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Studium für Senioren : Keine Prüfung, kein Druck – Uni lockt mit Angebot für Ältere

  • Aktualisiert am

Lebenslanges Lernen: Universitäten locken Rentner mit eigenen Kursen (Symbolbild). Bild: dpa

Buddhismus, Kunstgeschichte, Psychologie: Die Universität Frankfurt bietet viele interessante Kurse eigens für ältere Menschen. Den Teilnehmern geht es nicht um Karriere, sondern um Weiterbildung – und Spaß.

          „Ist das Mikrofon mit der Lautstärke gut?“, fragt Monika Knopf am Anfang der Vorlesung in den Raum. Zwei Studenten aus den vorderen Reihen schütteln die Köpfe. Die emeritierte Psychologieprofessorin regelt nach. So mancher im Saal nickt erleichtert. Auch für Roswitha Waldmann ist gutes Hören wichtig: Wegen einer Augenkrankheit sieht die 74 Jahre alte Frau nicht, was auf der Präsentation steht, die die Dozentin an die Wand wirft. „Ich höre“, erklärt sie ihre Strategie, um Wissen aufnehmen zu können. Mit ihrem dicken schwarzen Filzstift notiert sie während der Vorlesung Stichpunkte in ihren Block.

          Seit sieben Jahren belegt Roswitha Waldmann Kurse an der „Universität des dritten Lebensalters“ (U3L). Die Bildungseinrichtung wurde 1982 an der Goethe-Universität Frankfurt gegründet. Die Zahl der Studierenden ist nach Angaben der U3L fast kontinuierlich gestiegen. Waren es vor zehn Jahren noch knapp 3000 Hörer, sind es nun rund 3700. Das Abitur oder bestimmtes Vorwissen müssen die Teilnehmer nicht vorweisen, Prüfungen und Leistungsdruck gibt es nicht. Die Kurse können frei nach Interesse belegt werden, das Studium endet ohne Abschluss. Dafür wird eine Semestergebühr von 110 Euro fällig.

          Versäumtes nachholen

          „Für mich ist das nochmal eine Möglichkeit, Wissen dazuzubekommen“, sagt Roswitha Waldmann. „Für ein Mädchen war es in meiner Familie nicht üblich, dass sie unbedingt studieren muss, die heiratete sowieso. Das war das Denken der Generation früher“, erinnert sie sich. Nach ihrer Ausbildung bei der Oberpostdirektion sei sie bald daheim geblieben und habe sich erst um ihre beiden Kinder gekümmert, schließlich angefangen zu malen. „Ich habe dann ein sehr interessantes und ausgefülltes Leben auch ohne Beruf geführt, insofern hat sich das für mich nie ergeben. Und nun hole ich noch ein bisschen Versäumtes nach.“

          Buddhismus, Kunstgeschichte, Psychologie - im Laufe der Semester hat Waldmann schon in verschiedene Bereiche reingehört. Besonders gerne geht sie in Veranstaltungen, die ihr Spaß machen und aus denen sie direkt etwas für ihr Leben mitnehmen kann. So wie bei der Psychologin Knopf, die in diesem Semester das Thema Intelligenz aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

          Formale Altersgrenzen gibt es nicht

          Sie wolle die Erkenntnisse systematisch und anschaulich aufbereiten, sagt Knopf. Manche methodische Feinheit oder Detailinformation lasse sie bei den Vorlesungen speziell für Senioren weg. Dafür kann sie als Beispiele auf Ereignisse aus den vergangenen Jahrzehnten hinweisen, die die Lernenden aus ihrer Lebenszeit kennen. Als Dozentin sei es spannend, sich auf die große Lebens- und oft auch Berufserfahrung ihrer älteren Studierenden einzustellen.

          Die „Universität des dritten Lebensalters“ in Frankfurt ist das einzige Studienprogramm an einer staatlichen Universität in Hessen, das direkt auf Senioren zugeschnitten ist. 71 Jahre alt sind die Hörer im Durchschnitt, die derzeit jüngste Teilnehmerin ist 45, der älteste 91 Jahre alt. Formale Altersgrenzen gibt es nicht.

          627 Studenten ab 60 Jahren sind in Hessen eingeschrieben

          In ganz Hessen zieht es Ältere an die Universitäten: 627 Studenten ab 60 Jahren sind regulär an Hochschulen im Land eingeschrieben. Dazu kommen 503 Gasthörer der Altersgruppe, die das Statistische Landesamt im aktuellen Wintersemester gezählt hat. Sie besuchen ausgewählte Veranstaltungen aus dem normalen Angebot der Universitäten und lernen darin zusammen mit jungen Studenten. Referate halten und Prüfungen schreiben entfällt aber auch für Gasthörer.

          Für Bernd Werner Schmitt vom Akademischen Verein der Senioren in Deutschland (AVDS) passt dieses Angebot gut zu den Bedürfnissen älterer Studenten. Für viele Senioren sei zudem das „Uniflair“ interessant: „Die Lebendigkeit kommt von den jüngeren Studenten und das genießen die Älteren.“ Aber auch Programmen speziell für Senioren kann er Positives abgewinnen: An der U3L zum Beispiel gebe es gute Strukturen. Denn eigene Ansprechpartner und eine Einführungsveranstaltung seien wichtig, um gut informiert zu sein und sich kulturell an der Uni anzupassen.

          Persönliche Entwicklung statt Qualifizierung

          In der Zeit nach dem Berufsleben gehe es beim Lernen nicht mehr um Qualifizierung, sondern um die persönliche Weiterentwicklung, sagt Silvia Dabo-Cruz von der U3L. Dazu gehöre, geistig beweglich zu bleiben.

          Mit der S-Bahn fährt Roswitha Waldmann jeden Donnerstag zusammen mit zwei Freundinnen aus dem Hochtaunuskreis zu ihren beiden Vorlesungen in Frankfurt. „Wenn ich hier in der Nähe wohnen würde, käme ich noch öfter her zur U3L. Das Programm ist so umfangreich und so interessant, da würde ich auch noch andere Dinge rausfinden.“ Den Rückweg nutzen die Freundinnen, um sich über das Gehörte auszutauschen. Dass keine jungen Studenten im Hörsaal dabei sind, macht Roswitha Waldmann nichts aus: „Wenn ich einem jungen Studenten einen Platz wegnehmen würde, dann würde ich nichts belegen.“

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