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Patchworkbeziehungen : Als wir Familie wurden

  • -Aktualisiert am

„Alexa und die Kinder sollten das Gefühl bekommen, dass ihre Welt mit mir größer wird“: Marcus Jauer und Alexa Henning von Lange mit ihren Kindern. Bild: Gene Glover

Wenn die Partner Kinder in die Ehe mitbringen, kann die Hochzeitsreise anstrengend geraten. Und was, wenn man ständig glaubt, dass der Andere einen wieder verlässt? Eine Geschichte aus zwei Perspektiven.

          Marcus erzählt:

          Die erste große Reise, die Alexa, ihre beiden Kinder und ich zusammen unternahmen, war unsere Hochzeitsreise. Wir wollten von Berlin nach Peking fahren. Mit dem Auto. Zehntausend Kilometer. In den Sommerferien. Aber bloß kein Stress. Alles ganz entspannt.

          Warum ausgerechnet Peking?

          Vermutlich hatte mich Alexa abends, nachdem wir Rasmus und Lilly ins Bett gebracht hatten, einfach nur gefragt, wie weit es bis Peking ist. So wie sie mich gefragt hatte, wo Indien am schönsten ist, was es in Usbekistan zu sehen gibt und wo Casablanca liegt. Für sie war es ein Spiel. Ich dachte, sie will da hin.

          Seit ich mit achtzehn Jahren allein auf einer Fähre nach Griechenland gefahren war, bedeutete Reisen für mich Abenteuer. Ich hatte in Zentralafrika mit den Pygmäen gejagt, war zum Basislager des Mount Everest aufgestiegen und hatte auf den Andamanen noch eine fast touristenfreie Insel entdeckt. Vielleicht lag es daran, dass ich in der DDR groß geworden bin. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich aus einer Familie komme, die zu Extremismus neigt. Wenn ich auf eine Reise ging, sollte es anstrengend, kompliziert und außergewöhnlich sein.

          Alexa dagegen kam aus einer Familie, die am liebsten innerhalb Deutschlands verreiste. Im Sommer, bevor wir uns trafen, waren sie und die Kinder mit Oma und Opa auf Rügen gewesen. Alles, was weiter weg war, bezeichnete Rasmus als „Außenland“, was, wenn er es mit seiner hellen Stimme sagte, ebenso magisch wie unerreichbar klang. Aber jetzt war ich ja da, der Abenteurer. Ich konnte es kaum erwarten, mit meiner neuen Familie aufzubrechen.

          „Von Berlin nach Peking sind es genau 7356 Kilometer“, sagte ich.

          „Kann man da auch mit dem Auto hinfahren?“

          „Nun ja“, sagte ich. „Dann sind es ein paar Kilometer mehr.“

          Warum Istanbul? Keine Ahnung

          Direkt nach diesem Gespräch arbeitete ich eine Route aus, die über Russland, Kasachstan und die Mongolei führte, was mir schlauer zu sein schien, als mit Alexa und den Kindern Iran, Afghanistan und Pakistan zu durchqueren. Ich informierte mich über Geländewagen, Dachzelte und Visaregeln. Alexa und die Kinder sollten das Gefühl bekommen, dass ihre Welt mit mir größer wurde. Aber es ging nicht nur um sie. Es ging auch um mich. Ich brauchte das Gefühl, dass so eine gewaltige Reise auch mit Familie noch möglich war. Ich brauchte den Beweis, dass wir uns nicht einschnüren lassen würden in all die Abläufe, denen scheinbar niemand entkommen kann, der Familie hat. Dass uns – und damit mir – das passieren könnte, davor hatte ich Angst. Wer würde ich sein, wenn ich kein Abenteurer mehr war?

          Jeden Abend brachte ich Alexa auf den neuesten Stand meiner Recherchen, bevor wir über die Hochzeit sprachen, die ja auch noch zu organisieren war. Meine zukünftige Frau hörte sich alles geduldig an und stellte nur hier und da eine Frage, etwa, wie es unterwegs mit der medizinischen Versorgung bestellt sei, immerhin würde sie dann im sechsten Monat schwanger mit unserem Baby sein. Ich antwortete ihr, so gut ich konnte, aber je länger ich redete, umso unwahrscheinlicher hörte sich die Reise für mich an. Trotzdem sah ich erst, als wir die Torte für unsere Hochzeit aus Kostengründen selbst backen mussten, ein, dass uns eine Reise nach Peking in jeder Hinsicht überforderte. Also mieteten wir ein Wohnmobil und brachen zwei Tage nach der Trauung statt nach Peking nach Istanbul auf.

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