https://www.faz.net/-gyl-9jppu

Reform des Medizinstudiums : Das Tückische an diesem Plan

  • -Aktualisiert am

Medizinvorlesung an der Universität Leipzig Bild: dpa

Medizindidaktiker wollen das Medizinstudium nach ihren ganz eigenen Vorstellungen umkrempeln. Das wird teuer. Und geht an den Notwendigkeiten der Medizin komplett vorbei.

          4 Min.

          Judas verkaufte den Herrn um dreißig Silberlinge. Einmalzahlung. Eine Expertenkommission beim Wissenschaftsrat bietet den medizinischen Fakultäten 232 Millionen Euro. Jährlich. Auf Dauer. Und noch mal 873 Millionen obendrauf. Über knapp zehn Jahre. Wofür? Für die Umsetzung des „Masterplans 2020“, für eine grundstürzende Reform des Medizinstudiums. Modellstudiengänge in der Medizin gibt es schon etliche. Dass jene aber bessere Ärzte produzieren als die klassischen Studiengänge, ist nicht nur nicht bewiesen, sondern falsch, zumindest, wenn man die Prüfungsergebnisse der Staatsexamina miteinander vergleicht. Andere Vergleichsdaten gibt es nicht.

          Dennoch muss reformiert werden, die Reformer müssen ja ihr Auskommen haben. Eine neue Ärztliche Approbationsordnung muss her, alle Studiengänge sollen sich ihr beugen. Und in der steht dann, unter Verweis auf einen Lernzielkatalog, haarklein drin, welche Kompetenzen ein Arzt haben muss. Praktische vor allem. Also gebietet die Approbationsordnung Praxisbezug, Patientenkontakt, Fallbasierung, Problemorientierung, fächerübergreifende Lehre vom ersten Semester an. Klinik versus Vorklinik? Hinfällig. Theoretische versus praktische Fächer? Hinfällig. Outcome-basiert sei das Studium: Es produziere Praktiker. Am liebsten Landärzte.

          Tolle Sache, natürlich. Nur, wie schon gesagt: Ob die praxisorientiert ausgebildeten Praktiker praktisch erfolgreicher praktizieren als die Praktiker, bei deren Ausbildung noch die klassische Studienordnung praktiziert wurde, das weiß kein Mensch. Sehr wahrscheinlich kommt der Arzt oder die Ärztin, dem oder der Sie sich gerade anvertrauen, noch aus einem klassischen Studiengang. Kommt sie, kommt er Ihnen unpraktisch vor?

          Übergriffige Lehre

          Egal, der Wunsch ist der Vater des Gedankens, und eine Expertenkommission, die etwas auf sich hält, kommt auch ohne Evidenzen zu Expertisen. Zur durchgängig „fächerübergreifenden Lehre“ raten die Experten. Oder auch zur „vertikalen Integration“ der Lehre, was dasselbe ist. Da klappert dann der Anatom im Falle des Knochenbruches im ersten Semester mit seinen Knochenpräparaten, derweil der Orthopäde das Nageln lehrt. Und irgendwann, in höheren Semestern, wenn es um komplexe Dachschäden an Kopf und Hirn geht, steht der Anatom dann neben dem Neurochirurgen, und die zwei geraten sich in die Haare, weil der Anatom zwar alle regulären Löcher im Kopf kennt (und das sind, glauben Sie uns, viele), aber keines von denen, die der praktische Chirurg flicken oder wahlweise, im Falle der Neurochirurgie, erst mal hineinsägen muss. Da gibt es viel unpraktisches Wissen zu entstrüppen.

          Aber wie soll ein Fach, das seine Sicht auf seinen Gegenstand nicht mehr zusammenhängend lehren darf, denn akademisch überleben können? Wie soll es seinen Nachwuchs rekrutieren, wer soll seine Wissensbestände pflegen? Egal. Weg mit den Fächern. Sie werden verschwinden. Die kleinen, die vorklinischen, die theoretischen zuerst. Die ganz kleinen sind aus der neuen Planung im Lernzielkatalog schon herausgestrichen. Geschichte der Medizin? Ethik? – Machen wir alles fächerübergreifend, je nach ethisch-moralischem Fallbedarf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.