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Japanischer Aktienmarkt : Ein Kodex zur Freude der Aktionäre

Der japanische Börsenindex Nikkei 225 ist zuletzt gut gelaufen. Bild: AP

Viele japanische Unternehmen schotten sich mit „Giftpillen“ gegen Übernahmen ab. Darunter sind bekannte Namen.

          Als Japan vor vier Jahren den Aktienindex JPX-Nikkei-400 einführte, war er das glänzende Aushängeschild der Abenomics. Ein Index der besten Unternehmen, die sich an Regeln der guten Unternehmensführung halten, Anteilseigner belohnen und ihr Kapital, gemessen unter anderem am Betriebsgewinn, effizient einsetzen. Ein Index, der Kapitalgebern ein neues, anlegerorientiertes Japan zeigen und börsengehandelten Unternehmen als Ansporn dienen sollte. Doch nach vier Jahren ist der Glanz dahin.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Index, aufgelegt von der Tokyo Stock Exchange und dem Informationsanbieter Nikkei, läuft aus Anlegersicht weniger gut als der traditionelle Nikkei-225 oder der breit gefasste Topix. Seit Januar 2014 hat der JPX-Nikkei-400 rund 34 Prozent gewonnen, 6,8 Prozentpunkte weniger als der Nikkei-225 und 2,9 Prozent weniger als der Topix. Viereinhalb Jahre sind ein noch zu kurzer Zeitraum, um die Indikatorqualität des JPX-Nikkei-400 für Anleger zu bewerten. Zum Aushängeschild für den Versuch von Ministerpräsident Shinzo Abe, dem Kapitalmarkt mehr Anlegerorientierung einzuimpfen, taugt der spezielle Aktienindex jedoch nur noch bedingt.

          Volumen von Aktienrückkäufen ist deutlich gestiegen

          Ein anderes Element, mit dem Abe die Produktivität Japans heben wollte, war der 2015 eingeführte Kodex für eine gute Unternehmensführung. Der Kodex ist für börsengehandelte Unternehmen verpflichtend, aber mit Ausnahme informellen Drucks nicht sanktionsbewehrt. Erstmals ist das Regelwerk jetzt an manchen Stellen geschärft worden. Analysten fällt es schwer, den Einfluss des Kodex auf die wirtschaftliche Entwicklung oder die Aktienkurse quantitativ zu erfassen.

          Doch habe das Regelwerk in den Unternehmen mit zu einem Umdenken geführt, sagt Jesper Koll von der Fondsgesellschaft Wisdom Tree. Die Profitabilität, der Return on Equity, erreiche mit rund 10 Prozent einen Höchststand. Der Nikkei-225-Index hat seit 2013, dem Beginn der Abenomics, um 116 Prozent zugelegt, weit mehr als etwa der Dax mit 68 Prozent oder der Dow Jones mit 88 Prozent. Der rasante Kurszuwachs gründet weitgehend in der expansiven Geldpolitik der Bank von Japan, aber zu einem kleineren Teil wohl auch in dem Bemühen um eine bessere Unternehmensführung.

          Aus Aktionärssicht hat sich in den vergangenen Jahren einiges zum Besseren verändert. Das Volumen von Aktienrückkäufen hat sich von 2013 bis 2016 auf mehr als 6 Billionen Yen verdreifacht. Im vergangenen Geschäftsjahr gab es auf 5,7 Billionen Yen nach. In diesem Jahr zeichne sich bislang ein Zuwachs von 26 Prozent ab, sagt Nicholas Smith vom Brokerhaus CLSA in Tokio. Liquide genug sind die Unternehmen allemal. 56 Prozent der Unternehmen im Topix hätten netto mehr Barreserven als Verbindlichkeiten, sagt Smith.

          Regeln für Überkreuzbeteiligungen verschärft

          Immer noch schotten sich nach einer Zusammenstellung von Nikkei aktuell rund 390 börsengehandelte Unternehmen mit „Giftpillen“ gegen feindliche Übernahmen ab, doch sind das etwa 30 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Seit Beginn der Abenomics haben nach einer Zusammenstellung von Goldman Sachs 34 Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von mehr als 300 Milliarden Yen auf Maßnahmen gegen Übernahmen verzichtet, darunter bekannte Namen wie Panasonic, Yamaha, Kobe Steel oder Sumitomo Heavy. Der Aktienkurs dieser Unternehmen übertraf den Topix jahresdurchschnittlich um 6 Prozent, hat Goldman Sachs errechnet.

          Als wichtigste Änderung in dem überarbeiteten Kodex sehen viele Beobachter, dass die Börse die Regeln für Überkreuzbeteiligungen verschärft. Börsengehandelte Unternehmen müssen nun detaillierter als zuvor über solche Beteiligungen und die Gründe dafür berichten. Überkreuzbeteiligung machten in den neunziger Jahren mehr als 30 Prozent der Marktkapitalisierung in Japan aus. Ende März waren es nach einer Untersuchung des Wertpapierhauses Nomura 10 Prozent.

          Besonders stark ausgeprägt sind diese Beteiligungen bei Banken, Stahl- und Metallunternehmen sowie Nahrungsmittel- und Autounternehmen. Smith von CLSA bezweifelt, dass der verbal verschärfte Kodex an dieser Stelle viel bringen wird. Schon jetzt führten Unternehmen als Begründung für die Überkreuzbeteiligung platte Standardantworten an. Das werde zunehmen. „Es gibt keine Regel gegen dumme Antworten“, sagt Smith.

          Der überarbeitete Kodex verlangt ferner nach wie vor mindestens zwei externe Direktoren im Vorstand. Doch heißt es nun, dass zur Vielfalt im Vorstand auch Internationalität der Mitglieder und erstmals unterschiedliche Geschlechter gehören. 56 Prozent der japanischen Vorstände sind rein männlich besetzt, zeigt eine Studie der Investmentbank Goldman Sachs. Weniger als 5 Prozent der Vorstandsmitglieder in Japan sind Frauen. Smith von CLSA betont, dass es vielen Unternehmen schwerfallen werde, gemäß den neuen Regeln genügend qualifizierte Frauen für den Vorstand zu finden. In einer Gesellschaft, in der es kaum weibliche Führungspersonen gebe und viele Frauen nicht arbeiteten, sei zumindest für einen langen Übergang das Angebot an Fachfrauen begrenzt.

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