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Serie „Krisenberufe“ : Niemand soll allein sein

Individuelle Hilfe: Lehrerin Eda Korkmaz während des Unterrichts mit ihrer Intensivklasse an der Frankfurter Paul-Hindemith-Schule Bild: Maximilian von Lachner

Eda Korkmaz ist für ihre Schüler viel mehr als nur eine Lehrerin: Viele von ihnen sind aus ihren Heimatländern geflohen, alle sind ganz neu in Deutschland. Und alle tragen ihr Päckchen.

          6 Min.

          Siehst du die Frau dort im Fenster? Siehst du den Baum dort im Hof? Siehst du die Leute dort im Park? Du bist nicht allein – niemand ist allein.“ Eda Korkmaz steht vorn im Klassenraum und singt. Als treffe es das Thema des Liedes, singt sie nicht lange allein. Zwar zaghaft und leise, manchmal ein bisschen verschämt, stimmen nach und nach zwölf Teenager mit ein. Die Strophentexte stocken zuweilen etwas, und die meisten singen „dorrrt“ mit gerolltem „r“ und „nischt“ mit „sch“. Zumindest der Refrain klappt aber nach wenigen Versuchen flüssig.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Wir singen sehr viel im Unterricht“, sagt Korkmaz, 36 Jahre alt, studierte Mathematik- und Geschichtslehrerin mit Zusatzqualifikation in „Deutsch als Zweitsprache“. Obwohl sie von sich sagt, „eine schreckliche Stimme“ zu haben, hilft ihr die Musik bei ihrem aktuell wichtigsten Anliegen: ihrer Klasse Deutsch beizubringen. Hier, an der Paul-Hindemith-Gesamtschule in Frankfurt am Main, leitet sie seit neun Jahren die Klasse 7i. Das „i“ steht für „intensiv“, denn nicht nur sprachlich brauchen ihre Schülerinnen und Schüler eine intensive Betreuung. Sie alle sind neu in Deutschland, viele sind vor Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit geflohen, jeder Einzelne hier trägt sein Päckchen.

          In der Klasse 7i sitzen an diesem Donnerstag im Juli zwölf Kinder aus sieben verschiedenen Ländern, aus Eritrea, Bosnien, Rumänien, Moldawien, Russland, Marokko und Syrien. Obwohl es kurz vor den Ferien ist, wird am nächsten Tag ein Schüler neu hinzukommen – aus der Ukraine. Eda Korkmaz hat am Vortag das Aufnahmegespräch mit ihm geführt. Für sie ist es normal, dass sich ihre Klasse das ganze Schuljahr über verändert. In nächster Zeit werden wohl besonders viele Neue kommen; die Politik hat entschieden, dass wegen des Krieges in der Ukraine Intensivklassen in Hessen künftig 19 statt bislang maximal 16 Kinder aufnehmen müssen. Eda Korkmaz findet das falsch. „Der Unterricht ist ganz stark individualisiert“, begründet sie. Manche Schüler könnten kaum lesen und schreiben, manche beherrschten nur arabische oder kyrillische Buchstaben, wieder andere hätten eine hervorragende Vorbildung und wollten am liebsten den ganzen Unterricht auf Englisch bestreiten, obgleich sie ja eigentlich Deutsch lernen sollen. 19 Kinder – das seien einfach zu viele, um jeden und jede auf ihrem eigenen Niveau zu unterrichten.

          Mehr als bloß Lehrerinnen

          Wer Eda Korkmaz im Unterricht sieht, kann ziemlich gut beobachten, wie das mit dem Individualisieren funktioniert: Für ihre Arbeitsblätter – einen Lückentext – hat sie mehrere verschiedene Stapel vorbereitet. Jedem Kind teilt sie, je nach Leistungsstärke, ein Blatt aus einem anderen Stapel zu. Auf manchen sind Texte mit vielen Lücken, anderswo fehlen nur wenige Wörter. In manchen sind nur einfache Nomen einzusetzen, für andere muss man in der Lage sein, Verben zu konjugieren. Schüler, die ihr Arbeitsblatt beendet haben, schnappen sich blitzschnell bunte Vokabelkarten und beginnen, in ihrem eigenen Tempo deutsche Wörter auswendig zu lernen. Ab und zu nimmt Korkmaz ein Kind zur Seite und fragt den Wortschatz ab. Als jeder mit der Aufgabe fertig ist, nimmt die Lehrerin wieder den Faden auf und unterrichtet die Gruppe gemeinsam weiter.

          Bild: Ilkay Karakurt

          Nicht nur die Bildungsstände sind unterschiedlich, auch die Zeitpunkte, zu denen die Kinder zur Klasse hinzustoßen, variieren. „Die Schülerinnen und Schüler kommen, wann immer ihre Eltern entscheiden, dass eine Ausreise erforderlich ist, besser gesagt: wenn sie eine Ausreise organisieren können“, sagt Korkmaz’ Kollegin Barbara Newels. Newels leitet die Klasse 5i, die die jüngeren Flüchtlingskinder im Alter zwischen 10 und 12 Jahren besuchen. Sie ist Korkmaz’ engste Kollegin. Zusammen mit der Lehrerin der 9i, die noch ältere Jugendliche von mehr als 14 Jahren aufnimmt, bilden sie ein Dreierteam, das sich stetig austauscht. „Wir sind der kleinste Fachbereich der Schule und halten zusammen“, sagt Newels.

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