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Veröffentlicht: 21.11.2015, 10:27 Uhr

Kürzungen des Kulturetats Londons Schuld

Die britischen Kommunen sind alarmiert: die Kürzungen des Kulturetats der Zentralregierung sind drastisch. Wird nun eine Welle von Verkäufen kommunaler Sammlungen stattfinden?

von
© AFP War der Verkauf der altägyptische Sekhemk-Figur aus Northampton erst der Anfang?

Die Grafschaft Lancashire im Norden Englands ist die jüngste von mehreren, die drastische Einsparungen von bis zu hundert Prozent im Kulturetat vornehmen und damit einen Zeigefinger gegen das Austeritätsprogramm der Zentralregierung erheben. Die Zuwendungen der Kommunalverwaltungen sind seit 2010 im Durchschnitt um 51 Prozent beschnitten worden. Für die nächsten vier Jahre stehen weitere Kürzungen an, die sich voraussichtlich bei dreißig Prozent einpegeln werden. Wo das Beil fallen wird, dürfte in der kommenden Woche klarer sein, wenn der Schatzkanzler den Ausgang der Überprüfung öffentlicher Ausgaben bekanntgibt. Längst zeichnet sich jedoch der kumulative Effekt der Einsparungen auf regionale Kultureinrichtungen ab.

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Die Not der kommunalen Museen geriet vor einem Jahr in die Schlagzeilen, als das Museum von Northampton die altägyptische Figur des königlichen Schreibers Sekhemka, eine Schenkung des späten neunzehnten Jahrhunderts, für rund sechzehn Millionen Pfund bei Christie’s veräußerte. Andere kommunale Sammlungen versuchten ebenfalls, ihre schrumpfenden Etats durch Verkäufe aus dem Bestand auszugleichen. Ähnlichen Alarm schlagen das Bibliothekswesen sowie die Theater- und Musikschaffenden, die unter anderem davor warnen, dass die Streichung von Kulturleistungen an der Basis, wie dem von den Kommunen subventionierten Musikunterricht, die Förderung von Begabungen und die Entdeckung von Talenten gefährde und der Ungleichheit Vorschub leiste.

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Die BBC hat dieser Tage in elf gleichzeitig ausgestrahlten Fernsehdokumentationen über einzelne regionale Schauspielhäuser an die schönen alten Zeiten des Repertoiretheaters erinnert, das lokalen Talenten als Sprungbrett für eine nationale Karriere diente. Die Kommunalverwaltungen schieben alle Schuld auf London, wo jene Mentalität herrsche, die Dickens in seinem Roman „Schwere Zeiten“ über die sozialen Missstände der Viktorianischen Ära fast hundertfünfzig Jahre vor dem Thatcherismus monierte.

Darin prangerte er die marktwirtschaftliche Philosophie an: „Jeder Zoll des menschlichen Daseins hatte ein auf dem Kassentische abgeschlossener und geregelter Vertrag zu sein. Und wenn wir über den Zahltisch nicht in den Himmel kommen konnten, dann war er kein nationalökonomischer Platz, und wir hatten nichts dort zu suchen.“ Dabei obliegt es den Kommunen, in welchen Bereichen sie sparen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass sie die Kultur als Knüppel gegen die konservative Regierung benutzen. Dadurch wird das kulturelle Wohlergehen des ganzen Landes in Mitleidenschaft gezogen.

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