http://www.faz.net/-gum-77ps4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.03.2013, 16:37 Uhr

Mord im Jobcenter Neuss Bilder einer Aufwallung

Ahmed S. hat im Jobcenter Neuss die Arbeitsvermittlerin Irene N. erstochen. Warum, kann er selbst nicht erklären. Seine Anwälte setzen auf verminderte Schuldfähigkeit. Doch zwei Gutachten kommen zu einem anderen Ergebnis.

von , Düsseldorf
© dpa Angst vor Fotos: Ahmed S. im Gerichtssaal in Düsseldorf

Kein Bild. Nur kein Bild zulassen. Die Fotografen sollen nicht einmal ein Stück seines Gesichts vor ihre Objektive bekommen. Deshalb hat Ahmed S. nicht einfach eine Sonnenbrille und eine Baseballmütze aufgesetzt. Deshalb hat er seine graue Jacke bis weit über die Stirn gezogen, hat sich einen roten Papphefter gegriffen, die Akten des Mordprozesses gegen ihn, hinter denen er sich verschanzt, bis die Fotografen den Saal verlassen müssen.

Reiner Burger Folgen:

Dann kommt ein hagerer Mann mit einem sehr langen Gesicht und großen, traurigen Kinderaugen zum Vorschein. S. ist 52 Jahre alt, seine dichten, schwarzen Haare beginnen erst zögerlich grau zu werden. S. wirkt harmlos. Was er gestanden hat, scheint nicht zu ihm zu passen. Viermal hat S. am 26. September 2012 mit einem Fleischermesser im Jobcenter Neuss auf die 32 Jahre alte Arbeitsvermittlerin Irene N. eingestochen.

Unfassbar heftiges Gemetzel

Warum? Auch seine Anwälte Gerd Meister und Horst Ruthmann tun sich schwer. Schon vor der Hauptverhandlung haben sie immer wieder gesagt, dass die Sache „normalpsychologisch“ nicht zu erklären sei. In der polizeilichen Vernehmung sagte S., er habe sich über eine kurz zuvor von ihm unterschriebene Datenschutzerklärung aufgeregt.

Das Jobcenter hatte sich die Erlaubnis geben lassen, persönliche Daten des Kunden Ahmed S. innerhalb der Behörde weiterzuleiten und auch potentiellen Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen. Doch S. verstand alles falsch. Er befürchtete, dass mit seinen Daten Geschäfte gemacht würden. Immer weiter steigerte er sich in seine Angst hinein, dass irgendjemand sein Bild für Werbezwecke verwenden könnte, viel Geld verdient mit seinem Bild.

Im Saal E 122 des Düsseldorfer Landgerichts lässt der Vorsitzende Richter Rainer Drees Bilder aus den Ermittlungsakten an die Wand projizieren. Das erste zeigt ein Küchenmesser. Es hat einen schwarzen Griff. Beinahe bis zum Messerheft ist seine Klinge mit frischem Blut verschmiert. Das zweite Foto zeigt die blaue Strickjacke, die Irene N. am 26. September getragen hat. Die Beamten von der Spurensicherung haben die Jacke aufgeschnitten, um sie besser ausbreiten zu können. Mit Pfeilen sind die Einstichlöcher markiert.

Es war ein kurzes, unfassbar heftiges Gemetzel, das im kleinen Büroraum im vierten Stock des Jobcenters stattfand. Zuerst ging S. mit einem kleineren Messer auf Irene N. los. Doch das Messer brach ab, weil S. statt der Arbeitsvermittlerin den Fensterrahmen hinter ihr traf. Dann zog S. das größere Messer hervor, das er in einem aus Zeitungspapier gebastelten Schaft in seinem Hosenbund trug. Viermal stach S. auf die Brust, den Bauch und den rechten Oberschenkel seines Opfers ein.

Kein gutes Leben in Marokko

So wütend stieß S. in seinem Furor zu, dass er mit dem Bauchstich den Körper der Frau komplett durchfuhr. Binnen kürzester Zeit verblutete das Opfer. „Mein Herz blutete, weil ich betrogen worden war, deshalb musste das Herz meines Gegenübers bluten“, gab S. in der ersten Vernehmung kurz nach der Tat zu Protokoll. Der Polizist notierte: „Es zeigt sich ein schlichter Charakter, eine einfache Persönlichkeit.“ S. habe einen „gläsernen Ehrbegriff“, der kleinste Anlass verletzt ihn.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Prozess um Kindermorde Mutter des toten Mohamed sagt gegen Silvio S. aus

Im Oktober vergangenen Jahres verschwand der vierjährige Mohamed. Seine Mutter beschreibt ihn als lebhaft und neugierig. Vor Gericht sitzt sie seinem mutmaßlichen Mörder gegenüber. Mehr Von Julia Schaaf, Potsdam

27.06.2016, 16:04 Uhr | Gesellschaft
Florenz Karl Lagerfeld, der Fotograf

Karl Lagerfeld ist nicht nur als Modedesigner international gefragt. Er hat sich auch als Fotograf einen Namen gemacht. In Florenz sind jetzt seine Bilder zu sehen. Mehr

20.06.2016, 13:22 Uhr | Stil
Ehepaar baut Kunsthalle Ein Haus der Kunst im Taunusdorf

Es ist eines der ungewöhnlichsten Projekte der vergangenen Jahre, zumindest im Taunus: Private Sammler haben in der Provinz eine Halle für zeitgenössische Werke eröffnet. Mehr Von Oliver Bock, Taunusstein

22.06.2016, 12:47 Uhr | Rhein-Main
Filmkritik Miss Hokusai Bilder schauen Bilder an

Eine Zeichnerin erzählt die Geschichte der Tochter eines großen Künstlers als Comic; ein Trickfilm setzt sie ein Bewegung. Mehr

24.06.2016, 07:49 Uhr | Feuilleton
Mord an Polizistenpaar Islamist vor aller Augen

Hat das französische Terrorwarnsystem versagt? Larossi Abballa steht nun vor Gericht. Der Attentäter soll den Behörden jedoch schon früher bekannt gewesen sein. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

20.06.2016, 21:04 Uhr | Politik

Kanadische Künstlerin Alanis Morissette zeigt ihren Bauch unter Wasser

Alanis Morissette lässt ihren Babybauch unter Wasser ablichten, Caitlyn Jenner ist zum zweiten Mal auf dem Cover von „Sports Illustrated“ und Justin Trudeau ziert ein Marvel-Heft – der Smalltalk. Mehr 1

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden