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Race to Feed the World : Kann man Gemüse im Permafrost anbauen?

  • -Aktualisiert am

Koch und Gärtner: Benjamin Vidmar in seinem Treibhaus auf Spitzbergen. Bild: Tirza Meyer

Benjamin Vidmar will auf Spitzbergen Gemüse züchten. Zwei der vielen Probleme dabei: die Kälte und die Bürokratie.

          Wo hört die Natur auf, und wo fängt der Mensch an? Das lässt sich in Grenzgebieten herausfinden. Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen die Natur mit voller Wucht gegen den Menschen antritt. Spitzbergen ist ein solcher Ort. Die Inselgruppe in der Arktis warnt jeden, der sie betritt. Der scharfe Wind, der Schnee vor sich her treibt, schneidet in die Ohren.

          Benjamin Vidmar kam als Koch hierher, um Touristen zu versorgen. Verlassen will er die Insel als Held. Sein Grenzkampf: Er will dort, wo nichts wächst, Gemüse pflanzen. Auf Spitzbergen gibt es weder Büsche noch Bäume, nur Geröll, Moose und Gräser. Der Boden ist permanent tiefgefroren. Nur wer sich selbst versorgen kann, darf auf Spitzbergen leben. Es gibt kein Sicherheitsnetz, keine Sozialhilfe, keine Altenheime. Nur ein kleines Krankenhaus zur Erstversorgung.

          Die Inselgruppe ist ein Paradies für Abenteurer, Forscher, Hundeschlittenfahrer – und Leute mit seltsamen Ideen. Gemüseanbau in der Arktis: „Polar Permaculture“ nennt Vidmar das Projekt. Er hat am Ende von Longyearbyen, dem 2000-Seelen-Ort auf der Hauptinsel, ein kleines Treibhaus gebaut, das aussieht wie ein Iglu. Es leuchtet rosa, wegen des Lichts, das den Pflanzen beim Wachsen hilft. Von überallher droht die Natur einzubrechen. Von unten kühlt der Permafrost, von oben drohen die Berge. Jeden Winter Lawinengefahr, jedes Frühjahr Geröll- und Erdrutsche, wenn die Schneemassen tauen.

          Mittlerweile ist es verboten, neue Arten auf Spitzbergen einzuführen, um heimische Pflanzen und Tiere zu schützen.

          Der Müll kommt aufs Festland, Waren auf die Insel

          Als wäre das nicht schon genug, droht auch noch die Verwaltung. Vidmar findet, dass auch die strengen Vorschriften ein scharfer Wind sind. Dafür ist der norwegische Staat zuständig, der die Verwaltungshoheit auf der Inselgruppe hat. Vor 1925 war Spitzbergen ein Niemandsland, Terra nullius. Es galt das Recht des Stärkeren. Fallensteller und Jäger aus England, Holland, Deutschland, Frankreich, Dänemark und Norwegen fuhren mit ihren Booten umher, angelten Fisch und fingen Wale, schossen auf Robben und Walrösser und stritten um die besten Plätze. Das konnte nicht ewig so weitergehen. Seit dem Spitzbergenvertrag von 1925 gehört Spitzbergen zu Norwegen. Der Vertrag sichert aber allen Ländern, die unterschrieben haben, Nutzungsrechte. Die Regeln macht Norwegen. Was die Norweger dürfen, dürfen alle anderen auch.

          Essen, Möbel und Autos kommen vom Festland. Per Schiff. Fast 1000 Kilometer müssen im Eismeer von Tromsø bis Longyearbyen zurückgelegt werden. Oft liegt das Frachtschiff bei der Insel Bjørnøya in Lee und wartet auf besseres Wetter. Auf Spitzbergen muss man sich damit abfinden, dass nicht immer alles zu kriegen ist. Umgekehrt wird der Müll der Inselbewohner aufs Festland transportiert. 2015 fielen 1.531.822 Kilogramm Müll in Longyearbyen an. Davon wurden 186.494 Kilo auf Spitzbergen deponiert. Der Rest wurde ans Festland geschafft. Essensreste und Abwasser werden ungefiltert in den Adventfjord gepumpt.

          Spitzbergen: Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen die Natur mit voller Wucht gegen den Menschen antritt.

          Benjamin Vidmar findet es schlimm, dass organischer Abfall im Meer landet und alle Verpflegung vom Festland kommt. Er will mit dem Treibhaus eine Kreislaufwirtschaft ankurbeln. In Barentsburg, einer russisch dominierten Siedlung nur 36 Kilometer südlich, gibt es Treibhäuser, und sogar Schweine wurden dort gehalten. Mittlerweile ist es verboten, neue Arten auf Spitzbergen einzuführen, um heimische Pflanzen und Tiere zu schützen. Wenn die norwegische Verwaltung entscheidet, dass Leute wie Benjamin Vidmar in Longyearbyen ein Treibhaus bauen oder Tiere halten dürfen, dann dürfen das alle anderen Bewohner auf Svalbard auch. Und genau dort liegt das Problem.

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          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld