Luis ist ein unruhiges Kind. Er ist impulsiv, findet sich nur schwer in die Gruppe ein und kann sich nicht strukturieren. Das Erziehungsmuster von Lob und Tadel funktioniert bei ihm nicht. Luis ist anstrengend, für sich und seine Mitmenschen. Irgendwann, sagt sein Vater, drohte die „Familiensituation“ zu kippen. Sie wolle nur, „dass er seine Träume realisieren kann“, sagt die Mutter. Und das geht nur mit Medikamenten. Luis bekommt Ritalin.
Auch Tim ist ein Wildfang, das bereitete schon im Kindergarten Probleme. Er schneidet Grimassen, entwickelt Ticks. Tim stehe oft unter Stress, sagt sein Vater, dann versteife sich sein ganzer Körper und er beginne, auf seiner Kleidung zu kauen. Aber für Tims Vater ist das „keine Krankheit, sondern das normale Leben“. Also versuchen es die Eltern mit psychologischer Hilfe, Ergotherapie und viel Zuneigung. Zu Beginn der Behandlung, sagt die Therapeutin, habe sie das Gefühl gehabt, „das Kind ist auf der Flucht“. Doch der Junge mache Fortschritte, ganz langsam. Tim bekommt kein Ritalin.
Philipp ist vierzehn. Keine Schule will ihn aufnehmen, seit zwei Jahren, trotz Schulpflicht. Das Jugendamt ist keine Hilfe. Philipp würde gern wieder in die Schule gehen. Doch dort will man ihn nicht, eine Lehrerin schildert ihn als aggressiv.
Stempel auf der Stirn
Philipp lebt ständig in der Angst zu versagen, weil er die Erwartungen der anderen nicht erfüllt. Er habe, sagt seine Mutter, „einen Stempel auf der Stirn“ - so wie er ist, hört er von anderen, ist er nicht in Ordnung. Und wer nicht in Ordnung ist, fliegt raus. Einmal kam er nach Hause und sagte zu seiner Mutter: „Ich springe jetzt aus dem Fenster, und dann hast du keine Probleme mehr.“ Seine Mutter ist nicht berufstätig, sie kümmert sich um ihren Sohn. Auch Philipp nimmt Ritalin. Was bewirken die Pillen? „Mein Kopf sagt mir nicht mehr so viele dumme Sachen“, meint Philipp.
In ihrem für den SWR produzierten Film „Pillen für den Störenfried“ schildert Sylvia Nagel die Geschichte dieser drei Jungs. Die Kinder geben Auskunft, ihre Eltern, Lehrer, Therapeuten und Ärzte. Das hinzubekommen ist eine Leistung. Denn hier offenbaren sich Familien, die es mit einer Diagnose zu tun haben, die viele Kinder und Eltern bewegt: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung.
Diese Diagnose bekommen heute viele, vor allem Jungs. Man wird kaum eine deutsche Schulklasse finden, in der kein Kind sitzt, das Ritalin schluckt. Die Wirkung hält acht Stunden an, das reicht für den Schultag. Es geht darum, dass die Kinder in der Schule „funktionieren“, dass sie Leistung bringen. Erst die Kita, dann der Kindergarten, dann das G-8-Abitur: Das klappt nur, wenn man nicht aus der Reihe tanzt. Und wer aus der Reihe tanzt, steht im Abseits. Widerstand zwecklos.
Die Frage nach unserem Menschenbild
Der Film von Sylvia Nagel stellt die Systemfrage. Er stellt die Frage, die bei den herrschenden Bildungsdebatten irrsinnigerweise eine viel zu kleine oder gar keine Rolle spielt. Es ist die Frage nach unserem Menschenbild. Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Wie erlauben wir ihnen zu sein? Wie dürfen sie sich entwickeln?
Sie geht unter in der auf absurde Weise ideologisierten Diskussion über das Betreuungsgeld. Dessen Gegner erwecken den Eindruck, sie wollten Eltern als Erziehende möglichst ausschalten. Da geht es um die Selbstverwirklichung von Frauen und Männern, um die schnelle Rückkehr in den Beruf, um Ganztagsverwahrung von den ersten Tagen an. Um die Kinder geht es nicht.
Tims Großmutter ist für ihn eine wichtige Bezugsperson und weiß eine Antwort: Sie findet ihn ganz normal. Zumindest sei das früher normal gewesen. Und heute? „Die Leute können heute nichts mehr vertragen.“ Schon beim kleinsten Schubser rufen entsetzte Eltern an. Oder erteilen Kontaktverbot. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ - das Lied von Franz Josef Degenhardt, mit dem er 1965 gegen die Spießigkeit der Gesellschaft sang, bekommt heute eine neue Bedeutung.
Man merkt, welcher Seite die Filmemacherin Sylvia Nagel in dem Deutungsstreit zuneigt. „Was früher der Rohrstock war, ist heute die Psychopille“, heißt es im Begleittext ihrer Dokumentation: Die Anzahl der Rezepte für Psychopharmaka für Kinder und Jugendliche sei innerhalb der vergangenen fünfzehn Jahre von fünftausend auf 380.000 pro Jahr gestiegen.
Doch denunziert Sylvia Nagel niemanden. Es wäre fatal, käme sie mit Schuldzuweisungen daher - Schuldzuweisungen, auf die nur verfällt, wer sich der Tragweite des Themas nicht bewusst sind. Behutsam geht Sylvia Nagel mit den drei Familien um, die sich ihr geöffnet haben. Mit derselben Behutsamkeit hat sie sich schon in einigen Filmen gesellschaftlich bedeutenden Themen gewidmet („Abgestempelt? Leben mit Hartz IV“ [2009], „Die Heimkinder - Geschlagen und vergessen?“ [2009], „Die Krankenfabrik - Patienten in Not, Schwestern am Limit“ [2008]).
Sich selbst als erfolgreich erleben
Was die richtige Entscheidung für ihre Kinder ist, müssen die Familien am Ende selbst wissen. Nur eines ist klar: Ohne Zusammenhalt, ohne Zuneigung sind die wilden Jungs verloren. Es gilt, daran zu arbeiten, dass das auch allen bewusst ist, die an der Erziehung beteiligt sind, und erst recht denjenigen, von deren politischen Entscheidungen unser Schulsystem abhängt. Im Augenblick überbieten sich Politiker in Ganztagskitaplatzrekorden, an der Größe der Schulklassen und der Unterversorgung mit Lehrkräften aber ändert sich nichts.
Am Ende von Sylvia Nagels Langzeitbeobachtung hat auch Philipp einen Platz gefunden, in einem Gymnasium, in dem er kein Sonderfall ist - einer Privatschule, die eine Menge Geld kostet. Auch die beiden anderen liebenswerten Jungs, deren Eltern man die Anstrengung ansieht und die Freude über kleine Erfolge - wenn sich die Filii nämlich selbst als erfolgreich erleben -, kommen voran, mit oder ohne Ritalin. „Ganz ohne Medikamente“, sagt Sylvia Nagel von Luis, könnte „man ihn erleben, wie er eigentlich ist. Ob er mal ohne Pillen zurechtkommt?“
Mädchen werden gar nicht erwähnt
Andreas Stadelmann (Andy_04)
- 09.05.2012, 11:50 Uhr
Noch ein paar Worte zum "Betreuungsgeld", das in dem
hervorragenden Artikel
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 08.05.2012, 16:43 Uhr
Mir kann niemand einreden, dass Jungen heute anders sind als früher
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 08.05.2012, 16:09 Uhr
Pillen für den Störenfried
Maria Reinke (MariaReinke)
- 08.05.2012, 13:11 Uhr
Angebote für schwierige Jungen fehlen
Karsten Krug (kkrug)
- 08.05.2012, 08:54 Uhr