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Teil 6 der „Beruf und Chance“-Sommerserie : Der Schreiner kann es feiner

  • -Aktualisiert am

Ans Brett: Lehrling Marco Giedeler mit Schreinermeister Gerhard Luther an der CNC-Fräse – damit lassen sich sogar Fotomotive ins Holz schnitzen. Bild: Kaufhold, Marcus

Auf schriftliche Bewerbungen gibt Gerhard Luther wenig. Praktisches Talent und Zuverlässigkeit der Bewerber sind ihm wichtig. Wer in seiner Tischlerei lernen will, ist erst mal Praktikant.

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          Ob ein Bewerber das Abitur hat oder nicht, ist Gerhard Luther einigermaßen egal. Wichtiger: der Händedruck, die Höflichkeit, die Pünktlichkeit. Die Beherrschung der Handwerkertugenden ist dem Tischlermeister aus Darmstadt auch lieber als romantisch verklärte Vorstellungen vom Beruf des Schreiners als Urhandwerker zwischen Hobel und Walz. „Die erkennt man schnell, zum Beispiel, wenn sie in ihrer Tasche Strickzeug haben“, sagt Luther vorsichtig in seiner Werkstatt, in der es nach Lack und Holzstaub riecht. Auch von Hochschulabsolventen ohne praktische Berufserfahrung, die sich auch schon gelegentlich auf eine Lehre beworben haben, hält er für seinen Betrieb nicht viel. „Auf eine schriftliche Bewerbung gebe ich nichts“, sagt er.

          Es kommt also zunächst auf nichts als das praktische Talent an und den guten Willen. An Bewerbern mangelt es der Schreinerei Luther, die als ein Musterbetrieb in Hessen gilt, nicht. Jeder, der sich ernsthaft bewirbt, macht ein kurzes Praktikum. Hier erkennen die Meister und Gesellen, wie es um das Talent bestellt ist. Einer von zehn bekommt den Ausbildungsplatz, der so beliebt ist, obwohl er so schlecht bezahlt ist wie wenige Handwerksbetriebe und man auch als Schwarzarbeiter im Bekanntenkreis nicht so gefragt ist wie Maler oder Sanitärfachleute.

          Aber den Schreiner oder Tischler, wie er nördlich des Mains heißt, umweht neben aller Handfestigkeit auch der Nimbus von Selbstverwirklichung, Kunst und Ästhetik. Das Gesellenstück der gerade fertig ausgelernten Schreinerin Jana Daum ist ein Meisterwerk: ein schwenkbarer Arbeitstisch aus zwei Holzwürfeln, furniert mit altem Eichenholz aus einer Kirchenbank mit Regalelementen, versenkbarem Laptop-Platz und Lautsprechern. Er müsste mehr als zehntausend Euro kosten, wäre er verkäuflich, ein Werk fürs Leben. Schon das Material kostete mehr als 1000 Euro. Wenn sie eine gute Note für das Stück bekommt, darf Jana Daum das Möbelstück behalten, sonst gehört es Luther. Ähnlich phantasievolle Möbelstücke zeichnete der Verband Tischler Schreiner im Frühjahr als Bundessieger seines jährlichen Wettbewerbs aus. Auf der Internetseite kann man sie bewundern. Es sind Esstische und schwebende Sekretäre, Sideboards, Schreibtische und Liegen, die so elegant aussehen wie aus dem Designkatalog. Wer solche Stücke fertigt und reisefreudig ist, der gilt auch im fernen Ausland, in Asien oder den an guten Handwerkern armen Vereinigten Staaten, als gefragter Spezialist.

          Von Lehrlingsmangel keine Spur

          Die Arbeiten für Schreiner sind vielfältig. Sie umfassen alle Holzobjekte - oder auch solche aus Kunstoff und Glas, Metall oder Stein -, die im Haus stehen. Einzelne Möbel, maßgefertigte Einbauschränke meist, Küchen, Bibliotheken. Luther spezialisierte sich auf den Innenausbau, als er in den sechziger Jahren den 1901 gegründeten Betrieb von seinem Vater übernahm. Damals, noch vor dem Aufstieg der Baumärkte, machten die ersten Massenmöbel den Schreinereien Konkurrenz. Für den Bau von Türen, Fenstern, Sockelleisten brauchte man keine kleine Schreinerei vor Ort mehr. Luther war einer von etwa zehn Tischlern allein im Ortsteil Arheilgen.

          Er setzte sich auch deshalb durch, weil er sich früh auf teure Maßstücke wie Konferenztische für Vorstandsbüros, Vitrinen für Museen, mehrgeschossige Bibliotheken oder Schrankwände für Luxusvillen im Rhein-Main-Gebiet spezialisierte. „Aber wir schreinern auch eine Tür oder einen Fensterrahmen, wenn das jemand will“, sagt er. Oder ein Home-Kino mit versenkbarem Beamer oder ein Kochstudio für einen Fernsehkoch. Wenige Handwerksberufe sind so nahe am Kunsthandwerk wie der des Tischlers. Gerhard Luthers Lehrmeister war ein Bauhaus-Künstler, der in der Berufsschule für Meister im Odenwald lehrte; Jan Holschuh, der mit Elfenbein arbeitete und Luthers Probearbeit, einen Stilmöbel-Schrank, fürchterlich verriss. Was seinen Erfolg wohl ausmachte war, dass er auf Kritik nicht beleidigt reagierte, sondern sie annahm. „Er sagte mir, so etwas ist von gestern. Sie müssen Neues wagen. Das ist hängengeblieben“

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