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Karten statt Scheine : Fast jeder zweite Deutsche würde auf Bargeld verzichten

Karte oder Bargeld - bezahlt werden muss so oder so. Bild: dpa

Bargeld ist den Deutschen lieb und im Wortsinne auch teuer. Doch Banken wie Händlern ist das nicht gerade recht. Warum eigentlich?

          Die Liebe der Deutschen zu ihren Geldbörsen – oder besser dem Inhalt – ist fast schon legendär. In kaum einem Land wird so viel mit Bargeld bezahlt wie hierzulande. Jeder Deutsche hat nach Angaben der Bundesbank im Schnitt immer etwa 103 Euro im Portemonnaie, 79 Prozent aller Transaktionen werden nach wie vor bar vorgenommen, allerdings mit leicht sinkender Tendenz. Das Verhältnis zum Bargeld ist in Deutschland so emotional wie nirgend sonst auf der Welt.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Vorteile von Bargeld liegen auf der Hand: Zum einen ist es anonym. Niemand kann eine Zahlung mit Bargeld nachverfolgen. Argumente, dass genau das von Kriminellen ausgenutzt wird, laufen aber ins Leere: Fast alles, was es auf der Welt gibt, kann von Kriminellen ausgenutzt werden. Auch hat über Bargeld keiner Kontrolle, es kann (noch) nicht eingezogen oder verwehrt werden. Bargeld macht den Kapitalismus demokratischer, da jeder damit zahlen kann und jeder am Zahlungsverkehr teilnehmen kann – vom Bankier bis zum Obdachlosen. Und das unbeobachtet vom Staat oder anderen Institutionen – in der heutigen Zeit ein nicht unwichtiges Argument.

          Außerdem hält Bargeld zur Disziplin an: Wer die Scheine in seinem Geldbeutel schwinden sieht, gibt eher weniger Geld aus, als wenn die Ziffern sich im Online-Konto von Schwarz auf Rot drehen.

          Bargeld kostet Händler und Banken Geld

          Doch zur Wahrheit gehört auch: Dieser Luxus kostet Geld, viel Geld. Und deswegen ist es Banken wie Händlern sehr lieb, wenn nicht bar gezahlt wird. Warum kostet den Handel das Bargeld aber etwas? Er muss zum Beispiel große Mengen an Wechselgeld in den Läden vorhalten. Dazu muss aufwendige Sicherheitstechnik installiert werden, die Firmen versichern sich gegen Diebstahl und bezahlen Dienstleister, die in gepanzerten Fahrzeugen das Bargeld anliefern und wieder abholen. Daneben gibt es keine Zinsen auf das gelagerte Geld, aber auch alltägliche Dinge wie falsches Wechselgeld verursachen den Firmen Kosten.

          Die Arbeitszeit für die Verwaltung des Bargeldbestandes ist daneben auch nicht zu verachten. Insgesamt summieren sich die Verluste für den Handel auf etwa 6,7 Milliarden Euro, wie eine Studie der Steinbeis-Hochschule ergab.

          Doch auch Banken sind mit dem Bargeld nicht glücklich. Besonders die Personalkosten schlagen hier zu Buche, da wegen mangelnder Automatisierung etwa 80 Prozent der Prüfprozesse manuell über den Schalter erfolgen – was die Banken etwa 4,5 Milliarden Euro im Jahr kostet. Rechnet man noch die Kosten dazu, die den Privatpersonen etwa durch ausbleibende Zinserträge entstehen, verursacht das Bargeldsystem gesamtwirtschaftliche Kosten von etwa 12,5 Milliarden Euro – also zahlt jeder Bundesbürger etwa 150 Euro im Jahr.

          Da verwundert es nicht, dass Handel und Banken einige Initiativen gestartet haben oder starten, um den Bargeldumlauf zu reduzieren. So bieten mittlerweile auch die Lebensmittel-Discounter wie selbstverständlich nicht nur Kartenzahlung an, sondern auch die Zahlung mit dem Handy oder kontaktlosen Kreditkarten.

          Der Lebensmittelkonzern Rewe geht noch weiter: Ab einem Einkaufswert von 20 Euro kann man sich bei der Kartenzahlung auch Bargeld auszahlen lassen. Das Kalkül dahinter ist einfach: Einerseits bietet man den Kunden eine zusätzliche Dienstleistung an, andererseits hat der Supermarkt selbst weniger teures Bargeld in der Kasse – eine Win-win-Situation für Kunden wie Rewe. Auch Cash26 verfolgt diesen Ansatz.

          Banken wollen Abhebungen begrenzen

          Die Banken versuchen das deutlich weniger subtil. Das Abholen von Geld am Schalter kostet seit jeher bei vielen Instituten Geld. Auch wenn man als Fremdkunde an einen Geldautomaten kommt, werden oftmals saftige Gebühren fällig. Doch mehrere Banken versuchen nun, ihre eigenen Kunden nun auch am Automaten umzuerziehen. Die Direktbank DKB, seit jeher bekannt für ihre kostenlose Kreditkarte inklusive kostenloser Bargeldabhebungen, geht nun weg von ihrer Umsonst-Politik. So sind ab dem 1. Dezember nur noch Abhebungen von über 50 Euro möglich.

          Die Internetbank N26 versucht dagegen, die Anzahl der Abhebungen zu begrenzen. So bekommt man, je nach erfüllten Kriterien, eine gewisse Anzahl an kostenlosen Abhebungen zugesprochen, mindestens jedoch drei. Jede Abhebung an einem Geldautomaten kostet danach zwei Euro. Damit liegen sie offenbar im Trend, einige Experten rechnen damit, dass bald Auszahlungen am Geldautomaten flächendeckend Geld kosten werden.

          Dass Lösungen wie die von N26 oder der DKB sinnvoll sind, zeigt allein ein Blick in die Zahlungsverkehrsstatistik der Bundesbank. Im Jahr 2015 wurden etwa 2,2 Milliarden Abbuchungen im Wert von 367 Milliarden vorgenommen. Auf jeden Deutschen runtergerechnet, bedeutet das also, weniger als drei Abbuchungen im Monat von im Schnitt 166 Euro. Die Lösungen von N26 und der DKB benachteiligen also lediglich Extremnutzer, die Bargeld ganz anders und deutlich häufiger nutzen als der Durchschnittsdeutsche.

          Sowieso scheint sich der Wind in Deutschland langsam zu drehen. Mittlerweile können sich 46 Prozent der Deutschen mit dem Gedanken anfreunden, in Zukunft fast ausschließlich bargeldlos zu zahlen, wie eine Studie des Digitalverbands Bitkom ergab. Ein Jahr vorher konnte sich in der gleichen Studie nur ein Drittel vorstellen, auf Bares im Portemonnaie zu verzichten. Auch die Zahl der Karten wächst beständig auf nun knapp 139 Millionen Stück.

          Und wann ist nun Bargeld die beste Zahlungsmöglichkeit und wann die Kartenzahlung? Die Hochschule Steinbeis kommt zu einem eindeutigen Ergebnis. Jede Rechnung ab 6 Euro, die mit Bargeld beglichen wird, ist teurer als eine Zahlung mit Karte. Durchschnittlich kostet eine Zahlung mit Bargeld etwa 0,6 Cent, mit der Karte nur die Hälfte. Durch die günstigeren Kartengebühren, die von der Europäischen Union vorgeschrieben wurden, dürfte dieser Preis nochmals deutlich gesunken sein.

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