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Handball-EM : Beben in der „Boxen“

  • -Aktualisiert am

Ganz Dänemark träumt vom Wintermärchen: auch Kronprinz Frederik und Premierministerin Helle Thorning-Schmidt Bild: REUTERS

Die Dänen machen aus ihrer Handball-EM auch ohne den großen Nachbarn eine Party. Doch das Fehlen der Deutschen reißt ein Loch in die Kasse.

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          Wer sich in diesen Tagen als Deutscher mit Morten Stig Christiansen unterhält, sollte eigentlich am besten verschweigen, woher man kommt. Dass die erste Auswahl des weltweit mitgliederstärksten Handballverbandes die Europameisterschaft in Dänemark verpasst hat, treibt ihm immer noch die Zornesröte ins Gesicht.

          „Wir hatten all unsere Planungen am Gruppenspielort Århus auf Deutschland ausgelegt“, sagt der Generalsekretär des Dänischen Handballverbandes (DHF), „wir sind davon ausgegangen, dass täglich rund 2000 deutsche Fans nach Århus kommen. Diese Einnahmen fehlen uns nun, von der Stimmung ganz zu schweigen.“

          Ganz Dänemark träumt von einem Wintermärchen. Und Deutschland schaut zu. Das passt dem Veranstalter gar nicht. Aber niemand kann es mehr ändern. Der peinliche Reinfall vom Juni 2013, als Bundestrainer Martin Heubergers Mannschaft in Montenegro verlor und zum ersten Mal überhaupt ein kontinentales Kräftemessen verpasste, gräbt als Folge auch ein Loch in dänische Kassen.

          In Dänemark ist Handball Volkssport Bilderstrecke
          In Dänemark ist Handball Volkssport :

          „Wir waren damals geschockt“, sagt Per Bertelsen, der dänische Verbandspräsident. An den Spielorten Herning, Ålborg und Kopenhagen sind fast alle Karten verkauft. Im grenznahen Århus, wo nun Serbien, Polen, Frankreich und Russland spielen, bleibt die Nachfrage verhalten.

          Was die Veranstalter sorgt, kümmert die Fans im kleinen Königreich dagegen kaum. Auch ohne den großen Nachbarn feiern sie ihre Party. 13.000 Fans in Rot und Weiß bejubelten am Sonntagabend den 29:21-Auftaktsieg der Dänen gegen Montenegro. Jedes Tor, jede Parade wurden in der „Boxen“ genannten Arena in Herning beklatscht. Und am Montag rechneten die dänischen Zeitungen nach der überzeugenden Leistung schon mal den Weg ins Finale vor.

          In jedem „Kuhdorf“ gibt es eine Halle

          Erst einmal gehen die Feierlichkeiten an diesem Dienstag (20.15 Uhr) mit dem Spiel der Dänen gegen den Überraschungssieger vom frühen Sonntagabend weiter - Österreich hatte da die Tschechen mit dem Kieler Filip Jicha 30:20 geschlagen. Dieses Spiel war mit 13.000 Zuschauern ebenfalls ausverkauft, auch wenn eher das Motto galt: warm feiern für das anschließende Spiel der eigenen Jungs.

          Handball ist Nationalsport in Dänemark, die Spieler sind volksnahe Stars, in jedem „Kuhdorf“ gibt es eine Halle, und als die dänischen Frauen im vergangenen Dezember das Halbfinale der WM in Serbien erreichten, war das die erste Meldung der privaten Nachrichtensender.

          Von den Männern wird mehr erwartet. Schlicht und einfach: der Titel. Den hatte Trainer Ulrik Wilbeks erfahrene und ausgeglichene Mannschaft vor zwei Jahren in Serbien geholt; ein Jahr später folgte der zweite Platz bei der Weltmeisterschaft in Spanien. Zwar haben die Dänen gerade ziemliche Verletzungssorgen - einer ihrer besten Schützen, der Flensburger Linksaußen Anders Eggert, fällt wegen einer Wadenverletzung aus -, doch Wilbek strahlt große Zuversicht aus. „Wenn wir auf uns schauen und das spielen, was wir können, werden wir Europameister“, sagt der schlitzohrige Coach mit der Brille.

          Dänemark will Europameister werden

          Die Dänen sind zu Hause der Favorit. Und sie nehmen diese Rolle an. Ohne Widerrede. Beginnend mit Torwart Niklas Landin von den Rhein-Neckar Löwen über Spielmacher Thomas Mogensen (SG Flensburg) und Kreisläufer René Toft (THW Kiel) bis zum Hamburger Rechtsaußen Hans Lindberg bilden erfahrene Bundesligaprofis das Gerüst der Rot-Weißen. Und in dem Rückraumshooter Mikkel Hansen von Paris Saint-Germain haben die Dänen auch einen Mann, der immer eine Lösung parat hat: Zur Not hämmert er den Ball einfach mit Höchstgeschwindigkeit in die Maschen.

          Wer so viel Qualität in den eigenen Reihen hat und zudem weiß, dass bei der ewigen Konkurrenz aus Spanien und Frankreich der Fokus eher auf den Olympischen Spielen 2016 liegt und ein Umbruch in vollem Gang ist, geht gern und selbstsicher als Titelkandidat ins Rennen. Als schärfsten Konkurrenten sieht Wilbek die Kroaten an. Er selbst wird nach der EM übrigens „farvel“ sagen und als Sportdirektor des dänischen Verbandes weitermachen. Seinen Posten übernimmt Gudmundur Gudmundsson, derzeit noch Trainer der Rhein-Neckar Löwen.

          Deutschland muss auf Losglück hoffen

          Und die Deutschen? Sie werden von der Hauptrunde an in Person von DHB-Präsident Bernhard Bauer und Bundestrainer Heuberger an Ort und Stelle sein. „Wenn ich dort bin, wird der Schmerz über die verpasste EM noch einmal wachsen“, hat Heuberger jüngst gesagt.

          Es gibt zum Glück ein attraktives Alternativprogramm: Stimmung aufsaugen, Handballfeste genießen und Kontakte pflegen; beide Verbände sind sich ja wohlgesinnt und werden die WM 2019 gemeinsam ausrichten. Am spannendsten wird für Heuberger aber nicht das Finale am 26. Januar sein, sondern eine Auslosung am selben Tag. Dann wird der Gegner der Deutschen feststehen, der in zwei Spielen im Juni bezwungen werden muss, um bei der WM 2015 in Qatar dabei zu sein. Spiele, von denen Heubergers Verbleib beim Deutschen Handball-Bund abhängt.

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