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Verbraucherpreise : Inflation nähert sich dem Notenbank-Ziel von 2 Prozent

Nahrungsmittel sind nochmal teurer geworden. Bild: dpa

Nach der europäischen Berechnungsweise steigen die Verbraucherpreise in Deutschland im März um 2 Prozent. Vor allem Energie wird teurer, aber auch für Nahrungsmittel müssen Verbraucher mehr ausgeben als vor einem Jahr.

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          Die Inflation in Deutschland legt weiter zu. Im März betrug die Inflationsrate nach der nationalen Berechnungsweise des VPI 1,7 Prozent, nach 1,3 Prozent im Februar, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden am Dienstag aufgrund einer ersten Schätzung mitteilte. Teurer wurden vor allem Energie (plus 4,8 Prozent), aber auch Nahrungsmittel (plus 1,6 Prozent). Gemessen nach dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index HVPI, an dem sich unter anderem die Europäische Zentralbank orientiert, lag die Inflation sogar noch höher und betrug 2 Prozent.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die beiden Berechnungsmethoden unterscheiden sich in vielem. Unter anderem wurde beim HVPI die Gewichtung der unterschiedlichen Waren- und Dienstleistungen schon an die Corona-Krise angepasst. Pauschalreisen spielen dort jetzt eine geringere Rolle, Nahrungsmittel eine höhere.   

          Die Bundesbank erwartet, dass die Inflation wegen gestiegener Rohölpreise in den nächsten Monaten weiter zulegen wird. Sie bezieht sich dabei auf den für den europäischen Vergleich berechneten HVPI-Wert, der auch für die EZB maßgeblich ist. In der zweiten Jahreshälfte sei auch aufgrund der Mehrwertsteuersenkung im Vorjahr zeitweise mit hohen Teuerungsraten zu rechnen: „Aus heutiger Sicht könnten sie zum Jahresende zeitweise 3 Prozent deutlich überschreiten“, schreibt die Bundesbank in einem Bericht.

          Die Inflation habe schon wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht, hob Verbraucherpreis-Spezialistin Susanne Hagenkort-Rieger unlängst in einem Pressegespräch hervor. Insbesondere der Anstieg der Preise für Benzin und Heizöl in den ersten beiden Monaten dieses Jahres sei außergewöhnlich hoch gewesen. Im Januar habe sich Benzin in Deutschland gegenüber dem Dezember um 11 Prozent verteuert. Das sei der höchste Preisanstieg seit immerhin 27 Jahren gewesen. Im Februar legten die Kraftstoffpreise dann noch mal um 3 Prozent zu. Heizöl verteuerte sich im Januar gegenüber dem Vormonat um 14 Prozent, im Februar um 6,5 Prozent.

          Nach einem halben Jahr mit coronabedingt negativen monatlichen Inflationsraten sei die Teuerung in diesem Jahr in Deutschland nun „sprunghaft“ höher gewesen, mit 1 Prozent im Januar und 1,3 Prozent im Februar, berichtet das Bundesamt. Dafür machen die Fachleute drei Sondereffekte verantwortlich: die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer im Vergleich zum Dezember 2020, die Einführung eines CO2-Preises auf Kraftstoffe und Heizöl zum Jahreswechsel und den kräftigen Anstieg des Rohölpreises. Hinter letzterem steckten die Erwartung einer globalen Wirtschaftserholung und eine künstliche Verknappung der Fördermengen durch die Ölstaaten.

          Mit einem weiteren Anstieg der Inflation im Jahresverlauf rechnet das Statistische Bundesamt allein schon durch zwei Basiseffekte: Von April an dürfte sich bemerkbar machen, dass im Vorjahr der Ölpreis mit dem ersten Lockdown eingebrochen war. Der Preis für amerikanisches Öl wurde zeitweise sogar negativ. Wenn man die Preise aus diesem Jahr nun mit den außergewöhnlich niedrigen Vorjahrespreisen vergleicht, dürfte das von April an die Inflationsrate nach oben treiben.

          Ein zweiter Basiseffekt werde sich von Juli an bemerkbar machen, wenn die Preise aus diesem Jahr inklusive der höheren Mehrwertsteuer mit denen aus dem vorigen Jahr mit der niedrigeren Steuer verglichen werden. Die Steuer war befristet vom 1. Juli bis 31. Dezember gesenkt worden. Wenn die Mehrwertsteuersenkung komplett an die Verbraucher weitergegeben worden wäre, hätte das die Inflationsrate in der Zeit rechnerisch um 1,6 Prozentpunkte senken müssen. Nach Erhebungen der Deutschen Bundesbank sei das aber nur etwa zur Hälfte passiert. Das komme jetzt wieder hinzu.

          Während sich die Wiederanhebung der Steuer im Januar unmittelbar preissteigernd gegenüber dem Vormonat ausgewirkt habe, werde sie sich vom Sommer an nun als Basiseffekt im Vorjahresvergleich bemerkbar machen. Die Wirkung der CO2-Abgabe auf die Inflation bezifferte der Wirtschafts-Sachverständigenrat mit 0,5 Prozentpunkten allein über die Verteuerung von Benzin und Heizöl, unter Berücksichtigung weiterer Vorleistungsgüter sogar mit rund einem Prozentpunkt. Die weiteren Auswirkungen des Rohölpreises auf die Inflation ließen sich schwerer prognostizieren.

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