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Neue F.A.Z. Theaterserie : Was könnte man nicht alles spielen?

Alle Chancen offen: Eine leere Bühne wartet auf einen aufregenden Spielplan mit Leidenschaft für Ausgrabungen und Entdeckungen Bild: plainpicture/Michel Monteaux

Eigentlich könnten die deutschen Theater jedes Risiko eingehen. Aber sie spielen alle immer dieselben Klassiker, adaptieren dieselben Bestseller. Dabei gäbe es so viel zu entdecken.

          Was will das deutsche Theater heute? Wozu tritt es Saison für Saison an? Gibt es so etwas wie eine generelle Tendenz oder zumindest ein paar unterschiedliche Strömungen? Was spiegelt sich von dem großen Ganzen in dem kleinen Halbrund der offenen Bühne? Oder geht es gar nicht mehr in erster Linie um das, was hier gespielt wird, sondern darum, wie ein Theaterhaus verwaltet wird – mit Frauenquote, Ensemblenetzwerk und Mindestgage oder ohne? Fragen, die sich nicht nur dem Theatergänger, sondern auch jedem Steuerzahler stellen. Denn im Unterschied zu den meisten anderen Ländern auf der Erde subventioniert Deutschland seine Theater auf großzügigste Weise. Nirgendwo sonst wird Theater so entschieden und umstandslos gefördert wie bei uns. Von Kiel bis Konstanz leistet sich die Bundesrepublik eine weitverzweigte theatrale Infrastruktur. Als wäre ihre Fortexistenz integraler Teil der Staatsraison und die „Kulturnation“ ohne ihre Theater nicht denkbar.Und trotzdem scheint das Gefühl der Enttäuschung am Theater häufiger um sich zu greifen als bei benachbarten Kunstgattungen. Die Zuschauer sind enttäuscht von der Inszenierung, die Schauspielerin ist enttäuscht vom Regisseur, der Regisseur wiederum von der Intendantin, die Intendanz vom Kulturdezernenten, die Presseabteilung vom Kritiker und der wiederum schnell vom Ganzen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Gehen wir die Sache doch einmal von der anderen Seite an: nicht immer nur klagen und kritisieren, was es auf den Bühnen zu sehen gibt, sondern davon schwärmen, was es zu sehen geben könnte, welche Schätze man auf dem brachliegenden Feld der Theaterliteratur entdecken könnte. Nehmen wir an, wir könnten einen Spielplan frei bestimmen, ohne auf Zuschauerzahlen, Besetzungszwänge oder wohlfeile Spielzeitmotti zu achten. Das einzige Kriterium wäre, dass er ausgefallen literarisch sein müsste, sich distinkt unterscheiden von den „Altprogrammen“ mit ihren „Woyzecks“, „Macbeths“ und „Handlungsreisenden“. Nicht nur den Laien müsste eigentlich erstaunen, mit welcher Einfallslosigkeit an den Theatern des Landes immer wieder dieselben Stücke aufgeführt werden, als umfasste der allgemein spielbare Kanon nur fünfzehn Autoren.

          Sachbücher auf der Bühne

          Die dramatische Schwäche der derzeitigen Dramaturgie an deutschen Theatern, die sich zunehmend zu einem organisierenden Mittelbau ohne eigenes Entwurfsrecht degradieren lässt, zeigt sich durch nichts so deutlich wie durch das nahezu vollständige Ausbleiben literarischer Entdeckungen. Stattdessen wird adaptiert und in eigene Fassung gebracht. Nahezu kein Stoff ist inzwischen mehr vor einer „kulturellen Aneignung“ sicher, ohne mit der Wimper zu zucken werden Beziehungsratgeber und Sachbücher auf die Bühne gebracht. Die Theaterverlage reagieren auf das gestiegene Interesse, indem sie statt neuer Theaterstücke in ihren Vorschauen immer mehr Vorlagen ankündigen, die sich angeblich zur Dramatisierung eignen. Hauptaugenmerk fällt dabei auf das klassische Kinoprogramm und die Bestseller-Listen.

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