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Niederlandistik : Nur noch im Norden

Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt mit der Skulptur „Body of Knowledge“ auf dem Theodor-W.-Adorno-Platz Bild: Marie-Luise Kolb

Wer sich für niederländische Sprache und Literatur interessiert, hat akademisch im Süden Deutschlands künftig keine Chance mehr. Ein weiterer Standort geht verloren. Dabei ist Niederländisch auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

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          Wer sich für niederländische Sprache, Literatur und Landeskunde interessiert, hat akademisch im Süden Deutschlands keine Chance mehr. Institute mit Lehrstühlen gibt es nur in Berlin, Duisburg-Essen, Köln, Münster und Oldenburg – abgesehen vom Sonderfall Germersheim, der auf Übersetzen und Dolmetschen spezialisiert ist. Andernorts wurden Lektorate geschlossen, wenn die Lektoren in Pension gingen. Was dann überlebte, waren in der Regel Sprachzentren – ohne das Programm zu Literatur, Sprachwissenschaft und Landeskunde.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ausnahme ist bisher Frankfurt, wo die Goethe-Universität einen solchen Rahmen anbot – wenn auch ohne Lehrstuhl, mit nur einer Dozentin und eingebettet im Germanistischen Fachbereich. Doch die Lektorin Laurette Artois – offiziell „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ – geht im Mai in Ruhestand, ihre Stelle wird jetzt nicht wiederbesetzt. Damit fällt ein Lektorat weg, dessen Geschichte bis 1914 zurückreicht– laut Niederlandistenverband NLV eines der ältesten Niederlandistik-Zentren in Deutschland. Die anderen derartigen Ein-Personen-Lektorate in der südlichen Hälfte des Landes sind schon verschwunden. „In Süddeutschland ist die Niederlandistik ausgestorben“, konstatiert Laurette Artois.

          Vorläufig soll es in Frankfurt noch ein Rumpfprogramm geben: zwei Sprachkurse und einen Lektürekurs mit einfachen literarischen Texten. Sie werden als Lehraufträge vergeben, was im NLV als Billigvariante gewertet wird. Ein Universitätssprecher wollte das Thema mündlich nicht erörtern, bat um schriftliche Fragen und beantwortete sie acht Tage später schriftlich. Demnach wird das geschrumpfte Programm über zwei Jahre aufrechterhalten, „dann wird dieses evaluiert“. Zudem suche man nach Möglichkeiten, das Angebot wieder auszubauen, und habe dazu Kontakt aufgenommen mit der Taalunie, der niederländisch-belgischen Organisation zur Förderung des Niederländischen.

          Lebendige Philologie

          Im Wintersemester gab es noch einmal ein Feuerwerk: eine Ringvorlesung zur niederländischen Literatur. Die wichtigen Literaturprofessoren der deutschen Niederlandistik machten mit, was auch als Zeichen der Unterstützung für Frankfurt zu sehen war. Die Reihe war maßgeblich mitorganisiert von Artois. Sie hat – ohne Übertreibung – die Niederlandistik in Frankfurt verkörpert. Was nämlich jetzt auch wegfallen dürfte, sind die öffentlichen Lesungen, mit denen die 65 Jahre alte Flämin literaturinteressierte Bürger entzückte: Seit 2009 lockte sie Schriftsteller der ersten Reihe an den Main: von Gerbrand Bakker bis Margriet de Moor, von Connie Palmen bis Tom Lanoye. Finanziert wurde das weitgehend von der Taalunie.

          Den Zustand ihres Fachs beurteilen Niederlandisten unterschiedlich. Im Ausland sind laut Taalunie 14.000 Studenten für das Fach eingeschrieben – 1500 davon und damit so viel wie nie waren es nach NLV-Angaben 2020 in Deutschland. Seitdem ist die Zahl nach Schätzung von Dozenten gesunken; zudem ist die Frage, wer auch einen Abschluss macht. Dennoch: „Im internationalen Vergleich ist Deutschland immer noch ein Land mit großer Niederlandistik“, sagt NLV-Vorsitzender Hans Beelen, Dozent in Oldenburg. Das dortige Niederlandistik-Institut und die Taalunie verweisen in einer „Feldanalyse“ auf die Rolle der Niederlande als zweitwichtigster Handelspartner Deutschlands. Deutsche Firmen mit Kontakten in die Niederlande legten laut der Umfrage Wert auf Niederländischkenntnisse, argumentiert Beelen. Und dort wo Niederländisch Schulfach ist, werden Lehrer gebraucht. Nach seiner Einschätzung „blüht das Fach“. Andere sind verhaltener. „Wir stehen immer noch gut da in Deutschland, aber die Niederlandistik steht trotzdem unter Druck“, sagt Jan Konst, Professor in Berlin.

          Niederländischsprachige Literatur ist in den vergangenen dreißig Jahren ungewöhnlich populär geworden in Deutschland. Wesentlicher Faktor ist der Auftritt auf der Buchmesse 1993, als die Niederlande und Flandern den Schwerpunkt bildeten. 2016 waren sie es ein weiteres Mal. Laut dem Expertenzentrum für Literaturübersetzen in Utrecht wurden 2010 bis 2019 im Schnitt jährlich gut hundert Werke ins Deutsche übersetzt, mit einem Ausreißer von 260 im Messejahr 2016. An den vier grenznahen Universitäten und in Berlin kann man sich dieser lebendigen Philologie weiterhin widmen. Im Süden wird das Niederlandistik-Loch noch schmerzhafter klaffen, jetzt da das letzte Lektorat dort wegfällt.

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