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Frauen in Führungspositionen : „Männer müssen erst lernen, Macht zu teilen“

Vielen Männern in Führungspositionen falle es noch schwer, Frauen auf dieser Ebene neben sich zu dulden, sagt Emma Marcegaglia. Bild: dpa

In vielen Ländern Europas seien Frauen im Top-Management schon ganz gut plaziert, sagt die italienische Stahlmanagerin Emma Marcegaglia. Für Deutschland setzt sie auf die Quote - obwohl sie erst strikt dagegen war.

          5 Min.

          Emma Marcegaglia, Präsidentin des europäischen Unternehmerverbandes Business Europe, Chefin des Erdöl- und Energiekonzern Eni und Finanzvorstand des familieneigenen Stahlkonzerns , spricht im Interview über die Vorzüge der Frauenquote, erschöpfte Mütter und begriffsstutzige Männer.

          Frau Marcegaglia, reihenweise scheitern Topmanagerinnen in Dax-Vorständen. Ist das typisch deutsch?

          Womöglich. In vielen Ländern Europas sind wir Frauen nämlich eigentlich schon ganz gut unterwegs. Vor dem Hintergrund der deutschen Erfahrungen müssen wir aber offenbar noch etwas warten, um zu sehen, ob sich die Frauen dort oben auch halten können.

          Ihre Prognose?

          Ich hoffe und bin optimistisch. Wir alle wissen, dass mehr Frauen in führenden Positionen für das Gros der Unternehmen ein höheres Wachstum bedeuten. Auch der Prozess unternehmerischer Entscheidungen verbessert sich, wenn Frauen daran beteiligt sind. Frauen bringen einen erheblichen Mehrwert. Nur müssten das endlich mal die Männer lernen.

          Notfalls mit sanfter Gewalt? Seit Freitag hat sogar Deutschland eine gesetzliche Quote, allerdings nur für Aufsichtsräte.

          Vor einigen Jahren noch war auch ich strikt dagegen. Aber wenn es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt wie in Italien und sich daran von allein nichts ändert, geht es ohne einen gewissen Zwang erst einmal nicht.

          Warum waren Sie mal dagegen?

          Aus nachvollziehbaren Beweggründen einer Managerin und Unternehmerin: Wer will schon als Quotenfrau gelten, wenn er sein ganzes Berufsleben lang gute Arbeit geleistet hat? Seit fast einem Jahr bin ich Verwaltungsratsvorsitzende des börsennotierten Energiekonzerns Eni, dem größten Gasversorger Italiens mit einem Jahresumsatz von 129 Milliarden Euro und mehr als 80.000 Mitarbeitern. Natürlich möchte auch ich nicht vor allem deshalb Verwaltungsratschefin sein, weil ich eine Frau bin. Diese Grundvermutung, die die Quote mit sich bringt, kann man Frauen auf Dauer nicht zumuten. Aber für den Anfang ist sie schon ein sehr gutes Instrument.

          In Italien gibt es sie seit 2011?

          Ja.

          Auch erst nach so hitzigen jahrelangen Debatten wie hier?

          Nein. Das ging bei uns sehr viel schneller. Und die Italiener sind von diesem Gesetz inzwischen ziemlich überzeugt.

          War es für Sie als Unternehmerin und Managerin schwierig, der Quote nachzukommen?

          Die Quote gilt für mich als Vorgabe nur bei der Eni. Unser Familienkonzern, das Stahlverarbeitungsunternehmen Marcegaglia, das mein Vater aufgebaut hat, ist dagegen außen vor, weil es nicht börsennotiert ist. Es gibt genügend Frauen mit dem Potential für Spitzenpositionen, auch wenn die Gegner der Quote immer wieder das Gegenteil behaupten. Bei Eni haben wir die gesetzlichen Vorgaben mühelos erreicht.

          Wie sieht es in Ihrem eigenen Unternehmen aus, das Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder führen?

          Das Stahlgeschäft ist zugegebenermaßen noch immer eine Männerdomäne. Marcegaglia erwirtschaftet mit 7500 Mitarbeitern einen Umsatz von 4,2 Milliarden Euro. Unsere Werksanlagen werden ausschließlich von Männern geführt. Aber in der Verwaltung liegen sowohl die Rechtsabteilung als auch die Finanzen und damit ganz zentrale Führungsbereiche in weiblicher Verantwortung.

          Hierzulande schiebt man Frauen gern die Personalverantwortung zu, nicht das operative Geschäft.

          Auch bei der Eni wird das Personalwesen von einer Frau geführt. Aber sie hat zwei Kolleginnen: Einer untersteht der gesamte Einkauf des Konzerns, der anderen die Unternehmenskommunikation. Das betrifft die Führungsebene unterhalb des Verwaltungsrats, dem ich vorstehe. Im Verwaltungsrat selbst sind wir neun Mitglieder, drei weibliche, so wie es sein muss.

          Glaubt man Ihnen, muss die Quote in Italien ein Erfolg sein.

          ... der hoffentlich so lange währen wird, dass die Töchter der herausragenden Managerinnen, die durch die Quote nun endlich Verantwortung bekommen, sie dann nicht mehr brauchen. Wir Frauen wollen schließlich in Spitzenpositionen kommen, weil wir gut sind.

          Führen Frauen anders?

          Ich glaube schon, aber es kommt sehr auf die Persönlichkeit des einzelnen an. Vielleicht könnte man sagen, dass Frauen - in der Regel - nicht so sehr am reinen Machtspiel gelegen ist. Sie haben einen umfassenderen Führungsansatz, beziehen mehr Aspekte in ihre Erwägungen und Entscheidungen ein und sind mitunter auch flexibler. Das jedenfalls beobachte ich in den Unternehmen, die ich führe.

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