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Handball-EM : Aus „Bad Boys“ werden „Sad Boys“

  • -Aktualisiert am

Die Leichtigkeit scheint abhandengekommen im deutschen Handball-Team um Gensheimer (links) und Weber. Bild: AFP

Das deutsche Handballteam steht vor dem Spiel gegen Tschechien gehörig unter Druck. Die Bürde, sich als Europameister in der Rolle eines Gejagten zu befinden, ist deutlich zu spüren.

          Handball birgt keine großen Geheimnisse, in jedem Fall sieht das Bob Hanning so. Handball, sagt er, sei einfach zu lesen. Das Grundprinzip lautet: „Kreuzen, stoßen, einlaufen und sperren.“ Damit liegt Hanning keineswegs falsch, allerdings ist das mit der Umsetzung so eine Sache. Sie funktioniert nicht immer wie gewünscht, die deutschen Handballspieler haben das in den vergangenen Tagen leidvoll erfahren. Und mit ihnen Hanning, der umtriebige Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB).

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das Team von Bundestrainer Christian Prokop steht nach dem 25:25 am Mittwoch gegen Mazedonien gehörig unter Zugzwang bei der Europameisterschaft in Kroatien. Was Hanning am Donnerstag, kurz vor der Fahrt von Zagreb nach Varazdin, so beschrieb: „Wir müssen jetzt liefern, ohne Diskussion. Die Wahrheit liegt genau in diesen 60 Minuten.“ Erstmals an diesem Freitag (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF), im Duell mit Tschechien. Am Sonntag folgt das Kräftemessen mit Dänemark, der letzte Hauptrundengegner am kommenden Mittwoch ist Spanien. Hanning bemühte sich, obwohl die Deutschen die nächste Etappe der EM nur mit einem Ertrag von zwei Punkten aus der Vorrunde bestreiten, trotzig Zuversicht zu vermitteln. „Alles noch im grünen Bereich“, sagte er. Für ihn ist das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll.

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          Die Dinge lassen sich – aus der Sicht eines Funktionärs – zweifelsohne so einschätzen. Allerdings werden die Deutschen gegenüber ihren jüngsten Auftritten erheblich zulegen müssen, um die kleine Chance aufrechtzuerhalten, vielleicht doch noch das Halbfinale zu erreichen. „Wir müssen uns“, forderte Prokop, „auf vielen Positionen verbessern.“ Vor allem im Rückraum, wo mit Ausnahme von Steffen Weinhold bisher niemand besondere Akzente setzte. Das schaffte zuletzt Steffen Fäth nicht, auch Julius Kühn, auf dessen Dynamik Prokop gebaut hatte, kommt nicht wie gedacht zum Zuge, der Leipziger Maximilian Janke trat ebenfalls kaum in Erscheinung. Eine deutsche Problemzone, die selbst Hanning zu Kritik veranlasst, etwa im Fall Kühn. „Er kann in Melsungen machen, was er will, aber nicht in der Nationalmannschaft.“

          Prokop verzichtete nun dennoch auf einen personellen Wechsel – anders als vor einigen Tagen, als er den Abwehrspezialisten Finn Lemke nachrücken ließ und damit von seinem ursprünglichen System ein wenig abrückte. Lemke verlieh der Deckung immerhin frischen Halt. „Er hat mir gut gefallen“, sagte Prokop am Tag nach dem Unentschieden gegen Mazedonien. Ihm imponierten nicht zuletzt die „emotionalen Impulse“, die von Lemke ausgingen. Der Leipziger Bastian Roscheck, der für Lemke weichen musste, ist inzwischen nach Deutschland zurückgereist.

          Die Deutschen inszenieren sich, auch wenn Lemke sich als belebendes Element entpuppte, trotzdem nicht als „Bad Boys“ wie vor zwei Jahren bei ihrem Coup in Polen. Eher „Sad Boys“ im Moment? „Das schmeckt mir nicht“, sagte Hanning, „das ist mir noch ein bisschen zu früh.“ Die Unbekümmertheit, mit der Deutschland 2016 unter Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson zu Werke gegangen war, ist in jedem Fall beträchtlicher Anspannung gewichen: Das Team spürt deutlich die Bürde, sich als Europameister in der Rolle eines Gejagten zu befinden, es ist eine beträchtliche Last. „Diese Leichtigkeit“, sagte Hanning mit Blick auf den Handball-Zauber von Polen, „findest du nicht mehr.“ Und er behauptete am Donnerstag, einen größeren Bogen schlagend, dass dies auch der Fußball-Weltmeister Deutschland demnächst in Russland erleben werde. So scheint Hanning nun ein wenig die Tschechen zu beneiden, die sich als eine Art Underdog zum Überraschungsteam dieses Turniers entwickelten und offensichtlich unbeschwert ihre Kreise ziehen. Ganz, wie Hanning glaubt, nach der deutschen Devise von Polen: „Wir rocken mal eine Europameisterschaft.“

          Handball-Deutschland sucht dagegen seine Mitte. Und Prokop ein System, das von seinem Team verinnerlicht wird. Auch daran hapert es offensichtlich noch. Prokop scheint mit seinen Ideen noch nicht zu allen Spielern durchgedrungen zu sein. Hanning aber nimmt den neuen Bundestrainer in Schutz. „Ich bin nicht sein Verteidigungsminister“, sagte er, „aber ich sehe, dass er versucht, der Truppe Stabilität zu geben.“ Nicht immer mit glücklicher Hand, wie zum Beispiel die Nichtberücksichtigung von Lemke zu Beginn der EM gezeigt hatte.

          Wie Hanning klammert sich nun auch Weinhold, eine Art stiller Anführer, daran, dass die Basis für die Deutschen ohne weiteres tragfähig sein kann – ungeachtet der geringen Ausbeute in den zurückliegenden Tagen. „Wir haben trotzdem noch alles in der eigenen Hand“, sagte Weinhold vor der ersten Herausforderung in Varazdin. Und er ist überzeugt, mehr zu bieten als die Tschechen: „Wir haben die bessere Qualität.“ Eine Erfolgsgarantie ist das, speziell in diesen Tagen, aber nicht.

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