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Ausstellung in der Schirn : Die Evolution frisst ihre Kinder

Verschüttungen und Verheerungen, Verschmelzungen und Verwandlungen, wohin das voyeuristische Auge sieht: Szene aus „We Are Not Two, We Are One“ von Nathalie Djurberg & Hans Berg aus dem Jahr 2008 Bild: Nathalie Djurberg & Hans Berg / Bildupphovsrätt 2018

Eine übermäßige Perversion, von der man sich als Besucher nicht abwenden kann: Nathalie Djurberg spielt in der Schirn mit Urängsten, Hans Berg untermalt tonal.

          Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle wirft den Besucher derzeit in einen Höllenpark, der wie ein dreidimensionales Hieronymus-Bosch-Gemälde wirkt, ein Garten der Lüste und Laster zum Durchwandern. Ist man anfangs noch gestimmt, diesen Parcours des Grauens möglichst schnell zu absolvieren, fesselt das Abgründige zunehmend, und man verliert sich.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In den rund vierzig gezeigten Animationsfilmen und Installationen der 1978 geborenen schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg wird gemordet und gemetzelt, werden Hintern geleckt wie in ihrer Durchbruchsarbeit „Tiger Licking Girl’s Butt“, lustvoll Konventionen gebrochen und Perversionen ausgelebt, vor allem aber wandelt sich permanent die äußere Gestalt. All dies vollführen keine Menschen, denn sonst befände sich der Zuschauer ja im normalen Horrorfernsehprogramm an einem kirchlichen Feiertag; vielmehr sind geknetete und aus anderem einfachen Kunstmaterial gefügte Tierwesen die Protagonisten von Djurbergs Filmen und Objekten. Dass es sich bei den Tieren jedoch nur um Stellvertreter für Menschen handelt, erweist sich unmittelbar an ihrem Verhalten – derart brutal sadomasochistisch und verschlagen würden selbst Hyänen nicht gegen ihresgleichen agieren.

          Die Tierallegorie freilich ist in der Kunst nichts Neues, sie reicht von den frühesten Verbildlichungen der Aesopschen Fabeln in den steinernen Kapitellwelten der Romanik über La Fontaine und die Grimmschen Märchen bis in die Traumtierwelten des Surrealismus etwa eines Max Ernst oder Yves Tanguy. Die interessante Volte im Werk Djurbergs bleibt dabei, dass sie das Verhalten ihrer Tiermenschen durchgängig als „unmenschlich“ aufzeigt.

          Es ist eine visuelle Therapie

          Auch die von ihr verwendete Stop-Motion-Technik, in der die Knetfiguren der Filme Bild für Bild in meist kleinen Bühnenkästen aufwendig bewegt und verändert werden, führt zu einer Abstraktion, einem konstanten Knirschen im Gehirn, das angesichts jeder der gesehenen eckigen und imperfekten Bewegungen der Tiermenschen vermeldet, es sei nur Fiktion und nicht so schlimm, wie es auf die Retina einhämmert. Dazu spielt die Musik von Djurbergs Freund und ehemaligem Lebensgefährten Hans Berg, die betont sanft und zuckrig daherkommt. Nur in dieser Kombination aus Bildgeruckel und einlullender Liftmusik wird das Gesehene überhaupt erträglich. Genau darin jedoch liegt auch das aufklärerische Potential des Werks: Im Gewand der Tiermetapher zeigt sie scheinbar gerade noch Erträgliches, gliedert das aus, was im Realfilm – mit Ausnahme des Regisseurs Lars von Trier – nicht gezeigt werden könnte.

          Und das highe Krokodil hat Zähne: Nathalie Djurbergs Mackie Messer in Krokoleder beherrscht den Flur.

          Es ist eine visuelle Therapie, in der wir mit Urängsten und Albträumen konfrontiert werden. Wie bei jeder guten Projektion sind der Künstlerin zufolge all ihre Charaktere ein und dieselbe Person, was in der fesselnden Animation „Snake With a Mouth Sewn Shut“ von 2018 anhand des exzessiven Menetekelschrifteinsatzes an den Wänden des Kämmerchens deutlich wird. Und so sind auch Djurbergs Settings archetypisch: dunkle Wälder, klaustrophobisch eng verbaute Zimmer mit Kinderschändertapeten, höhlenartige Räume oder endlose Korridore, die zu den Bildrequisiten jedes unvergesslichen Albtraums gehören. Die Wesen in diesen Räumen wandeln permanent ihre Gestalt. Sie vollführen frei schwebende Verrenkungen und Häutungen, die allen Naturgesetzen spotten und die sie ebenso unheimlich werden lassen wie die Horror-Räume mit ihrem offensichtlichen Anteil an den Metamorphosen ihrer Bewohner.

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