Home
http://www.faz.net/-gus-77ps4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Mord im Jobcenter Neuss Bilder einer Aufwallung

Ahmed S. hat im Jobcenter Neuss die Arbeitsvermittlerin Irene N. erstochen. Warum, kann er selbst nicht erklären. Seine Anwälte setzen auf verminderte Schuldfähigkeit. Doch zwei Gutachten kommen zu einem anderen Ergebnis.

© dpa Vergrößern Angst vor Fotos: Ahmed S. im Gerichtssaal in Düsseldorf

Kein Bild. Nur kein Bild zulassen. Die Fotografen sollen nicht einmal ein Stück seines Gesichts vor ihre Objektive bekommen. Deshalb hat Ahmed S. nicht einfach eine Sonnenbrille und eine Baseballmütze aufgesetzt. Deshalb hat er seine graue Jacke bis weit über die Stirn gezogen, hat sich einen roten Papphefter gegriffen, die Akten des Mordprozesses gegen ihn, hinter denen er sich verschanzt, bis die Fotografen den Saal verlassen müssen.

Reiner Burger Folgen:  

Dann kommt ein hagerer Mann mit einem sehr langen Gesicht und großen, traurigen Kinderaugen zum Vorschein. S. ist 52 Jahre alt, seine dichten, schwarzen Haare beginnen erst zögerlich grau zu werden. S. wirkt harmlos. Was er gestanden hat, scheint nicht zu ihm zu passen. Viermal hat S. am 26. September 2012 mit einem Fleischermesser im Jobcenter Neuss auf die 32 Jahre alte Arbeitsvermittlerin Irene N. eingestochen.

Unfassbar heftiges Gemetzel

Warum? Auch seine Anwälte Gerd Meister und Horst Ruthmann tun sich schwer. Schon vor der Hauptverhandlung haben sie immer wieder gesagt, dass die Sache „normalpsychologisch“ nicht zu erklären sei. In der polizeilichen Vernehmung sagte S., er habe sich über eine kurz zuvor von ihm unterschriebene Datenschutzerklärung aufgeregt.

Das Jobcenter hatte sich die Erlaubnis geben lassen, persönliche Daten des Kunden Ahmed S. innerhalb der Behörde weiterzuleiten und auch potentiellen Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen. Doch S. verstand alles falsch. Er befürchtete, dass mit seinen Daten Geschäfte gemacht würden. Immer weiter steigerte er sich in seine Angst hinein, dass irgendjemand sein Bild für Werbezwecke verwenden könnte, viel Geld verdient mit seinem Bild.

Im Saal E 122 des Düsseldorfer Landgerichts lässt der Vorsitzende Richter Rainer Drees Bilder aus den Ermittlungsakten an die Wand projizieren. Das erste zeigt ein Küchenmesser. Es hat einen schwarzen Griff. Beinahe bis zum Messerheft ist seine Klinge mit frischem Blut verschmiert. Das zweite Foto zeigt die blaue Strickjacke, die Irene N. am 26. September getragen hat. Die Beamten von der Spurensicherung haben die Jacke aufgeschnitten, um sie besser ausbreiten zu können. Mit Pfeilen sind die Einstichlöcher markiert.

Es war ein kurzes, unfassbar heftiges Gemetzel, das im kleinen Büroraum im vierten Stock des Jobcenters stattfand. Zuerst ging S. mit einem kleineren Messer auf Irene N. los. Doch das Messer brach ab, weil S. statt der Arbeitsvermittlerin den Fensterrahmen hinter ihr traf. Dann zog S. das größere Messer hervor, das er in einem aus Zeitungspapier gebastelten Schaft in seinem Hosenbund trug. Viermal stach S. auf die Brust, den Bauch und den rechten Oberschenkel seines Opfers ein.

Kein gutes Leben in Marokko

So wütend stieß S. in seinem Furor zu, dass er mit dem Bauchstich den Körper der Frau komplett durchfuhr. Binnen kürzester Zeit verblutete das Opfer. „Mein Herz blutete, weil ich betrogen worden war, deshalb musste das Herz meines Gegenübers bluten“, gab S. in der ersten Vernehmung kurz nach der Tat zu Protokoll. Der Polizist notierte: „Es zeigt sich ein schlichter Charakter, eine einfache Persönlichkeit.“ S. habe einen „gläsernen Ehrbegriff“, der kleinste Anlass verletzt ihn.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Einblicke in den Beruf Dolmetschen ist wie Seiltanz

Sie wechseln scheinbar mühelos von einer Sprache in eine andere. Doch ihr Job verlangt in kürzester Zeit höchste Präzision. Zwei Dolmetscherinnen berichten über die Herausforderungen ihres Berufs. Mehr Von Fatima Abbas, Wiesbaden

25.02.2015, 12:54 Uhr | Rhein-Main
Schwitzen in Marokko Eingebuddelt im heißen Wüstensand

In der Touristenregion um Merzouga im Süden Marokkos können sich Besucher in den heißen Sand der Sahara einbuddeln lassen und unter Beobachtung schwitzen. Das soll gut gegen Rheuma und für die Haut sein und für eine Entschlackung des Körpers sorgen. Mehr

16.10.2014, 11:35 Uhr | Gesellschaft
Prozess gegen Boston-Bomber Er war es

Wie verteidigt man einen Menschen, von dessen Schuld man schon überzeugt ist? Die Anwälte des mutmaßlichen Attentäters vom Boston-Marathon stehen nun vor ihrer schwersten Aufgabe. Die Metropole versucht, mit dem blutigen Kapitel abzuschließen. Mehr

04.03.2015, 20:50 Uhr | Politik
Exklave Melilla Spanien schottet sich gegen Flüchtlinge ab

Ein sieben Meter hoher Zaun trennt Afrika von Europa: In der Exklave Melilla in Marokko versucht Spanien mit allen Mitteln, gegen den Ansturm von Flüchtlingen vorzugehen - nicht immer gelingt das. Mehr

15.01.2015, 15:29 Uhr | Politik
Anschlag in Kopenhagen Im Schatten des Terrors

Eine Woche ist es her, dass ein junger Mann zwei Menschen in Kopenhagen getötet hat. Der Anschlag ließ die Stadt erstarren. Wie soll es nun weitergehen? Eine Spurensuche im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro. Mehr Von Matthias Wyssuwa, Kopenhagen

23.02.2015, 14:40 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.03.2013, 16:37 Uhr

Oscar-Preisträgerin Julianne Moore liebt den Kölner Karneval

Schauspielerin Julianne Moore erinnert sich gerne an ihre Jahre in Deutschland, Prinz William setzt sich in China gegen Wilderei ein, und Madonna möchte sich mit der Chefin des Front National austauschen – der Smalltalk Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden