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Generikahersteller Stada : Der deutsche Markt verliert an Bedeutung

Eelco Ockers führte Stada Deutschland keine zwei Jahre. Bild: Lucas Bäuml

Der Generikahersteller Stada kommt nicht zur Ruhe. Der Deutschland-Chef geht nach nicht einmal zwei Jahren, und ein Nachfolger ist nicht vorgesehen. Ist das ein Zeichen für eine neue Ausrichtung?

          3 Min.

          Es war schon ungewöhnlich, dass mit Eelco Ockers ausgerechnet ein Niederländer der allererste Deutschland-Chef des Traditionsunternehmens Stada geworden ist. Doch warum nicht, schließlich wollten die damals noch neuen Eigentümer aus Großbritannien und Amerika sowie der von ihnen berufene Konzernchef Peter Goldschmidt nach innen wie nach außen dokumentieren, dass bei Stada in Bad Vilbel nun neue Zeiten angebrochen sind.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch die Ockers-Ära ist schon wieder vorbei, bevor der Holländer in Hessen wirklich heimisch werden konnte. Nach nicht einmal zwei Jahren im Amt verlässt er das Unternehmen, das einst als „Standardarzneimittel Deutscher Apotheker“ gegründet und später mit Marken wie Grippostad, Mobilat und anderen Nachahmerprodukten groß wurde. Ob er freiwillig geht oder auf Druck des Vorstands, wollte ein Sprecher nicht kommentieren.

          Die Aufgabe, die Ockers bei seiner Berufung im September 2019 gegeben wurde, war nicht klein: Er sollte aus Stada ein anderes Unternehmen formen. Denn der Konzern hat bis zuletzt vor allem aus mehreren Töchtern bestanden, die weitgehend eigenständig agierten.

          „Ich bin für alle der Eelco“

          Um viele der bekannten rezeptfreien Medikamente kümmert sich zum Beispiel Stada Consumer Healthcare, das Schwesterunternehmen Stadapharm ist für Spezialtherapeutika und Generikamedikamente zuständig, und Aliud produziert und verkauft unter anderem Generikamedikamente im Rahmen von Rabattverträgen mit Krankenkassen.

          Ockers sollte dafür sorgen, dass gerade diese drei Einheiten stärker miteinander kooperieren und für Synergien sorgen – auch um Kosten zu senken und Gewinne zu steigern. „One Stada“ nennt der Konzern dieses neue Unternehmensziel, weitere sind Agilität, Integrität und Unternehmergeist.

          Ockers wollte diesen Kulturwandel befeuern, indem er zum Beispiel auf das Siezen verzichtete, „Ich bin für alle einfach der Eelco“, erklärte er vor Kurzem, während er ohne Krawatte und mit Sneakern und bunten Socken durch die Firmenzentrale eilte.

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          Ein Pharmaexperte ist er nicht, er brachte stattdessen Erfahrungen von den Konsumgüterkonzernen Unilever, Procter & Gamble und Reckitt Benckiser mit, bei denen es stärker auf Vermarktung und Produktentwicklung ankommt als auf Wirkstoffe.

          Seine Propagandisten des Wandels wurden „Change Agents“, junge Frauen, die Konzepte erarbeiteten, wie den Mitarbeitern der neue Umgangston und die Ziele zu vermitteln sind. Ideenwettbewerbe und Agilitätsmethoden etwa sollen Mitarbeiter dazu motivieren, Produkte schneller als bisher auf den Markt zu bringen.

          Agilität sei in anderen Branchen längst Standard, in der Pharmabranche dagegen noch sehr unüblich, sagte Ockers. Auch dass man Besprechungen per Videokonferenz abhalten kann, wurde in seiner Zeit zur Selbstverständlichkeit. Nicht nur wegen Corona. Der Niederländer war an Wochenenden bei der Familie an der niederländischen Nordseeküste.

          Wachstum in Schwellenländern

          Stada, das sagte Ockers in mehreren Gesprächen, sei in der Vergangenheit ein eher mittelständisches Unternehmen gewesen, dessen Fokus sehr stark auf Deutschland gelegen habe. „Das sind wir nun nicht mehr.“

          Womöglich erklärt diese Ausrichtung auf Größeres als nur den deutschen Markt aber auch, warum der Deutschland-Chef schon wieder geht. Denn das Geschäft auf dem Heimatmarkt ist noch immer wichtig, in Relation zu den anderen Märkten verliert es aber an Bedeutung. 

          Von den mehr als 12.000 Beschäftigten, die Stada im letzten Geschäftsbericht ausgewiesen hat, waren zum Jahreswechsel nur etwas mehr als ein Zehntel in Deutschland beschäftigt – 2010 war es fast jeder Sechste.

          Zwar hat Ockers seitdem nach eigener Aussage rund 400 neue Mitarbeiter in Deutschland eingestellt, insgesamt seien es nun rund 1500. Doch in anderen Ländern und Regionen wächst das Unternehmen nun mal deutlich stärker, vor allem in Russland und den Schwellenländern.

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          Die Eigentümer, die Finanzinvestoren Bain und Cinven, wollen Stada schnell zu einem Global Player aufbauen – und damit dessen möglichen Verkaufswert kräftig steigern.

          Die Finanzinvestoren aus Boston und London hatten 2017 eine Mehrheit an Stada für damals mehr als fünf Milliarden Euro von den bisherigen Eignern erworben, darunter viele Apotheker und Ärzte.

          Später erwarben sie auch die übrigen Anteile und nahmen das Unternehmen von der Börse. Dem vorausgegangen waren turbulente Jahre in Bad Vilbel, mit Machtkämpfen, Revolten auf Hauptversammlungen, mehreren Übernahmeschlachten, dem Sturz des Patriarchen Hartmut Retzlaff und Vorstandswechseln im Quartalstakt.

          Bain und Cinven hingegen investierten in den Folgejahren, allein 2020 kam Stada auf sieben Übernahmen und den Erwerb von 80 Pharmamarkten. Allein das Portfolio des japanischen Konkurrenten Takeda kostete rund 600 Millionen Euro.

          Plus von 18 Prozent

          In der Folge stieg der Umsatz auf nun mehr als drei Milliarden Euro, ein Plus von 18 Prozent innerhalb eines Jahres und doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. In diesem Tempo soll es weitergehen.

          Welche Rolle dabei der deutsche Markt – und damit auch die Zentrale in Bad Vilbel – spielen wird, ist offen. Ein neuer Geschäftsführer Deutschland ist jedenfalls vorerst nicht mehr vorgesehen, den Heimatmarkt soll nun der für ganz Europa zuständige Steffen Wagner mit betreuen.

          Der Dreiundvierzigjährige kam vor drei Jahren zu Stada, ist Arzt und war zuvor bei Tochterunternehmen des Novartis-Konzerns beschäftigt. Damit ist nun wieder ein Pharma-Kenner für den Heimatmarkt zuständig, der diesen allerdings nun zusammen mit allen anderen europäischen Ländern steuert. Für das neue Stada, scheint es, ist Deutschland nur noch eine Region in Europa. Doch Steffen Wagner sieht das anders: „Deutschland ist und bleibt der wichtigste Markt für Stada.“ Man wolle in den drei Kernbereichen Consumer Health Care, Generika und Spezialpharmazeutika die Marktposition weiter ausbauen.

          Dieser Beitrag wurde am 10.6.21 um zwei Sätze ergänzt.

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