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„Hair“ in Bad Hersfeld : Erinnerungen an das Wassermannzeitalter

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Haarig: Christof Messner als Claude in „Hair“ in Hersfeld Bild: dpa

50 Jahre nach Achtundsechzig stehen in Bad Hersfeld die Hippies von „Hair“ wieder auf der Bühne. Reine Nostalgie.

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          Damals lautete die klassische Mutterfrage: „Warum lässt du dir nicht mal die Haare schneiden?“ Die Väter waren meistens etwas robuster: „Du siehst aus wie ein Gammler“, herrschten sie ihre Söhne an. Da kam den aufmüpfigen jungen Menschen das Musical „Hair“ gerade recht, das die zottigen Frisuren à la Jesus nebst den Schlaghosen und Batik-Hemden, die Drogen von Haschisch bis LSD oder Love, Peace und die kosmische Erleuchtung durch Krishna feierte. Bis in die tiefste deutsche Provinz hinein führte nach 1968 der Zeitgeist dieses Popmusical, das vor 50 Jahren seinen Siegeszug am Broadway in New York begonnen hatte.

          Das von den Hippies ersehnte Zeitalter des „Aquarius“, in dem Harmonie und Verständnis unter einem neuen Menschengeschlecht herrscht, ist leider nie gekommen. Aber schön war die Zeit des Ausflippens vor 50 Jahren offenbar doch, sonst wären wohl nicht so viele ältere Herrschaften, denen die einst wallende Mähne längst abhandengekommen ist, nach Bad Hersfeld in die Stiftsruine zur Premiere von „Hair“ geeilt.

          50 Jahre nach Vietnam-Protest

          Warum haben die Festspiele den alten Hippie-Fetzen noch einmal auf der Bühne ausgepackt? Gewiss hat ein Profi wie der für das jetzige Programm noch weitgehend verantwortliche Ex-Intendant Dieter Wedel vorausgeahnt, dass 50 Jahre nach Vietnam-Protest, Studentenunruhen und Bewusstseinserweiterung ein Achtundsechziger-Revival den Publikumsgeschmack bestens treffen würde. Und was eignet sich dafür mehr als „Hair“, dessen Hits wie „Let the Sunshine in“ selbst vielen Jüngeren im Ohr sind.

          Die große Frage, ob die ollen Hippieklamotten auch Menschen des 21. Jahrhunderts noch passen, ob also „Hair“ im Zeitalter von Google, Trump und allgemeinem Rechtsruck uns noch etwas, gar etwas Neues zu sagen hat, beantwortet Regisseur Gil Mehmert in seiner Inszenierung mit einem klaren – Nein. Er vermeidet jegliche Aktualisierung des Stoffs, der freilich eher ein musikalisches Band darstellt und sich einer Geschichte mit dramatischer Entwicklung weitgehend enthält.

          Keine Enttäuschung, im Gegenteil

          Zumindest die Musik funktioniert in dieser Produktion prima, die Band, auf einer Bühne auf der Bühne plaziert, vor der sich das Kommune-Geschehen abspielt, läuft unter der energischen Leitung von Christoph Wohlleben zu Hochform auf. Auch die Sänger, allen voran Bettina Mönch als Sheila, röhren und säuseln, was das Zeug hält. Musikalisch erleben die Zuschauer in Hersfeld also keine Enttäuschung, im Gegenteil: Die alten Ohrwürmer kringeln sich angenehm nostalgisch in die Gehörwindungen.

          Szenisch lässt die Regie die Gemeinschaft der Hippies in allerlei Variationen agieren, ohne dass indes viel geschähe. „Hair“ bleibt eher ein Bilderbogen als ein Theaterstück, in loser Folge reihen sich kleine Episoden aneinander. Dramatisch wird es nur, wenn die friedensbewegten Aussteiger gegen den Krieg in Vietnam, der den aus der Provinz zu den Kommunarden gestoßenen Claude (Christof Messner) am Ende das Leben kosten wird, sich vor einer knüppelschwingenden Polizeikette ausziehen und ihre Verletzlichkeit gegen die physische Gewalt setzen. Schon in der ersten amerikanischen Produktion war ein Nackter auf der Bühne zu sehen gewesen, was damals als Skandal empfunden wurde. Jetzt strippt das halbe Ensemble, ohne dass dieser nackte Protest obszön wirken würde. Wenn Sheila als einzige zurückbleibt, vor den prügelnden Cops nur geschützt durch ihre Gitarre, erscheint das als ein fast archaisches Bild, das in Erinnerung bleibt.

          Überhaupt spielen optische Eindrücke in diesem Stück eine ausschlaggebende Rolle. Kostümbildnerin Dagmar Morell hat tief in die Flohmarktkiste gegriffen und wallende Röcke, geblümte Blusen, Jacken mit Fransen, Stirnbänder oder lange Halsketten in vielen bunten Farben herausgeholt. Bühnenbildner Jens Kilian orientiert sich am legendären Woodstock-Festival und lässt links und rechts der Rockbühne Boxenwände wummern. Sogar Jimi Hendrix selig steigt noch einmal aus seinem Grab und zerfetzt mit seiner Gitarre die amerikanische Nationalhymne.

          Was waren diese Hippies damals nette Liebes- und Friedensengel, denkt man, verglichen jedenfalls mit den vielen narzisstisch gestörten jungen Menschen heute, die viel seltsamere Frisuren tragen und dazu noch von unten bis oben gepierct und tätowiert sind. Ihnen wünscht man etwas von der fröhlichen Hippie-Kultur, die „Hair“ in Bad Hersfeld wieder aufleben lässt.

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