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Festival „Literaturm“ : Lies mich, ich erklär dir die Welt

Einige Autoren, die in Frankfurt und Umgebung zu Gast sind: Guntram Vesper, Thea Dorn, Herta Müller, Friedrich Christian Delius, Reinhard Jirgl, Katharina Hacker, Thomas von Steinaecker, Frank Witzel, Nora Gomringer und Brigitte Kronauer Bild: Eva Revolver, Sepia

Je mehr Bücher, desto besser: Zum achten Mal veranstaltet die Stadt Frankfurt im Juni das Festival „Literaturm“.

          4 Min.

          Der Schriftsteller blickt ins Buch, aus dem er gerade vorliest. Der Blick des Besuchers schweift derweil über die Stadt. So ist es jedes Mal beim Festival „Literaturm“, das vom Frankfurter Kulturamt dieses Jahr zum achten Mal veranstaltet wird und am 1. Juni beginnt. Literatur in Hochhäusern, Lektüre mit Andacht und Aussicht: Das Lesefest entstand, um an den Orten, an denen Frankfurt sich am deutlichsten von anderen deutschen Städten unterscheidet, also in seinen Wolkenkratzern, auf das hinzuweisen, was sich aus der deutschsprachigen Literatur des jeweiligen Augenblicks gerade heraushebt und daher besondere Aufmerksamkeit verdient.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von der Gefahr einer Überbetonung der Veranstaltungsorte ist man in den vergangenen Jahren allerdings zu Recht abgekommen. Anstatt auf die attraktive Hülle haben sich die Organisatoren auf den anregenden und herausfordernden Festivalinhalt konzentriert. Mit Erfolg: Nicht umsonst gilt das Programm von „Literaturm“, dessen Kern wie bei allen vergleichbaren Festivals die Vorstellung neu erschienener Bücher ist, als ungewöhnlich durchdacht und beziehungsreich.

          Lesung mit Ausblick

          „Der entgrenzte Text“ lautet das Thema dieses Jahres. Elf Tage lang nehmen sich mehr als 90 Schriftsteller, Dichter und Dramatiker, Schauspielintendanten, Filmregisseure und Musiker Zeit, um in knapp 50 Veranstaltungen der Frage nachzugehen, was passiert, wenn das Buch gelesen, sein Inhalt aber noch immer so faszinierend ist, dass er nach einer anderen Darbietungsform verlangt. Oder warum umgekehrt aus einem bestimmten Stoff kein Theaterstück werden konnte, sondern ein Roman die einzig angemessene Form war. Und wie kommt es überhaupt, dass Schriftsteller und Künstler aller Sparten gerade so gerne darauf achten, was sich in den Nachbarkünsten tut? Nur, um sich bei den dort erprobten Ideen und künstlerischen Verfahren ungeniert zu bedienen?

          Fragen wie diesen geht das Festival zum ersten Mal mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes nach. Aber das betrifft lediglich den organisatorischen Überbau. Unverändert geblieben ist die Basiszuneigung zur Lesung mit Ausblick. Sie eint Veranstalter und Besucher. Diverse Stockwerke des Frankfurter Opernturms und der benachbarten BHF-Bank sind daher auch in diesem Jahr wieder faszinierende, sonst kaum zugängliche Lesungsorte, die sicher abermals so gut besucht sein werden wie in den vergangenen Festivaljahren.

          Neue Veranstaltungsorte gibt es allerdings ebenfalls, auch das ist bei „Literaturm“ gute Tradition. Zum ersten Mal mit dabei sind in diesem Jahr die Städelschule und die Ausstellungshalle 1a. Wohl noch nie hat „Literaturm“ so viele Organisationspartner gehabt, vom Frankfurter Literaturhaus und dem Hessischen Literaturforum bis zu weiteren vor den Toren der Stadt. Dass sich diverse Beteiligte zusammengerissen und dazu aufgerafft haben, ist nach der Auseinandersetzung um die in Eigenregie organisierten Literaturveranstaltungen des Frankfurter Kulturamts im vergangenen Frühjahr ein besonders begrüßenswertes Signal.

          Zehn exzellent besetzte Lesungen in der Region

          Erfreulich ist auch, dass die Zahl der Veranstaltungen im gesamten Rhein-Main-Gebiet, das vor vier Jahren zum ersten Mal mit dabei war, noch einmal ausgeweitet worden ist. Zehn exzellent besetzte Lesungen in der Region gibt es, die der Neigung der örtlichen Bevölkerung entgegenkommen, literarische Unterhaltung niemals jenseits der eigenen Stadtgrenze zu suchen. Von entgrenzten Texten kann zumindest in dieser Hinsicht kaum die Rede sein. Während sich die Besucher von Popkonzerten ohne Probleme auf die Autobahn machen, bleibt man bei Lesungen gerne in der Nähe des heimischen Ohrensessels. Unterstützt wird das literarische Cocooning auch in diesem Jahr vom Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main.

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