erklärungsmuster für die Probleme von Hunger und Armut in Afrika aufweisen und die daher ähnliche Lösungswege vorschlagen.

          In diesem Artikel skizzieren wir fünf Diskurse und zeigen auf, wo sie berechtigt sind – und wo sie zu kurz greifen.

          Der Malthus-Diskurs

          Weit verbreitet ist ein Malthus-Diskurs, der nahelegt, die Probleme Afrikas würden sich von selbst lösen, wenn man das Bevölkerungswachstum bekämpft. In den Kommentaren zu dieser Reihe konnte man oft lesen, es sei „ganz einfach“ Afrikas Probleme zu lösen, man müsse nur so wie China die Ein-Kind-Politik einführen.

          Tatsächlich ist das Bevölkerungswachstum in Afrika höher als in anderen Weltregionen. Die Bevölkerungsdichte ist jedoch zumeist wesentlich geringer als in Asien oder Europa. Die Vertreter des Malthus-Diskurses überschätzen ohnehin die Möglichkeiten, das Bevölkerungswachstum steuern zu können.

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          Dazu wäre ein effektiver staatlicher Apparat notwendig, der bis in den letzten Haushalt hineinregiert. Außerdem sind fragwürdige Instrumente notwendig, um eine Ein-Kind-Politik durchzusetzen, etwa Zwangsabtreibungen.

          Im Übrigen sank in vielen asiatischen Ländern das Bevölkerungswachstums auch ohne Ein-Kind-Politik. Denn die effektivste Bremse für Bevölkerungswachstum ist wirtschaftliche Entwicklung. Das zeigen nicht nur Daten weltweit, sondern auch Fallbeispiele aus Afrika. So konnten Forscher für ländliche Regionen im Senegal nachweisen, dass Frauen, die Zugang zum Arbeitsmarkt haben, 25 Prozent weniger Kinder haben.

          Urbanisierung als Heilsweg?

          Aber wie kann die wirtschaftliche Entwicklung gefördert werden? Das ist Gegenstand von kontroversen Diskursen. Die Vertreter des Urbanisierungs-Diskurses sehen Entwicklungschancen nur in der Industrie und in Städten. Kleinbauern, die mehr als 70 Prozent der Agrarfläche Afrikas bewirtschaften, sollen die Landwirtschaft vermeintlich effizienteren Großbetrieben überlassen. Für Paul Collier von der Universität Oxford ist die Förderung von Kleinbauern „romantischer Populismus“.

          Der Urbanisierungs-Diskurs sagt nicht, wo all die Kleinbauern arbeiten sollen, nachdem sie in die Städte abgewandert sind, obwohl es sich um mehr als die Hälfte der Bevölkerung handelt. Weder gibt es eine kaufkräftige heimische Nachfrage für Produkte und Dienstleistungen, welche die abgewanderten Menschen erzeugen könnten, noch haben afrikanische Länder gute Aussichten, entsprechende Produkte zu exportieren, da sie mit Ländern wie China konkurrieren.

          Der sambische Bauer Felix Kangwa mit Hacke in seinem Cassawafeld in Nkolemfumu.

          Von wenigen Ausnahmen abgesehen zeigt die Geschichte, dass nur landwirtschaftliche Entwicklung die Voraussetzungen für die Industrialisierung schaffen kann. Wenn Millionen von Kleinbauern durch Ertragssteigerung ihr Einkommen erhöhen, dann entsteht eine Nachfrage für Industriegüter und Dienstleistungen.

          Dann können Kleinbauern aus der Landwirtschaft in diese Sektoren abwandern, erst jetzt finden sie dort produktive Beschäftigung. Die Bedeutung der Landwirtschaft als Entwicklungsmotor wurde schon in den 1960ern von John Mellor, einem führenden Agrarökonomen, bewiesen. Seither ist sie weder theoretisch noch empirisch widerlegt worden.

          Die Romantiker

          Höchst umstritten ist allerdings die Frage, worin die Probleme der afrikanischen Landwirtschaft liegen und wie sie sich entwickeln kann. Dazu gibt es zwei konträre Diskurse, die man zugespitzt als den öko-romantischen Diskurs und den Technologie-gläubigen Diskurs bezeichnen könnte.

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