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Rückzug von Harry und Meghan : Flucht oder Vertreibung?

Vor dem Krisengespräch: Königin Elisabeth II. am Sonntag nach dem Gottesdienst in der St Mary Magdalene Church in Sandringham Bild: Reuters

Die Queen versucht bei dem Treffen in Sandringham einen offenen Bruch in der königlichen Familie zu verhindern. Ein Zurück gibt es aber nicht mehr.

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          Den ganzen Tag lang harrten die Hofberichterstatter vor dem königlichen Landsitz in Sandringham aus, der an diesem stürmisch-trüben Montag noch mehr als sonst an eine Trutzburg erinnerte. Es galt mal wieder Entwicklungen zu kommentieren und einzuordnen, über die kaum jemand Bescheid wusste. Der „Sandringham-Gipfel“ fand – wie jedes Gipfeltreffen – hinter verschlossenen Türen statt, und anders als bei Konferenzen rein politischer Natur war nicht einmal eine Pressekonferenz in Sicht.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es ist ja vor allem eine Familienkrise, die in Norfolk beraten wurde. Seit Prinz Harry und seine Frau Meghan die Absicht kundgetan haben, ihre Rolle als „Senior Royals“ abzugeben, herrscht Unruhe im Königshaus. Verstärkt wird sie von aufgeregten Zeitungs- und Fernsehberichten, die fast vergessen machen, dass das Land gerade vor einer politischen Zäsur steht. Der Brexit ist nur noch zwei Wochen entfernt, aber auf den Titelseiten der Zeitungen gibt es nur ein Thema. „Harry in Aufruhr“ hieß es am Montag in der „Times“. Die Zeitung „Metro“ rief sogar die Götter an: „Himmel, hilf!“ Zum Glück gibt es auch besonnene Beobachter, die an die Proportionen dieser Affäre erinnern. Das Königshaus hat es eben nicht mit der Abdankung eines Königs zu tun, auch wenn derzeit viele an den Skandal von 1936 erinnern, als Edward VIII. vom Thron stieg, um seine Liebe zu der Amerikanerin Wallis Simpson ausleben zu können. Prinz Harry ist der Sechste in der Thronfolge, und schon weil sich drei der Höherrangigen im Kindesalter befinden, dürfen seine Chancen auf den Thron als gering eingeschätzt werden.

          „Schwarze Briten wissen, warum Meghan rauswill“

          Die Emotionen schlagen hoch, aber nüchtern betrachtet war die Königsfamilie in ihrer langen Geschichte selten so stabil aufgestellt wie heute. Dokumentiert wurde dies erst unlängst mit einem offiziellen Foto. Darauf sah man die 93 Jahre alte Queen und die drei wahrscheinlichen Nachfolger: ihren Sohn Charles, dessen Sohn William und dessen Erstgeborenen, den sechs Jahre alten George. Manche glauben, es sei gerade dieses Bilddokument gewesen, das Harry seine Nebenrolle vor Augen geführt und die Entscheidung für ein unabhängiges Leben angefeuert habe. Tom Bradby, der sich als einer der wenigen Journalisten Harrys „Freund“ nennen darf, drückte das so aus: Der Palast habe dem Herzogenehepaar von Sussex zu verstehen gegeben, „dass es eine Verschlankung der Königsfamilie geben würde und sie nicht wirklich Teil davon sind“.

          Sind die Briten also gar nicht so sehr Zeugen einer Flucht, sondern einer Vertreibung? Im Buckingham Palace wird dies natürlich dementiert. Es gebe keinerlei Anzeichen, dass der Herzog und die Herzogin von Sussex „herausgedrängt“ würden oder auch nur ein „Gefühl des Unwillkommenseins“ gehabt hätten. „Die Zukunft der Monarchie hat die Sussexes immer ganz in ihrem Herzen gesehen“, versicherte ein königlicher Berater der „Times“. Gleichwohl wird die Annahme, dass das Paar vor allem auf Unerfreulichkeiten reagiert habe, auch von anderer Seite vorgetragen. „Schwarze Briten wissen, warum Meghan rauswill“, schrieb die britische Kolumnistin Afua Hirsch in einer amerikanische Zeitung: „Es ist der Rassismus.“

          Kehren dem Palast den Rücken zu: Harry und Meghan

          Das ist eine steile These, vor allem wenn man bedenkt, mit welcher Euphorie die Briten die Hochzeit des Paares feierten. Selbst im Königshaus wird etwas gewittert: Unter den Beratern im Buckingham Palace grassiert angeblich die Sorge, dass Meghan in einem Rache-Interview Mitglieder der Royal Family als „rassistisch und sexistisch“ bezeichnen könnte. Wieder andere glauben allerdings, dass Meghans Unlust anderswo zu verorten ist. Sie habe gehofft, als Mitglied der Royals ihre politischen Vorlieben wirkungsvoller auf der öffentlichen Bühne verfolgen zu können – um dann feststellen zu müssen, dass die neue Rolle ihren Spielraum eher begrenzt. „Sie will raus“, wurde ein Hof-Kenner am Montag zitiert. „Sie denkt: Es funktioniert nicht für mich.“

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