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Zeichner Adolph von Menzel : Was für ein Trubel!

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Adolph von Menzel, „Kaffeezeit in Kissingen“, 1886, Gouache und Wasserfarben auf Papier, 11,6 mal 18,4 Zentimeter, Preis auf Anfrage Bild: Galerie Le Claire

Die Hamburger Galerie Le Claire zeigt Arbeiten von Adolph von Menzel. In seinen rasch aufs Blatt geworfenen Skizzen wird das 19. Jahrhundert gegenwärtig. Sie sind direkt aus dem Leben gegriffen.

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          Gern hätte man Adolph von Menzel beim Zeichnen zugesehen: Hohes Tempo muss er vorgelegt haben, wenn er eines seiner Skizzenbücher, die er stets in den Mantel­taschen trug, hervorzog und eine Geste oder eine flüchtige Situation erfasste – wobei am Ende jeder Strich saß. „Alles Zeichnen ist nützlich und Alles zeichnen auch,“ begründete der Künstler seine Af­finität zum Arbeiten auf Papier. Es übt die Hand, schult das Auge und füllt den Erinnerungs- und Entwurfsspeicher. Menzel zeichnete obsessiv; seine Blätter zeigen eine Bravour, wie kaum ein anderer Künstler des 19. Jahrhunderts sie er­reichte.

          Gemeinsam mit Stephen Ongpin Fine Art aus London vermittelt die Hamburger Galerie Le Claire in ihren Räumen nun einen guten Einblick in dieses Virtuosentum. 37 Arbeiten aus sechs Jahrzehnten sind zu sehen. Eine der frühesten ist das bezaubernde Aquarellporträt von „Fräulein Hanna Maerker“ von 1848. Menzel muss im Stehen gearbeitet haben, wie die leichte Obersicht auf die Neunjährige verrät, die unter ihrem Strohhut von einem Buch aufblickt (87.000 Euro). Das späteste Werk im Angebot entstand 1898 im Auftrag der Berliner Akademie der Künste als Abschiedsgeschenk für den Bildhauer Reinhold Begas. Mit Zimmermannsbleistift, einem seiner favorisierten Werkzeuge, setzte Menzel drei malerisch schattierte Köpfe aufs Blatt (150.000).

          Stärkung zwischen zwei Tänzen: Federskizze Menzels von 1878, 60.000 Euro
          Stärkung zwischen zwei Tänzen: Federskizze Menzels von 1878, 60.000 Euro : Bild: Le Claire

          Einen bedeutenden Teil der Exponate erhielt Ongpin aus einer ame­rikanischen Privatsammlung. Er er­gänzte wei­tere Blätter und zeigte alles begleitet von einem sorgfältig re­cher­chierten Katalog 2019 in London. Das Publikum re­agierte auf den dort weitgehend Unbekannten überrascht und an­getan, so der Händler, aber wohl auch zögerlich angesichts des vom deutschen und amerikanischen Markt gesetzten Preisniveaus. Manches Exponat kennt man aus dem deutschen Handel, insbesondere aus Grisebach-Auktionen von vor sechs bis zehn Jahren. Seither haben die meisten Preise angezogen, nur we­nige Blätter hielten sie oder wurden günstiger. Zu letzteren zählt das Bild Emilie Fontane, der Frau Theodor Fontanes. Der Maler und der Schriftsteller, beide dem Rea­lismus verschrieben, waren be­freundet. Menzel schreibt der unter einem Schirm lesend Dargestellten auf der Rückseite des in Gouache und Aquarell bemalten Kärtchens, das er ihr offenbar als Geschenk für eine verlorene „Vielliebchen“-Wette schickte. Beim da­mals beliebten Spiel gewann derjenige, der nach dem Teilen einer doppelkernigen Nuss den anderen am nächsten Tag zuerst mit „Guten Morgen, Vielliebchen“ grüßte. Das Freundschaftszeugnis brachte 2014 bei Grisebach 100.000 Euro, jetzt wäre es für 97.000 Euro zu haben. Bemerkenswerte Provenienzen schmücken auch eine Bleistiftansicht von Würzburg, die Walter Rathenau gehörte (30.000), und die große Gouache eines Bärtigen, die im Besitz des Genfer Galeristen und Sammlers Jan Krugier und von dessen Frau Marie-Anne Poniatowski war (128.000).

          Adolph von Menzel, „Studie eines sich bückenden Mannes“, 1882, Zimmermannsbleistift auf Papier, 22,6 mal 30,3 Zentimeter, 65.000 Euro
          Adolph von Menzel, „Studie eines sich bückenden Mannes“, 1882, Zimmermannsbleistift auf Papier, 22,6 mal 30,3 Zentimeter, 65.000 Euro : Bild: Galerie Le Claire

          Detailstudien Menzels können ebenso faszinieren wie die akribisch durchgearbeiteten Blätter. So einfach das Sujet, so groß etwa die Kraft der Rückenansicht eines vorgebeugten Mannes (65.000). Von fast abstrakter Anmutung dürfte sie eine Figur des Ölgemäldes „Piazza d’Erbe in Verona“ aus der Dresdner Ga­lerie Neuer Meister vorbereitet haben. Auf demselben Bild findet sich eine Frauenfigur, die Menzel 1882 mit Zimmermannsbleistift in ihrem langen Mantel festhielt (48.000). Für das Gemälde „Schleiferei in der Hofschmiede zu Hofgastein“, heute in der Hamburger Kunsthalle, legte Menzel, der seine Schwester und ihre Familie öfter in den Badeort be­gleitete, etliche Skizzen an. Ein Kreuz markiert die Studie des Mannes am Schleifstein, für deren Ausführung in Öl der Maler sich entschied (52.000). Ebenso wie den hemdsärmeligen Arbeiter erfasst Menzels unbestechliches Au­ge eine Dame, die aus einem Tässchen Suppe löffelt und sich dabei weit vorbeugt, um ja ihr Ballkleid nicht zu bekleckern (60.000). Menzel zeichnete sich förmlich durch sämt­liche Gesellschaftsschichten; doch widmete er auf seinen Wanderungen auch Natur und Landschaft manches Blatt im Skizzenheft.

          „Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen von Adolph von Menzel“, Le Claire Kunst, Hamburg, bis 7. Oktober

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