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Fotograf Martin Parr wird 70 : Sonnenbad unter der Planierraupe

Martin Parr vor seinem eigenen Strandfoto. Bild: AFP

Mit Bildern aus einem heruntergekommenen Seebad wurde er berühmt, und auch danach blieb er den Geschmacksentgleisungen auf der Spur: Der traurige Clown der Bildreportage Martin Parr wird siebzig Jahre alt.

          3 Min.

          Es ging Martin Parr nicht gut. Sieben Wochen hat er auf der Intensivstation verbracht. Jetzt bewegt er sich seit einigen Monaten zumindest im Rollstuhl wieder durch die Welt. Nicht gerade über den Globus, wie er es ein halbes Menschenleben lang getan hat, immerhin aber durch seine eigene, kleine Welt zwischen Bildarchiv und privater Fotobuchbibliothek, der vielleicht weltweit größten ihrer Art. Er tritt kürzer, könnte man sagen, wären nicht Räder im Spiel. Und er, der dem schwarzen Humor bis über die Grenze des Zynismus hinweg in der Fotografie zu Museumsehren verhalf, scheint jetzt Altersmilde walten zu lassen, wenn er für sein jüngstes Buch, das im Sommer erscheinen soll, Bilder zusammenträgt, die er Anfang der Neunziger in Chew Stoke aufgenommen hat.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Parr zeigt das Leben der Bewohner eines englischen Dorfes in all seinen Facetten: vom Einräumen der Geschirrspülmaschine und als Opfer einer Flutkatastrophe über eine Beerdigung und den Besuch im Pub bis zur Suche im Gebüsch nach dem verlorenen Ball eines Cricket-Matchs. So wechseln die Nöte des Alltags und die Schrullen während der Freizeitgestaltung einander ab und addieren sich zu einer Reportage der Britishness im Mikrokosmos der Provinz. Auf den ersten Blick erscheint das geradezu warmherzig. Dann aber schimmert durch diese Bilder wenigstens geisterhaft wie ein Wasserzeichen hindurch, was Parr zuvor mit dem grellen Schein seines Blitzlichts und der kühnen Perspektive des extremen Weitwinkelobjektivs hervorhob: Kritik an den gesellschaftlichen Veränderungen im Fahrwasser der Regierung Thatcher und einer Weltsicht, die sich bündelte in Sätzen der Premierministerin wie: „Wer soll das sein, die Gesellschaft? So etwas gibt es nicht!“

          Blick in die Ausstellung „Only Human: Photographs by Martin Parr“ in der National Portrait Gallery, 2019.
          Blick in die Ausstellung „Only Human: Photographs by Martin Parr“ in der National Portrait Gallery, 2019. : Bild: AFP

          Jene Zeit war nicht die schlechteste für Fotografen, die ihrer Arbeit mit hu­manistischem Impetus und weltverbesserischem Anspruch nachgingen, denn an Beispielen für Ungleichheit und Un­gerechtigkeit, Egoismus und Isolation sowie den mitunter fragwürdigen Auswirkungen der Globalisierung herrschte kein Mangel. Allerdings zählt Parr nicht zu der Sorte, die daraus eine Lizenz für Sentimentalitäten ableiten und sich einer zweifelhaften Romantik hingeben, welche in der Armut die Anmut sucht. Vielmehr schmeißt Martin Parr dem Betrachter den Dreck, in dem die unterprivilegierte Klasse lebt, in dem sie ihren Urlaub verbringt und den sie nicht zuletzt auf ihren Tellern hat und gerne auch mit den Fingern isst, so direkt ins Gesicht, dass man gleich erschaudern müsste und sich erst später fragt, weshalb man zunächst lauthals gelacht hat. Wenn etwa am Meer eine Frau ihr Sonnenplätzchen ausgerechnet unter der Kette einer monströsen Planierraupe gefunden hat. Oder wenn Urlauber auf den Stufen der Kaimauer sitzen und ihre Beine im Wasser baumeln lassen, in dem ganze Fuhren von Unrat treiben. Das alles in solch grellen Farben ausgebreitet, dass es wirkt wie reinste Pop-Art.

          Schlagartig berühmt

          Martin Parr hat diese Bilder im Seebad New Brighton aufgenommen, ei­nem Ferienort für die Arbeiterklasse, und 1986 in dem Buch „The Last Resort“ veröffentlicht. Es machte ihn schlagartig berühmt und legte eine Spur, die ihn im Laufe der kommenden Jahrzehnte zu den berühmtesten Ferienorten der Welt führen sollte, stets beherzt auf der Suche nach Geschmacksentgleisungen und Schwachstellen in einem Betrieb, der kein Interesse am Individuum hat, sondern ausgerichtet ist auf die größtmögliche Zahl. Zugleich brachte es ihm den Ruf des Zynikers ein, weshalb sich die renommierte Bildagentur Magnum lange Zeit dagegen sperrte, ihn als Mitglied aufzunehmen. Seine Bilder seien vulgär, warf man ihm vor. Später freilich wurde er sogar deren Präsident – auch wenn es ihn für seine Arbeit, wie er bei Gelegenheit bemerkt hat, eher in einen Supermarkt ziehe als in einen Krieg.

          Bei der Arbeit: Für die Retrospektive im NRW-Forum im Jahr 2019 verbrachte Parr vier Tage in Düsseldorfer Kleingärten und porträtierte ihre Pächter.
          Bei der Arbeit: Für die Retrospektive im NRW-Forum im Jahr 2019 verbrachte Parr vier Tage in Düsseldorfer Kleingärten und porträtierte ihre Pächter. : Bild: Andrea Diener

          Parrs Kritik an den unerträglichen Zuständen der Welt ist schrill formuliert und beruft sich auf die Annahme, wo­nach die Satire alles dürfe. Dabei ist es am wenigsten all der Müll und Plunder oder auch der protzende Reichtum, dem er beim Pferderennen in Ascot oder auf Luxusmessen in Dubai begegnet, über den man staunt und der zugleich die Bilder oft schwer erträglich macht – es sind vielmehr die Menschen, die darauf den Eindruck vollkommener Zufriedenheit vermitteln und nicht eine Sekunde lang zu glauben scheinen, es stimme mit ihrer Situation etwas nicht. Und so wird all der Hohn und Spott am Ende von einem Moment von Traurigkeit überlagert, geradeso wie bei fast jeder Clowneske.

          Umso erstaunlicher, dass es Martin Parr gelungen ist, im Laufe seiner Karriere zum eigenen Markenzeichen zu werden. So veröffentlicht er in seinen Bildbänden nicht nur eigene Aufnahmen, sondern auch gesammelte „Bo­ring Postcards“. Und umgekehrt stellt er Bücher zusammen mit Porträts, die er überall auf der Welt in kleinen Fotoateliers von sich hat aufnehmen lassen. Es gibt sogar ein Heft, in dem seine berühmtesten Bilder nur als Umrisszeichnungen versammelt sind: zum Selbstausmalen. Heute wird Martin Parr siebzig Jahre alt.

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