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Spanischer Schnellzug wird 25 : Prestigeprojekt und Problemfall

Die Präsidentin von Andalusien, Susana Diaz, mit dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy vor dem berühmten Zug. Bild: EPA

Lieb und teuer: Seit 25 Jahren ist der spanische Hochgeschwindigkeitszug AVE in Fahrt – bislang unfallfrei. Wir schauen zurück auf die bewegte Geschichte dieses Transportmittels.

          Vater und Sohn erfüllten sich einen Jungentraum. Auf ihrer ersten Fahrt mit dem neuen Hochgeschwindigkeitszug durften Juan Carlos und Felipe nicht nur in den Führerstand. Der damalige spanische König und der Kronprinz übernahmen für kurze Zeit auch selbst die Steuerung. Die gesamte spanische Königsfamilie war an Bord, als am 21. April vor 25 Jahren auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla AVE den regulären Betrieb aufnahm.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          AVE ist die Abkürzung für Alta Velocidad Española, das spanische Gegenstück zum deutschen ICE. Zugleich bedeutet das spanische Wort auch Vogel. Anfangs wurden sie deshalb auch die fliegenden Züge genannt. An den Gleisen versammelten sich staunende Menschen, um dem kleinen Wunder zu applaudieren: Statt sechs brauchte der AVE nur noch drei Stunden von Madrid nach Sevilla – für viele ein weiterer Beweis dafür, dass das in den Jahrzehnten der Franco-Diktatur international isolierte Spanien den Anschluss an die Moderne geschafft hat. In den neuen Wagen rasten nun die Besucher zur Weltausstellung nach Sevilla, die an die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 500 Jahre zuvor erinnerte.

          Ein erster Auftrag in Höhe von 800 Millionen Euro

          In Deutschland hatte das ICE-Zeitalter ein Jahr früher begonnen. Doch die spanischen Hochgeschwindigkeitszüge sind der deutschen Konkurrenz längst davongefahren: Kein europäisches Land verfügt über ein ähnlich dichtes Netz an solchen Schnellstrecken wie Spanien; Gut 3250 Kilometer sind es momentan, weitere 1500 Kilometer sind im Bau. Damit wird Spanien international nur noch von China übertroffen. Seit der Fahrt der Königsfamilie von Sevilla nach Madrid vor einem Vierteljahrhundert sind 357,5 Millionen Reisende mit dem AVE gefahren. Und der Zug wurde immer schneller. Vor 25 Jahren betrug die Höchstgeschwindigkeit rund 250 Kilometer in der Stunde. Auf der Strecke von Madrid nach Barcelona fährt der AVE mittlerweile mit Tempo 300.

          Die 625-Kilometer-Verbindung in die katalanische Küstenstadt ist zur Paradestrecke geworden. Die Züge brauchen nur zweieinhalb Stunden und haben damit die Flugzeuge abgehängt, die auf den Flughäfen, die weit von den Stadtzentren entfernt liegen, starten und landen. Die Fluggesellschaft Iberia setzt mittlerweile schon kleinere Flugzeuge ein. Seit der Eröffnung der Schnellstrecke vor neun Jahren sind 52,3 Millionen Fahrgäste zwischen Barcelona und Madrid gefahren; zwischen der Hauptstadt und Sevilla waren es in den vergangenen 25 Jahren 72 Millionen.

          Seit 1992 sonnen sich spanische Politiker gerne im Glanz des nationalen Prestigeprojekts – nicht nur in Wahljahren. Am Jahrestag der ersten kommerziellen Fahrt bestieg der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy am Freitag in Madrid denselben Zug, mit dem vor 25 Jahren schon die Königsfamilie fuhr. In Sevilla kündigte er dann an, dass die Regierung eine weitere halbe Milliarde Euro ausgeben werde, um die AVE-Flotte zu modernisieren; vor wenigen Monaten wurde schon ein erster Auftrag in Höhe von 800 Millionen Euro erteilt, der an das französische Talgo-Konsortium ging. Wegen ihrer schnabelartigen Front werden die Wagen auch „Pato“ (Ente) genannt.

          „Spanien hat mit einer Technologie, die bald obsolet sein wird, eine Hypothek auf die Zukunft aufgenommen.“

          Kein spanischer Regierungschef verzichtete darauf, sich mit dem AVE zu profilieren. Die Expo war 1992 nicht der einzige Grund, weshalb die erste Strecke ausgerechnet in den relativ wenig entwickelten Süden führte: Der damalige sozialistische Ministerpräsident Felipe Gonzáles stammte aus der andalusischen Stadt. Seine Nachfolger waren mit ihren Ankündigungen nicht weniger ehrgeizig. So sollte jeder Spanier höchstens eine halbe Stunde von einem AVE-Bahnhof entfernt leben, und alle 47 Provinzstädte sollten mit der Schnellbahn verbunden werden. Aber davon ist spätestens seit dem Beginn der Wirtschaftskrise vor knapp zehn Jahren keine Rede mehr.

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