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Eskalation in Clausnitz : Tribalismus wird Alltag, wo Politik sich abwendet

Von welchem Schicksalszusammenhang ist hier die Rede? Rechtsextreme haben sich dieser Tage einer Parole aus der Wendezeit bemächtigt. Bild: dpa

Wer ruft vor einem Bus mit Flüchtlingen „Wir sind das Volk“? Man sollte die Menschen, die heute Stammesfehde spielen, für nicht halb so dumm halten, wie sie sich aufführen.

          Eine Horde tobt um einen Bus, in dem ein paar Menschen angekommen sind, die der Mob hier nicht haben will. Staatsvollzugsorgane schaffen die sichtlich verängstigten Neuankömmlinge aus dem Fahrzeug. Die Handgreiflichkeit ruft Unartikuliertes hervor, vielleicht Zustimmung, vielleicht bloßes Blöken Betrunkener. Aber auch eine Parole wird gebrüllt: „Wir sind das Volk, wir sind das Volk!“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Was meinen die mit „Volk“? Einen Souverän, der sich staatlicher Gängelung erwehrt, offensichtlich nicht, denn man umstellt da kein Rathaus, keine Kaserne oder sonst eine Trutzburg der Macht, sondern ein ungeschütztes Fahrzeug und Leute in der Minderzahl. Auch eine Kulturgemeinschaft ist dieses „Volk“ nicht, das in Drohrotten gegen Fremde mobil macht: Hört und liest man, was diese Personen zu Anlässen wie dem geschilderten in Handymikrophone schreien und was sie in Netzforen oder Druckerzeugnissen so an Gründen für ihren Kampf gegen die als Invasionsarmee aufgefasste Zuwanderung vorbringen, dann ist das alles Mögliche, nur nicht deutsch, so brutal wird da durch Lexik, Syntax und Semantik (Drei Fremdwörter? Sofort ausweisen!) randaliert.

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          Wer sind hier die Fremden?

          Auch äußerlich dürfte dörflichen Großeltern die eigene zwölfmal im Gesicht gepiercte Enkelin, die den Tag im Internet vertrödelt, weil sie keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, fremder sein als der frömmste syrische Muslim, der am Bahnhof die Toilette hütet. Eine Trachten-, Sprach- und Feiertagsritualgemeinde ist das ominöse „Volk“ demnach ebenso wenig wie ein um Repräsentation in gesetzgebenden Versammlungen bemühtes politisches Subjekt. Was aber kann’s dann nur sein? Ein Schicksalszusammenhang des Blutes natürlich, gegliedert nicht in Berufe oder Frisurmoden, sondern Stämme, Clans.

          Bei den anderen, den Zugewanderten, macht sich das Ressentiment jetzt Gedanken über deren Tribalismus, der die hiesige Lebenswirklichkeit mit parallelgesellschaftlichen Spaltpilzen bedrohen soll: „Es geht um unsere Handys, unsere Brieftaschen, unsere Frauen, im Extremfall um unser Leben“, heißt es in einem Editorial der Zeitschrift „Compact“, und dass Frauen da nicht selbst „wir“ sind, sondern zu dem zählen, was „uns“ gehört (wie ein Handy oder das werte Leben), ist eine kleine Offenbarung, die nicht davon ablenken sollte, wie sich dasselbe Editorial den Plan der Stämme von auswärts vorstellt: „Migrantenbanden nutzen die Überlastung der Polizei durch Aufgaben bei der Terrorabwehr zur Ausdehnung der von ihnen kontrollierten No-go-Areas.“ Solche „No-go-Areas“ für alle, die unter ihre Feindbestimmung fallen, schaffen in der Wirklichkeit bekanntlich auch rechte Banden, etwa in Leipzig, wo Linksautonome, deren Alternativstämme, zusammengehalten von Gesinnung und Negativkonturen („gegen den Staat“, „gegen Deutschland“), neuerdings mit dem Eindringen rechter Rollkommandos in Räume konfrontiert werden, die sie für die ihren hielten.

          Dort und etwas weiter östlich gab es noch vor ein paar Jahren Staaten, die mit putzigen Wortkonstruktionen wie „Volksdemokratie“ den Umstand schmückten, dass ihr Verwaltungsideal das Verschwinden überkommener gesellschaftlicher Konflikte – auch tribaler – im Staat war. Seit dem Ende dieser Systeme spricht man von „failed states“, wo nicht das Gruppenegoistische im Staat verschwindet, sondern umgekehrt Staaten von Gruppenkämpfen (mit manch ausländischem Zuschuss) zermalmt werden.

          Die Frage der Alarmstufe

          Man beobachtet also den Polizisten vor dem Mob und fragt sich, auf welcher von drei möglichen Alarmstufen man sich befindet: der niedrigsten, wo der Staat gegen die Stämme noch handlungsfähig ist, der zweiten, auf der er sie ihren Zank unter sich ausmachen lässt, oder der schlimmsten, auf der er Partei ergreift und das Bündnis von Mob und Elite baut, das die Geschichtsschreibung „Faschismus“ nennt? Die Leute, die da brüllen und toben, so sagt eine beliebte Verharmlosung ihres Treibens, leben halt in einer Welt, in der sie keinen planbaren Lebenslauf mehr vor sich wissen – Familie, Schule, Beruf sind Gezeitenkräften ausgesetzt, die internationale Banker oder Bürokraten in Brüssel freisetzen und lenken.

          Wenn der Mob aber gerade nicht Banker und Bürokraten angreift, sondern Wehrlose, ist das keine Erklärung, sondern eine Ausrede. Der Rückfall ins Stammesverhalten soll daher kommen, dass Menschen ihr abstraktes modernes Leben nicht ertragen? Ach was, als Fußgänger oder Hartz-IV-Empfänger zwischen hochabstrakten Verkehrsregeln, Schildern und Paragraphen manövrieren können sie auch. Man soll Menschen, die heute Stammesfehde spielen, nicht mal für halb so dumm halten, wie sie sich aufführen. Die Absicht ist einfach: Sie wollen möglichst später arbeits- und obdachlos werden als Fremde, am besten gar nicht, es soll die anderen treffen. Zu schwach für Solidarität, aber schlau genug, um sich gegen möglicherweise noch Schwächere zusammenzurotten. Soll man sich Stallwärme wünschen, wo die Ochsen gelernt haben, das Stroh anzuzünden?

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