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Verbrechen in Hameln : Steckt ein Sorgerechtsstreit hinter der Bluttat?

Polizisten bewachen am Montag eine Straßenkreuzung in Hameln. Aus Angst vor Clanstreitigkeiten hatte die Polizei ihre Präsenz erhöht, nachdem ein Mann eine junge Frau an die Anhängerkupplung eines Autos gebunden und rund 250 Meter weit geschleift hatte. Bild: dpa

Die Frau, die am Sonntag von ihrem früheren Mann fast zu Tode gequält wurde, hatte zuvor das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind beantragt. Unterdessen werden weitere grausame Details der Tat bekannt.

          Nach der Gewalttat von Hameln werden immer weitere Details über das Vorgehen des 38 Jahre alten Nurretin B. bekannt. Der kurdische Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit soll seine frühere Lebensgefährtin Kader K., auch sie eine Kurdin mit deutschem Pass, am Sonntagabend mit einem Seil an seinem Auto festgebunden und dann durch mehrere Straßen geschleift haben. Auch soll der gemeinsame Sohn der beiden mit im Wagen gesessen haben, als sein Vater seine Mutter fast zu Tode quälte.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Während der Fahrt durch die niedersächsische Kleinstadt soll Nurretin B. seinen VW Passat nach Medienberichten außerdem auf bis zu 80 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben. Anwohner rannten, alarmiert durch die Schmerzensschreie der Frau, an die Fenster. Vor der Fahrt hatte Nurretin B. seiner früheren Lebensgefährtin zweimal mit einem Messer in den Oberkörper gestochen. Kader K. überlebte den gesamten Gewaltexzess wohl nur, weil sich später das Seil, das Nurretin B. an ihrem Hals und an der Anhängerkupplung seines Wagens festband, nach etwa 250 Metern Strecke bei der Fahrt um eine Kurve löste. Die herbeigerufenen Rettungskräfte brachten die Frau kurz darauf in das Hamelner Sana-Klinikum, wo sie operiert wurde. Die Frau hat neben den Stichverletzungen auch eine Hirnblutung erlitten. Noch in der Nacht wurde sie mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik nach Hannover verlegt.

          Zustand der Kindesmutter weiterhin kritisch

          Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Thomas Klinge, bestätigte, dass die Frau reanimiert werden musste. Die Frau liege im künstlichen Koma, erklärte der Oberstaatsanwalt. Nach Polizeiangaben vom Dienstag ist der Zustand der Kindesmutter weiterhin kritisch. Im Hintergrund der Tat könnte ein schwelender Streit über Sorgerecht und Unterhaltszahlungen gestanden haben. Das Paar soll sich nach Recherchen der „Deister- und Weserzeitung“ schon bald nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes getrennt haben. Die allein nach islamischem Recht geschlossene Ehe wurde aufgelöst.

          Die Frau zog zurück zu ihrer Mutter nach Hameln; der Mann blieb im nahen Bad Münder wohnen und holte den kleinen Sohn jedes zweite Wochenende zu sich. Allerdings soll die Mutter das alleinige Sorgerecht beantragt haben, nachdem sich ihr früherer Lebensgefährte in Syrien eine neue Frau gesucht hatte. Zwischen den Kindeseltern soll es schon des Öfteren zu Konflikten gekommen sein. Vor Gewalt soll Nurretin B. dabei auch schon in der Vergangenheit nicht zurückgeschreckt sein. So soll er vor etwa einem Jahr, als er seinen Sohn zu seiner früheren Lebensgefährtin zurückbrachte, deren Mutter ins Gesicht geschlagen haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist Nurretin B. allerdings nicht vorbestraft.

          Auch der Konflikt am Sonntagabend entzündete sich bei der Rückgabe des Sohnes. Zuvor hatte Kader K. am Freitag Strafanzeige gegen Nurretin B. gestellt, weil sie sich von ihm bedroht fühlte. Die Polizei führte daraufhin eine sogenannte Gefährderansprache durch, bei Nurretin aber vorgab, einsichtig zu sein. Oberstaatsanwalt Klinge sagte, zum Motiv der Tat gebe es noch keine abschließenden Erkenntnisse. „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Er könne gegenwärtig weder den Versuch eines sogenannten Ehrenmord noch eine psychische Störung des Täters ausschließen.

          Nurretin B. schweigt zu der Tat

          Nurretin B. hatte sich kurz nach der Tat auf der Hamelner Polizeiwache gestellt. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft und schweigt zu der Tat. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung erlassen. Die Hamelner Polizei hatte in den Stunden nach der Tat umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt getroffen und dafür auch Verstärkung durch die Bereitschaftspolizei erhalten. Hintergrund dieser „Vorsichtsmaßnahmen“ waren die Gewaltausbrüche, die sich im Januar 2015 in Hameln ereignet hatten.

          Ein Mitglied einer Großfamilie sogenannter M-Kurden, das des Raubes verdächtigt wurde, hatte damals während seiner Vorführung beim Haftrichter einen Fluchtversuch unternommen. Dabei war der Mann aus dem siebten Stock des Gerichts gestürzt. Dutzende Angehörige griffen daraufhin vor dem Gebäude Polizei und Rettungskräfte an. Nachdem der Mann in der Hamelner Sana-Klinikum kurze Zeit später seinen Verletzungen erlegen war, versuchten die Mitglieder seines Clans das Krankenhaus zu stürmen und verletzten dabei mehrere Polizisten.

          Der Hamelner Polizeisprecher Jens Petersen sagte am Dienstag, nach der Tat am Sonntag sei es nicht zu Ausschreitungen gekommen. Bei den Beteiligten habe es sich dieses Mal auch um türkische Kurden gehandelt, nicht um sogenannte M-Kurden oder Mhallami, die im Januar 2015 die Polizei attackiert hatten - eine Unterscheidung, auf welche die Kurdische Gemeinde Deutschland am Dienstag großen Wert legte. Bei den Mhallami handele es sich um einen arabischen Clan, der nur unter dem Vorwand, Kurden zu sein, in Deutschland Asyl beantragt habe, teilte der Verband mit. „Sie gehören der kurdischen Community in Deutschland nicht an“, erklärte die Kurdische Gemeinde über die Mhallami, über deren ethnische Zugehörigkeiten es kontroverse Auffassungen gibt. Über die Tat in Hameln äußerte die Kurdische Gemeinde, diese sei „an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen“ und müsse „mit entschiedener Härte unseres Rechtsstaats geahndet werden“. Einen „kulturellen Rabatt im Strafmaß“ dürfe es nicht geben.

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