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Frankfurter Rat zu Citybahn : „Wiesbaden braucht eine moderne Stadtbahn“

Vorbild für Citybahn-Befürworter: die Straßenbahn in Straßburg Bild: Imago

Es heißt, der Frankfurter denkt immer erst an sich. Doch Verkehrsdezernent Klaus Oesterling rät den Wiesbadenern, für die neue Citybahn zu stimmen. Dabei könnte seine Stadt von einem Scheitern sogar profitieren.

          5 Min.

          Wie sollen die Wiesbadener beim Bürgerentscheid am Sonntag abstimmen?

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich kann nur raten, mit Ja zu stimmen. Die gegenwärtige Verkehrssituation in Wiesbaden ist desolat. Wenn Sie aus dem Hauptbahnhof herausgehen, kommt alle Sekunde ein Bus und verpestet die Luft, auch wenn sich das mit neuen Technologien ändern mag. Ein derart intensiver Busverkehr, wie ihn die Landeshauptstadt hat, ist für eine Stadt in der Größe von Wiesbaden mit ihren mittlerweile mehr als 290.000 Einwohnern völlig inakzeptabel. Die Stadt braucht ein modernes, leistungsfähiges System, und das ist die Stadtbahn oder Citybahn. Das fordern sogar die Busfahrer und sagen, das Bussystem hat seine Grenzen erreicht.

          Die Kritiker, die sich lautstark zu Wort melden, argumentieren: Für Straßenbahnen müssten Bäume, ganze Alleen gefällt und Parkplätze aufgegeben werden.

          Es ist keineswegs zwingend, dass die Straßenbahn auf voller Länge überall einen eigenen Bahnkörper bekommt, die kann auch auf der Straße mitfahren. Soweit ich weiß, kommt der Widerstand vor allem aus dem Wiesbadener Stadtteil Biebrich, dort wird aber teilweise mit falschen Fakten argumentiert. So hängen Plakate an Bäumen, dass diese gefällt werden müssten. Das ist so in den Plänen überhaupt nicht zu finden.

          Eine Straßenbahn braucht keine eigene Trasse?

          Man kann eine Straßenbahn insbesondere im innerstädtischen Bereich mit dem allgemeinen Verkehr führen, wie es in Frankfurt auf der Braubachstraße, der sogenannten Altstadtstrecke, geschieht, wo sich Autos und Bahnen den Raum teilen.

          Die Gegner führen zudem an, Straßenbahnen seien nicht modern und nicht flexibel. Busse seien überall einsetzbar.

          Frankreich ist das Ursprungsland der modernen Straßenbahn. In den vergangenen 20 Jahren haben dort mehr als zwei Dutzend Städte die Straßenbahn wieder eingeführt. Städte, die wie Wiesbaden früher eine hatten und in der Nachkriegszeit, in den fünfziger und sechziger Jahren, sie alle stillgelegt haben, weil die Wagen veraltet, der gesamte Wagenpark verrottet, der Gleiszustand furchtbar war. Das war in den fünfziger Jahre auch in Wiesbaden der Fall. Heute fahren in Straßburg, Marseille oder Nizza hochmoderne Straßenbahnen, die sehr populär sind und eine riesige Nachfrage haben.

          Zumal eine Straßenbahn natürlich mehr Personen aufnehmen kann als ein Bus.

          Nicht einmal dieses Argument lässt die Bürgerinitiative gelten. Sie will ja Buszüge, also Mehrgelenkbusse anschaffen. Natürlich kann man einen Bus so lang machen, wie man will. Aber es hat sich bisher gezeigt: Überall, wo neue Straßenbahnlinien geschaffen wurden, ob in Frankreich oder bei uns in Frankfurt, gehen die Benutzerzahlen nach oben. In Frankfurt zeigt sich das auf der Stresemannallee oder auf der Friedberger Landstraße. Ganz offensichtlich empfinden die Bürger die Fahrt in einer Straßenbahn attraktiver als in einem Bus.

          Können Sie verstehen, warum ein solcher Streit um die Stadtbahn entbrannt ist?

          Ich glaube, der wesentliche Grund ist ein psychologischer. Die Straßenbahn hat in der Vergangenheit in Wiesbaden einen ganz anderen Stellenwert gehabt als in Frankfurt. Einen viel niedrigeren. Wiesbaden war vor hundert Jahren eine Residenzstadt, und da war die Straßenbahn immer unbeliebt. Ursprünglich waren es zwei Straßenbahnbetriebe, einer davon privat. Beide sind runtergewirtschaftet worden, so dass in den fünfziger Jahren die Straßenbahn in Wiesbaden stillgelegt wurde. Das wirkt offenbar noch nach. Aber man sollte sich von den Stimmungen aus den fünfziger Jahren trennen und sich klarmachen, dass die Straßenbahn heute ein modernes Verkehrsmittel ist. Das Paradebeispiel im Rhein-Main-Gebiet gibt es in der Nachbarstadt mit der Mainzelbahn und einer hohen Nachfrage.

          In Frankfurt hat die Stadtbahn einen hohen Stellenwert?

          In Frankfurt ist die Straßenbahn immer ein populäres Verkehrsmittel gewesen. Die Trambahn war ein Begriff, sie stand für Qualität. In den achtziger Jahren haben sich mehrere zehntausend Bürger dafür eingesetzt, dass die Altstadtstrecke nicht stillgelegt wird und die schienenfreie Innenstadt nicht kommt. Zum Glück haben sie das damals durchgesetzt. Heute sind wir froh, dass es so gekommen ist.

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