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Lachs-Ansiedlung : Kaum einer kehrt zurück

Auf den Lachs lauern viele Gefahren: Sie werden illegal gefangen oder sterben in Wasserturbinen. Bild: dpa

Der Versuch der Wiederansiedlung des Lachses bedeutet im Ergebnis die systematische Fütterung des Kormorans. Aber es gibt noch mehr Gründe, warum der Erfolg überschaubar ist.

          Der Aufwand ist hoch, der Erfolg bescheiden. Seit 20 Jahren versuchen sich Experten an der Wiederansiedlung des Lachses in der Wisper als Teil eines großangelegten internationalen Projektes im Einzugsgebiet des Rheins. Doch von den Tausenden ausgesetzter Babylachse, die schließlich als Jungfische ins Meer abwandern und nach Jahren ausgewachsen zum Laichen in ihr Geburtsgewässer zurückkehren sollen, schaffen es nur wenige. Die Zahl der Rückkehrer nach Hessen stagniert auf niedrigem Niveau, und eine durchgreifende Besserung ist nicht in Sicht.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Gründe liegen auf der Hand. Es werden noch immer zu viele Lachse illegal gefangen oder versehentlich als „Beifang“ von Fischern erbeutet. Der Ausbau der Nutzung der Wasserkraft fordert ihren Tribut in den für die Fische tödlichen Turbinen. Und der heute geschützte Kormoran, den die Fischer einst als Konkurrenten gefürchtet und gejagt haben, hat sich in einem Maße vermehrt, dass der Eingriff in den Fischbestand messbar hoch ist.

          20 Jahre Wiederansiedlung

          In einem Bericht, den Jörg Schneider von der Frankfurter „Bürogemeinschaft für fischökologische Studien“ vorgelegt hat, wird vermutet, dass Fischer und Angler, Turbinen und Kormorane für mehr als drei Viertel der Verluste in den Wanderkorridoren der Lachse verantwortlich sind. Vor allem zu viele Kormorane sind offenbar der Lachse Tod.

          Das Vorhaben, den Mitte der neunziger Jahre als nahezu ausgestorbenen Edelfisch in Rhein und Nebenflüssen wieder heimisch werden zu lassen, ist ins Stocken geraten. Dabei galt die Wisper wegen ihrer Struktur, ihrer Morphologie und ihrer Wasserqualität als ideales Gewässer, um auch in Hessen das ehrgeizige Wiederansiedlungsprojekt zu starten. Das war vor 20 Jahren. Im Jahr 1999 wurden dann als Initialbesatz im Mittellauf der Wisper 26.500 Lachsbrütlinge ausgesetzt. Vier Monate später waren 95 Prozent schon tot. Die Fachleute zogen ihre Lehren daraus, drehten an den möglichen Stellschrauben, wechselten die Herkunft der Babyfische und änderten den Termin für die Aussetzung. Zudem wurden mit großem Aufwand Wehre umgestaltet, weil sie ernste Wanderhindernisse darstellten.

          Gefundenes Fressen: Von der Lachs-Ansiedlung profitierte vor allem der Kormoran.

          Das zeigte zwar Erfolge, doch diese blieben bescheiden, obwohl seit 1999 insgesamt rund 420.000 Lachse in unterschiedlichen Entwicklungsstadien in der Wisper ausgesetzt wurden. Immerhin wurden dort im Jahr 2002 die ersten Lachs-Rückkehrer in einem hessischen Gewässer seit mehr als 100 Jahren identifiziert. Trotz aller Rückschläge gilt das Wisper-Projekt damit als das hessenweit erfolgreichste, weil nur hier die natürliche Vermehrung dokumentiert werden konnte. Damit war der Lebenszyklus des Lachses in der Wisper geschlossen worden.

          Doch die Zahl der Rückkehrer ist mit weniger als drei Dutzend in zwei Jahrzehnten mehr als bescheiden. „Die Entwicklung der Rückkehrrate und des Reproduktionserfolgs entspricht derzeit nicht den Erwartungen“, heißt es dazu in der aktuellen Bilanz. Und das gilt auch für alle anderen Projekte am Rhein, im Bundesland Hessen an der Kinzig und am Schwarzbach im Taunus. Die Wisper-Bilanz für 2017 enthält daher auch einen Forderungskatalog. Der sieht unter anderem die Einrichtung weiterer Fischerei-Schongebiete, intensivere Kontrollen der Fischer und ein besseres Turbinenmanagement an Wasserkraftwerken vor.

          Langjähriger Problemvogel

          Doch „solange im Deltagebiet gefangene Lachse und Meerforellen auf niederländischen Fischmärkten trotz Fang- und Vermarktungsverbot feilgeboten werden können, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zieht, dürfte auch am deutschen Rhein das bestehende Fangverbot kaum durchsetzbar sein“, lautet die ernüchternde Bilanz der Fachleute. Ein „Populationsmanagement von Kormorankolonien“, das in der Praxis auf begrenzte Jagd hinauslaufen würde, scheint politisch kaum durchsetzbar. Dies dürfe aber nicht dazu führen, „das Problem wie bisher zu vernachlässigen“. Die Bestände des Kormorans hätten am Rhein und seinen Nebenflüssen seit 20 Jahren „exorbitant“ zugenommen, heißt es in der Analyse.

          Unter den Fischern gilt der Kormoran deshalb längst als Problemvogel. Der Landesfischereiverband Bayern beispielsweise beklagt einen „übermäßigen Fraßdruck“ durch den Kormoran in fast allen Gewässern des Freistaats. Zwar ist der Kormoran als europäische Vogelart nach der europäischen Vogelrichtlinie geschützt, und daher ist es grundsätzlich verboten, Kormorane zu töten. Doch die Länder können zur Abwendung erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schäden und zum Schutz der natürlich vorkommenden Tierwelt Ausnahmen zulassen, die auch schon vor Oberverwaltungsgerichten Bestand hatten.

          Das tun sie zwar, doch gilt die hessische Regelung unter den Fischern als besonders unflexibel und bürokratisch. Baden-Württemberg habe das viel besser gelöst. Nach Angaben der Bundesregierung ist die Zahl der Kormoran-Brutpaare von 2010 bis 2016 um 5300 auf fast 49.000 gewachsen. Die Fischereiverbände erwarten deshalb von der Bundesregierung, sich gegenüber der EU-Kommission für eine Änderung des Schutzstatus des Kormorans starkzumachen. Das Europäische Parlament hat kurz vor der Sommerpause die EU-Kommission aufgefordert, „gemeinsam mit den Mitgliedstaaten Maßnahmen zu ergreifen, die die Kormoranbestände mit allen Mitteln drastisch auf ein derartiges Maß reduzieren, dass einerseits deren Bestandserhaltung gewährleistet wird und andererseits keine Bedrohung für andere Arten entsteht und Schäden in den betroffenen Aquakulturen abgewendet werden.“

          Die Fischer warten nun auf tatsächliche Schritte, damit der Vogelschutz nicht den Artenschutz und die Artenvielfalt im Wasser konterkariert. Denn auch der Lachs ist gemäß hessischer Landesfischereiverordnung ganzjährig geschützt und darf nicht gefangen oder entnommen werden. Nur der Kormoran hält sich daran nicht.

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