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Aktien im Blick : Überflieger an der Börse

Messplatz für Siliciumwafer von Siltronic in Freiberg. Bild: dpa

Der Spezialchemiekonzern Wacker Chemie und der Wafer-Hersteller Siltronic sind enge Verwandte. Anleger haben beide wiederentdeckt.

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          Die Kursverläufe könnten fast deckungsgleich übereinanderliegen - wenn man die Achse verschiebt. Denn die Titel des Spezialchemiekonzerns Wacker Chemie haben in einem Jahr „nur“ um 84 Prozent zugelegt, während der Kurs der Tochtergesellschaft Siltronic - ein Hersteller von Siliziumscheiben (Wafer) für die Halbleiter- und Solarindustrie - um 350 Prozent in die Höhe geschossen ist.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Vergessen sind die trüben Zeiten, als die im Juni 2015 zum Preis von 30 Euro an die Börse gebrachte Siltronic nach einer kurzen guten Phase in sich zusammengefallen war und im Februar 2016 mit 12,60 Euro den Tiefpunkt erreicht hatte. M-Dax-Wert Wacker hatte genauso Turbulenzen zu überwinden, stürzte in nur fünf Monaten von 114 auf 60 Euro Mitte Februar vergangenen Jahres ab.

          Anleger haben die beiden Aktien wiederentdeckt

          Heute stehen die Titel nach ihren Höhenflügen mit 108,35 Euro (Wacker) beziehungsweise 58 Euro (Siltronic) gut da und gehören zu den Überfliegern. Die Anleger haben sie wiederentdeckt, nachdem sich die Geschäftslagen beider Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2016 aufgehellt hatten; der unerwartete fulminante Geschäftsverlauf im vierten Quartal löste einen Schlussspurt aus.

          Wacker hatte sich schon Ende des dritten Quartals positiv geäußert, würde doch der Zuwachs im bereinigten operativen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im Gesamtjahr am oberen Ende der vorhergesagten Bandbreite von 5 bis 10 Prozent liegen; tatsächlich wurden es 19 Prozent. Siltronic, an dem der Mutterkonzern noch mit 57,8 Prozent die Mehrheit hält, überraschte mit dem stärksten Quartal des Jahres und mit einem Sprung im Ebitda von 18 Prozent.

          Die Wacker-Familie profitiert gleichermaßen von steigenden Preisen, die sie für ihre auf Siliziumbasis hergestellten Produkte durchsetzen konnten. Da zudem Jahresverträge mit den Abnehmern vereinbart werden, dürften sich in den nächsten Monaten diese Preiserhöhungen auch in neuen Abschlüssen mit einem entsprechenden Nachlauf positiv auswirken.

          Siltronic stellt Wafer aus Reinstsilizium her, aus denen Halbleiter für Autos, Mobiltelefone, Laptops und in der Konsumelektronik eingesetzt werden. Im ersten positiven Ausblick auf 2017 hat das Unternehmen weiteres Wachstum und einen Umsatz von erstmals mehr als 1 Milliarde Euro in Aussicht gestellt, verbunden mit einem weiter verbesserten Ergebnis.

          Bei Siltronic kommt Übernahmephantasie auf

          Haben dort vor allem Preiseffekte für Dynamik gesorgt, macht sich in der Wacker Chemie hohe Nachfrage der Kunden mit einem starken Absatz sowie einer hohen Produktionsauslastung bemerkbar, unterstützt durch positive Preiseffekte. Wacker ist als Chemiespezialist ein wichtiger Zulieferer für so ziemlich alle Industrien: Konsum, Textil, Papier, Medizin, Pharma, Landwirtschaft und Solar. Silikone werden in Abdichtungsmassen für Bad und Küche eingesetzt, Dispersionspulver für Zahnpasta oder Fliesenkleber.

          Mit dem Börsengang der ausgegliederten Siltronic hat Wacker sein Augenmerk auf das Chemiegeschäft gerichtet, das weniger schwankungsanfällig ist, allerdings auch niedrigere Margen einbringt. Das Geschäftsjahr 2016 hat indes gezeigt, dass sich dank der hohen Kapazitätsauslastung auch eine gute Umsatzrendite erzielen lässt; bezogen auf das operative Ergebnis unverändert 20 Prozent.

          WACKER CHEM.

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          Das goutiert die Börse. Bei Siltronic kommt Übernahmephantasie hinzu. Mehrheitseigentümer Wacker hat nie Zweifel daran gelassen, sich über kurz oder lang in einem weiteren Schritt in eine Minderheitsposition zu begeben - womöglich alles zu verkaufen. Das lässt Gerüchte kochen. Zwar hat sich der Konzern bislang nicht konkret geäußert.

          Doch vor wenigen Monaten kamen Spekulationen hoch, dass Siltronic das Interesse von Chinesen geweckt haben soll. Die National Silicon Industry Group aus Schanghai wurde als Käufer genannt. Dabei wurde indes ignoriert, dass Verkäufe nach China auf Widerstände stoßen, wenn es um Hochtechnologie geht. Wenn schon der Verkauf von Aixtron, einem Spezialmaschinenbauer für die Halbleiterindustrie, blockiert wird, warum nicht ein Verkauf von Siltronic nach China?

          Luft scheint dünner geworden zu sein

          Angesichts des weiterhin guten Laufes an der Börse scheint die Luft nun jedoch dünner zu werden. So äußern sich die Analysten inzwischen vorsichtiger, 15 raten zum Halten der Wacker-Aktie; vier empfehlen Gleiches den Siltronic-Aktionären. Fünf Beobachter halten Wacker noch für kaufenswert, nur zwei Siltronic. Zwar unterschätze der Markt die Qualität des Chemiegeschäftes von Wacker, sagt Andrew Heap von der Berenberg Bank. Aber weitere deutliche Preiserhöhungen für Polysilikon-Produkte dürften in nächster Zukunft schwer durchzusetzen sein, weshalb er seine Empfehlung vor dem Hintergrund der jüngsten Kurszuwächse von „Kaufen“ auf „Halten“ zurückgestuft hat - auch wenn er für 2017 abermals ein starkes Geschäft erwartet.

          SILTRONIC AG NA O.N.

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          Thomas Becker von der Commerzbank hat zwar für Siltronic sein Rating auf „Halten“ belassen, allerdings das Kursziel von 50 auf 55 Euro erhöht. Darin kommt seine optimistischere Erwartung für den Geschäftsverlauf 2017 zum Ausdruck. Und es sei ja nicht auszuschließen, dass Wacker seinen Anteil reduziere. Nun nähert sich der Mutterkonzern doch noch seinem Ziel: Weil sich Siltronic nicht an Investoren verkaufen ließ, blieb nur der Aktienmarkt als zweitbeste Option. Es brauchte keine zwei Jahre, Siltronic über die Börse und mit Rückenwind erfolgreicher Geschäfte zum attraktiven Investment zu machen.

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